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CAMILLA NYLUND: Sänger sein, bedeutet ewiges Studium

17.01.2016 | INTERVIEWS, Sänger

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CAMILLA NYLUND

Sänger sein,
bedeutet ewiges Studium

Man müsste „Frau Kammersängerin“ zur der schönen nordischen Blondine sagen, denn wenn auch die Österreicher ihr diesen Titel nicht verliehen haben, die Sachsen taten es für ihre lange und erfolgreiche Arbeit in Dresden. Aber Camilla Nylund ist so locker, so jugendlich, so selbstverständlich in ihrer Bodenhaftung, dass man gar nicht auf die Idee käme, sie mit einem pompösen Titel anzusprechen. Und reden kann man mit der Finnland-Schwedin, deren Deutsch perfekt ist, einfach über alles.

Das Gespräch führte Renate Wagner

Frau Nylund, wir sehen Sie im Jänner 2016 wieder einmal in unserer alten „Salome“-Inszenierung von Boleslaw Barlog.

Ja, aber diese „alte“ Inszenierung ist ein Klassiker, von dem wirklich jeder schwärmt, und die Ausstattung von Jürgen Rose ist großartig. Noch Ioan Holender hat sie „auffrischen“ lassen, und auch Dominique Meyer möchte, dass die „Salome“ wie neu erstrahlt und lässt das Licht neu einrichten – ich glaube, dazu kommt Jürgen Rose sogar selbst nach Wien. Für mich ist an dieser Serie so wichtig, dass der junge Finne Mikko Franck dirigiert, mit dem ich schon einige Male zusammen gearbeitet habe – für die „Tote Stadt“ in Helsinki und den „Lohengrin“ in Wien. Ich habe sogar bei dem Konzert gesungen, mit dem er in Helsinki sein Diplom machte, und schon damals wusste jeder, was für ein unglaublich großes Talent er ist.

Worin besteht das?

Nicht nur, dass er Oper liebt, er ist ein wunderbarer Sängerdirigent. Ich habe das so richtig gemerkt, als wir einen ganzen Tag lang im Musikverein – ja, im Musikverein – diese „Salome“ als Orchesterprobe konzertant durchgearbeitet haben und für mich dann nicht nur seine Tempi faszinierend waren, sondern die ganze Auseinandersetzung mit der Rolle. Ich singe sie ja nun doch schon seit 2004, also fast zwölf Jahren, 2005 habe ich als Salome in der Wiener Staatsoper debutiert, seither an vielen Häusern, in vielen Inszenierungen, mit vielen Partnern gesungen, da schleichen sich auch Fehler ein, und das ist gut, sie bei einer so ausführlichen Probe auszuputzen.

Wenn man eine Rolle so oft singt – bleibt sie immer von neuem eine Herausforderung?

Salome ist für mich eine Offenbarung, sie zu singen und zu spielen, wobei ich das Gefühl habe, sie wird stimmlich bei mir immer besser, sowohl in der Höhe wie in den tiefen Lagen, sie fühlt sich gut an. Und jeder neue Partner bringt neue Aspekte – das Verhältnis zwischen Salome und Herodes ist ja nun wirklich nicht koscher, und Gerhard A. Siegel macht das toll, mit ihm habe ich in dieser Oper schon einige Male gesungen, zuletzt vor ein paar Monaten in Berlin. Iain Paterson hingegen, den Jochanaan, habe ich erst bei der Probe jetzt kennen gelernt und bin von ihm begeistert, ein toller Typ mit phantastischer Stimme. So bringt jeder neue Partner etwas Neues mit, auf das man reagiert, und man muss sich als Sänger darüber klar sein: Eine Rolle ist nie fertig. Das Leben eines Sängers bedeutet ewiges Studium.

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Camilla Nylund als Salome in der jüngsten Aufführungsserie in Wien (Fotos: Staatsoper / Pöhn)

Um am Beispiel der „Salome“ das Thema Inszenierungen anzuschlagen: Hat man je von Ihnen verlangt, am Ende des Tanzes der sieben Schleier nackt auf der Bühne zu stehen?

Es war davon die Rede, sogar in der Kupfer-Aufführung in Berlin, aber als ich Harry Kupfer fragte, meinte er, selbstverständlich nicht, wenn ich mich dabei nicht wohl fühle. Es ist etwas anderes, nackt in die Sauna zu gehen oder gerne nackt zu schwimmen – oder sich nackt dem Publikum eines Opernhauses darzubieten. Ich muss allerdings sagen, dass ich üblicherweise den Ideen von Regisseuren, und wenn sie noch so schräg sind, offen gegenüberstehe, ich bin auch noch nie aus einer Inszenierung ausgestiegen, aber ich konnte mich eigentlich immer „einigen“ über das, was ich zu spielen hatte – so weit ich es machen wollte und konnte, und man muss wirklich nicht jeden Blödsinn mitmachen. Das hat man ja beim wirklich nicht gut aufgenommenen Bayreuther „Tannhäuser“ von Sebastian Baumgarten gesehen. Da lässt man sich dann vom Regisseur und dem Dramaturgen überzeugen – und merkt am Ende aus den Reaktionen, die an einen herangetragen werden, dass das Publikum nichts von dem, was da beabsichtigt war, verstehen konnte. Das ist dann für uns Sänger eine wichtige Erfahrung. Grundsätzlich finde ich halt, ein Werk sollte in seinem Kern erhalten bleiben…

Gibt es weitere „Salome“-Pläne?

Ich fliege jetzt Mitte Februar für vier Aufführungen von „Salome“ nach Tokio, und darauf freue ich mich auch schon sehr. Es ist lange her, dass ich dort war, es gibt so viele begeisterte Opernfreunde in Japan, die nicht alle das Geld haben, nach Europa zu kommen, und wenn man hinkommt, wird man mit so viel Enthusiasmus empfangen.

Sie werden jetzt im Jänner in Wien nicht nur „Salome“ singen, sondern am 24. Jänner um 16 Uhr im Park Hyatt auch einen Ihrer seltenen Liederabende geben. Warum eigentlich so selten?

Als Opernsängerin ist man sehr eingespannt, und hat wenig Zeit fürs Lied, wenn man sie sich nicht ausgesprochen dafür nimmt. Und wenn die Veranstalter dann meinen, man gehöre nicht zum Kreis der Liedersänger, denken sie auch nicht an Angebote. Auch wenn ich schon im Salzburger Mozarteum eine Liedklasse besucht habe, so ist Opernsängerin doch mein Hauptberuf, und das Einstudieren von Liedern macht sehr viel Arbeit. Ich freue mich, dass Helmut Deutsch und ich jetzt gelegentlich wieder etwas zusammen machen, nach unserem ersten Liederabend 2006 haben wir uns aus den Augen verloren, Bei einem kleinen Festival in Finnland hat Helmut eine erneute Zusammenarbeit vorgeschlagen, und das war wirklich phantastisch – und jetzt setzen wir das in Wien fort. Ich denke, Helmut Deutsch und ich werden noch an die drei Proben machen können, auch um die Akustik des Grand Salon im Hyatt auszutesten. Schön ist auch, dass ich von ihm sehr viel lernen kann.

Der erste Programmpunkt besteht aus Werken von Sibelius, der trotz seines reichen Liederschaffens eher selten gesungen wird?

Nun, Birgit Nilsson beispielsweise hat oft und schön seine Lieder gesungen, viele schwedische Kollegen tun es auch, da Sibelius ja als Finnland-Schwede sowohl auf finnische wie auf schwedische Texte komponiert hat. Sibelius ist sehr romantisch und emotional, er hat seinen eigenen Stil, komponiert auf einen großen Höhepunkt zu und lässt ein Werk dann quasi verschweben…

Der beiden anderen Programmpunkte betreffen dann Mahler und Strauss – warum wählt man gerade das aus einem Riesenangebot des Liedschaffens?

Die Mahler-Lieder habe ich eigens für Wien gelernt, üblicherweise singe ich im Konzertsaal die Sopranpartien in den Mahler-Symphonien. Es sind auch Orchesterlieder darunter, aber hier in Wien kommen sie natürlich in der Klavierfassung. Und was Strauss betrifft, so ist er wohl mein Lieblingskomponist, dessen Werke mir am besten in die Kehle passen, und die Lieder sind sehr unterschiedlich in der Stimmung. Am Ende stehen dann die „Vier letzten Lieder“, die man üblicherweise auch mit Orchester singt und die hier mit dem Klavier dann auch wieder anders erscheinen.

Apropos Strauss: Sie haben alle wichtigen Rollen von ihm gesungen. Fehlt noch etwas? Welche mögen Sie besonders?

Nun, die Kaiserin in „Frau ohne Schatten“ wird kommen. Ariadne, Arabella, Marschallin sind alles wunderbare Rollen, wenn die Marschallin auch diese große Pause zwischen dem 1. Akt und dem Schlussterzett im 3. Akt hat – aber dann kommt sie und ist ganz wieder da. Und in der Zwischenzeit… ja, da ist vorgekommen, dass ich in der Garderobe einfach meine Steuererklärung gemacht habe. Wenn ich eine Rolle etwas weniger mag, dann ist es die Chrysothemis, sie ist auch von Strauss für die Sängerin nicht so gut komponiert, und dramaturgisch gibt es nicht viel her, wenn man für einen kleinen Einwurf kommt, wieder geht, wieder kommt… da ist eigentlich nur ihr Jubel ganz am Ende wunderbar. Das ist schon die Oper, die einfach ganz der Elektra gehört.

Und können Sie sich vorstellen, wenn Sie mit der Kaiserin den Weg ins immer dramatischere Fach gehen, dass es eines Tages auch die Elektra für Sie sein könnte?

Wenn Sie mich heute so fragen, dann muss ich nein sagen, ich kann es mir jetzt nicht vorstellen. Aber wer weiß, was in zehn Jahren ist? Sicher möchte ich, wenn ich alt bin, dann statt der Salome die Herodias singen, wie es Leonie Rysanek oder Gwyneth Jones getan haben. Das ist auch so eine Erinnerung, als ich 1993 in Wien war und Gwyneth Jones als Salome in genau dieser Inszenierung gesehen habe – wer würde da im entferntesten träumen, dass man hier, in dieser Szenerie, in dieser Rolle auf dieser Bühne stehen wird?

Das Wagner-Repertoire haben Sie auch ausgeschritten?

Seit ich vorigen Herbst in Berlin meine erste Senta gesungen habe, die doch schwerer dramatischer ist als meine bisherigen Wagner-Partien, bin ich vorläufig wohl durch – mit der Irene im „Rienzi“, dann Elsa, Elisabeth, Eva, der Sieglinde, die ich in Wien erstmals szenisch gesungen habe und hier wieder machen werde, Freia, Gutrune und die anderen kleinen Rollen, von denen ich viele schon in Hannover gesungen habe. Was da noch kommen könnte, wird die Zukunft zeigen.

Und wie stehen Sie zu dem Lohengrin im Loden-Look, den Sie in Wien gesungen haben?

Also, ich trage sehr gerne Dirndl, damit hat man mir persönlich nichts angetan, und ich mag es durchaus, wenn es in Inszenierungen ein bisschen verrückt wird. Aber ich verstehe schon, dass es für das Publikum ein schwierig war – auch, wenn drei Akte in ein- und demselben Bühnenbild spielen und sie nicht mehr viel von ihrem „Lohengrin“ erkennen. Aber als Sängerin muss ich in diesem Beruf einfach aufgeschlossen sein für die Ideen der Regisseure.

Sie zählen ja auch zu den von Geburt her nicht deutschsprachigen Sängerinnen, die sich an die Operette wagen – ich erinnere mich an ihre sehr komische Rosalinde in der Silvester-Fledermaus 2010. Jetzt haben Sie, wieder zu Silvester, in Köln und Frankfurt erstmals die Angèle im „Grafen von Luxemburg“ gesungen. Macht das Spaß?

Sehr. Die „Graf von Luxemburg“-Aufführungen waren halbszenisch, wir hatten keine Partituren, sondern haben auswendig gesungen und die Rollen vor dem Orchester, das auf der Bühne saß, richtig gespielt, es war ein Riesenspaß. Meine Operettenerfahrungen gehen bis in meine Kindheit zurück. Damals gab es in Vaasa zwar kein eigenes Opernhaus, aber zwei Theater, in denen Oper gespielt wurde, und in einem hat die Sängerin Irma Rewell Opern- und Operetten-Aufführungen veranstaltet und ich war da schon im Chor dabei und lernte „Fledermaus“ oder „Zigeunerbaron“ kennen. Meine ersten Schritte auf der Bühne habe ich da gemacht, als ich mit 15 kühn den Orlofsky gesungen habe. Und als ich einmal als 16jährige nach Wien kam, hat damals die Volksoper in der Staatsoper die „Fledermaus“ gespielt – und wie hätte ich mir je träumen lassen, dass ich in dieser Operette auf dieser Bühne stehen sollte? Während des Studiums habe ich dann den Csardas der Rosalinde so mühelos gesungen, dass ich mir dachte – wenn schon, denn schon, dann kann ich auch die ganze Rolle. Und als ich dann 1995 nach Hannover kam, hätte ich zwar als Antonia debutieren sollen, aber der der B-Premiere der „Fledermaus“ fiel die Rosalinde aus und ich drängte mich geradezu vor: „Ich kann die Rolle singen!“ Und das war dann meine echte Bühnentaufe. Ich habe mir natürlich von den Kollegen viel abgeschaut und habe gelernt, was man für die Operette mitbringen muss – man muss sich trauen, lustig zu sein, aus sich herausgehen, es war eine gute Schule… Ich habe später auch die „lustige Witwe“ gesungen, entgangen ist mir nur die „Csardasfürstin“: Damals war ich schwanger, und als ich auf die erste Probe kam, sagte Peter Konwitschny, es tue ihm leid, aber eine schwangere Csardasfürstin könne er sich wirklich nicht vorstellen. Na, vielleicht kommt die Rolle noch einmal.

Aber man bleibt doch Strauss- und Wagner-Spezialistin. Sie haben früher oft die Rusalka gesungen, leider nicht in Wien, und jetzt steht Ihnen im Juni 2016 in Dresden die Tatjana bevor. Ist das ein Rollendebut?

Nein, ich habe sie vor sehr langer Zeit, 2001 in Finnland, schon gesungen, und dann in Hamburg in einer sehr schönen Drese-Inszenierung, wo ich mich noch erinnere, wie gut ich mich in dieser endlos langen Briefszene gefühlt habe. In Dresden wird übrigens wieder ein junger Finne dirigieren, Pietari Inkinen. Was Rusalka betrifft, so habe ich auch erlebt, wie sehr man als Sänger von der Inszenierung abhängt und davon, wie diese vom Publikum akzeptiert wird: Als die „Rusalka“-Inszenierung von Jossie Wieler von den Salzburger Festspielen nach Covent Garden in London wanderte, war das Publikum so befremdet von diesem „unromantischen“ Zugang, dass es absolut kein Erfolg war. Dennoch singe ich die Rolle sehr, sehr gerne.

Wie steht es eigentlich mit dem italienischen Repertoire? Man hat das Gefühl, es sei an Ihnen vorbei gegangen.

Das stimmt nicht ganz. In meinen Anfängen, 1999 in Hannover, habe ich die Mimi gesungen, dann auch die Desdemona und die Don Carlos-Elisabeth, diese zuletzt 2012 in Amsterdam, ein toller Erfolg. Es tut mir leid, dass diese Spezialisierung auf das deutsche Fach, die man mir aufdrückt, die Intendanten abhält, mir italienische Rollen anzubieten – die Elisabetta oder die Desdemona würde ich immer wieder gerne singen: Man muss mich nur fragen. Ich gebe die Hoffnung jedenfalls nicht auf, auch wenn ich weiß, dass es natürlich viel mehr Sänger für das italienische Fach gibt.

Frau Nylund, darf ich noch etwas klären: Sie gelten als Finnin, aber dann liest man wieder, Sie seien eine in Finnland geborene Schwedin – was stimmt da?

Ich komme aus einer schwedisch sprechenden Minderheit in Finnland, wir nennen uns Finnland-Schweden, Sibelius gehört auch dazu. Ich komme aus Vaasa, das liegt an der Westküste, dann sind wir noch tiefer aufs Land gezogen, ich bin mit Schwedisch aufgewachsen, unser „“Finnlandschwedisch“, auch „Hochschwedisch“ genannt, unterscheidet sich auch von dem „Reichsschwedisch“ in Schweden selbst. Ich habe erst in der Schule finnisch gelernt, ich habe einen finnischen Paß, und selbstverständlich bin ich eine stolze Finnin. Und ich freue mich darauf, diesen Sommer endlich wieder einmal mit der Familie einen Urlaub in Finnland zu verbringen, in unserem Haus am Meer.

Frau Nylund, Sie leben heute in Deutschland?

Seit ich 1999 an die Semperoper engagiert wurde, wo ich bis 2001 als Ensemblemitglied geblieben bin, lebe ich mit meiner Familie in Dresden. Man fragt mich immer, wieso hier und nicht in Berlin oder einer anderen Großstadt, aber ich genieße alles da, nicht zuletzt die Nähe der Natur – ich muss nur ein paar Minuten gehen und bin im Wald: Ich bin eben doch ein Naturkind. Außerdem hat die Stadt eine hohe Lebensqualität und kulturell sehr viel zu bieten.

Und privat leben Sie mit Ihrem Mann ja ein Beispiel männlicher Emanzipation vor?

Ja, mein Mann – der holländische Tenor Anton Saris – hat schon, als wir heirateten, gewusst, dass ich eine Karriere im Visier hatte, gleichzeitig waren wir uns einig, dass wir eine Familie haben wollten. Meine Tochter Isabel ist jetzt 15, die andere, Mailin, 9 Jahre alt, und die Kinder brauchen zumindest einen Elternteil. Da ich sehr viel unterwegs bin, ist das – obwohl die Großeltern beiderseits sich sehr eingesetzt haben – hauptsächlich mein Mann, und er akzeptiert das auch, und ich bin sehr stolz auf ihn, wie er das macht. Viele Menschen können das nicht verstehen, dass ein Mann zugunsten der Frau zurücktritt, aber Beziehungen, wo beide hinter der Karriere her sind, funktionieren im allgemeinen nicht. Allerdings möchte ich schon, dass auch er immer wieder seinen Beruf ausübt und ich dann bei den Kindern bleibe, da muss aber dann viel organisiert werden. Das mache ich, ich bin die Organisatorin in der Familie…

Haben Sie diese Entscheidung für Kinder, die das Leben einer Künstlerin ja noch komplizierter macht, nie bereut?

Nein, die Familie ist für mich sehr, sehr wichtig, mein Mann und meine Kinder geben mir Kraft. Wie alle berufstätigen Frauen, die viel von zuhause weg sind, habe ich natürlich immer wieder das Gefühl, ich hätte eigentlich den falschen Beruf. Aber sobald ich auf der Bühne stehe, weiß ich, dass ich das Richtige tue. Trotzdem – man muss immer im Leben Abstriche machen, ich denke, ich habe das Richtige getan, man kann Beruf und Familie meistern, und es ist sehr gut, dass man nicht immer nur an sich denkt, sondern sich auch mit anderem beschäftigt, etwa den Problemen der Kinder. Was immer man macht, hat man manchmal mehr, manchmal weniger Erfolg: Das Leben ist eine Reise, man lernt nie aus.

Welche Sprachen sprechen Sie eigentlich zuhause?

Mit meinen Töchtern Schwedisch, mit meinem Mann auch schon mal Holländisch, ich kann es ein bisschen, und in Dresden und überall in Deutschland, wo ich auftrete, natürlich Deutsch. Englisch versteht man mehr oder minder überall, und wenn ich etwa mit Kasper Holten arbeite, der Däne ist, dann wird das sprachlich ein ganz köstlicher „Skandinavien-Mix“.

Ich habe gelesen, Sie hätten in Ihrer Jugend von Abba geschwärmt, Wollten Sie da nicht eher Pop-Sängerin werden?

Also, ich glaube, das wäre eine noch viel schwierigere Karriere als Opernsängerin! Einen einzelnen Hit kann man ja haben, aber über Jahrzehnte in diesem Geschäft oben bleiben? Meine ältere Tochter denkt jetzt daran, Musical-Sängerin zu werden, aber auch das stelle ich mir sehr, sehr schwer vor – hunderte Male hintereinander dasselbe Stück zu singen und auch noch ununterbrochen zu tanzen? Ich weiß ja, wie anstrengend diesbezüglich Operette ist! Aber ich danke meinen Eltern sehr, dass sie – und ich komme absolut aus keiner Musiker-Familie – meine Berufswahl gänzlich ohne Einwände akzeptiert haben, und so werde ich es auch mit unseren Töchtern halten.

Und wer hat Ihr Studium finanziert?

Ich habe glücklicherweise immer wieder, wenn auch oft nur kleine, Stipendien erhalten, und ich habe mir mein Studium verdient – in einer Bäckerei, im Hotelbetrieb, auf der Fähre zwischen Schweden und Finnland. Und als ich am Mozarteum studierte, habe ich als Kindermädchen gearbeitet. Dann kam das erste Engagement in Hannover, und anschließend Dresden.

Haben Sie sich nicht gefürchtet, als Sie 2001 aus dem Fix-Engagement gegangen sind, ins kalte Wasser gesprungen und den Weg als freie Sängerin gewagt haben?

Natürlich! Ich war allerdings der Oper in Dresden noch sehr verbunden, als Gast zehn Jahre lang mit einem Residenzvertrag, und ich habe die Stadt als meinen Wohnsitz auch nie verlassen. Als frei schaffender Künstler lebt man einerseits mit der Angst, dass der Terminkalender sich nicht füllt, und andererseits der Angst, zu viel zu machen – und zu wenig bei der Familie zu sein. Oder zu weit weg zu sein. Wie demnächst Tokio oder wenn ich für eine „Rosenkavalier“-Serie an die Met gehen werde. Derzeit verändert sich vieles wieder, weil die Opernhäuser plötzlich kürzer disponieren, nicht auf fünf, sechs Jahre voraus, sondern nur auf zwei, drei. Das hat mit der allgemeinen Unsicherheit zu tun, man weiß ja heute nicht, ob man morgen finanzieren kann, was man plant.

Wenn man an die vielen Erkrankungen von Kollegen denkt, die plötzlich geballt bekannt werden – sind Sie übervorsichtig mit Schal um den Hals, jeden Luftzug beobachten, ganz genau aufpassen, was man isst und dergleichen?

Überhaupt nicht. Sicher, wenn ich in Amerika bin, werde ich versuchen, nichts zuzunehmen, davor warnen mich die Kollegen, offenbar ist das Essen drüben danach. Aber ich lebe ganz normal und unhysterisch, und wenn man gesund ist, muss man keine hektischen Vorkehrungen treffen. Und im übrigen koche ich sehr gern – die finnische Küche ist einfach, hält auf gute Zutaten, und wenn ich zuhause bin, gönne ich mir auch das Glas Wodka, das bei uns dazu gehört…

Camilla Nylund~1

 

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