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BURGENLAND / Mörbisch: VIKTORIA UND IHR HUSAR

11.07.2016 | KRITIKEN, Operette/Musical

Mörbisch Viktoria  Plakat ~1

BURGENLAND / Seefestspiele Mörbisch: 
VIKTORIA UND IHR HUSAR von Paul Abraham
Premiere: 7. Juli 2016,
besucht wurde die vierte Vorstellung am 10. Juli 2016 

Bedenkt man, wie Werke des musikalischen Unterhaltungstheaters heutzutage aus der Retorte der Routine geschöpft werden, meist nur Rhythmen, keine Melodien, keine Ideen, dann muss man immer wieder staunen, was den Komponisten vor hundert Jahren noch an witziger, spritziger Melodik eingefallen ist. Paul Abraham war einer von ihnen, einer der letzten, und in seiner Operette „Viktoria und ihr Husar“ fällt man von einem Schlager in den nächsten.

Bei so viel musikalischer Qualität wundert man sich, warum die diesjährige Aufführung am Neusiedlersee sich so „zieht“, so dass die drei Stunden noch länger erscheinen, als sie ohnedies sind. Dass Mörbisch nicht nur die „Klassiker“ spielen muss (nächstes Jahr wird es ohnedies wieder der „Vogelhändler“ sein), ist klar, der Griff nach einer Revue-Operette der dreißiger Jahre scheint sogar für unseren Geschmack recht zeitgemäß. Dass die Geschichte der Gräfin Viktoria zwischen dem „Husaren“, der Jugendliebe, und dem soliden Gatten (den sie nur geheiratet hat, weil sie den Geliebten für tot hielt!!!) keine sonderlich einfallsreiche Sache ist – sei’s drum. Sie bietet dennoch etwas zum Hören und etwas zum Schauen.

Und Ausstatter Christian Floeren hat sich nicht lumpen lassen: Wie er rund um eine zentrale Treppe (die man halbieren und verschieben kann) die ganzen exotischen Schauplätze des Stücks pittoresk aufbaut, mit vielen Glitzer- und Lichtorgien, das gefällt in diesem Rahmen (Freilicht ist ja schließlich kein Ort der Diskretion). Sibirien, Tokio, St. Petersburg, ungarisches Dorf, dazwischen gedankliche Ausflüge nach Paris und in die USA – alles da. Nur was ein chinesischer Drache bei einer japanischen Hochzeit zu tun hat, fragt man sich vergeblich.

Warum also wirkt die Inszenierung von Andreas Gergen von Anfang an zu behäbig? (Wobei der Beginn in Sibirien sich schon vom Libretto her einigermaßen zieht.) Hat es damit zu tun, dass bei einem Stück, in dem Tanz so integral beteiligt ist, zumindest die Ensemble-Choreographien von Simon Eichenberger nie begeistern und staunen machen können (während die Solo-Buffopaare einiges hinlegen müssen)?

Apropos Buffo-Paare – das erste, mit Janczi, dem Burschen des Husaren, und Riquette, der Kammerzofe von Viktoria, hat nicht nur reichlich Entfaltungsmöglichkeiten, sondern auch eine wichtige dramaturgische Funktion. Das zweite Buffo-Paar mit Viktorias Bruder Ferry und der Japanerin Lia San, die er heiratet, hängt völlig in der Luft. Nur! Die beiden haben mit „Yokohama“ und „Mausi“ zwei so umwerfende Nummern, dass sie unentbehrlich sind. Trotzdem zählen ihre Szenen zu jenen, die „durchhängen“, ebenso wie manches Ausgewalzte zwischen tragisch und überzogen lustig…

Mörbisch Viktoria  Schellenberger Steppan
Dagmar Schellenberger, Andreas Steppan   Foto: Mörbisch Website

Dagmar Schellenberger muss aufpassen, dass sie aus den Festspielen nicht ihr privates Intendantinnen-Unternehmen macht (wie die Volksoper ja auch dazu da ist, vor allem ihren Direktor in vielen Eigenschaften zu beglücken). Dabei liegt ihr die Intendantinnen-Rolle (mit ausführlicher Begrüßung des Publikums vor Beginn der Vorstellung, offenbar jeden Abend, nicht nur bei der Premiere) weit besser als die der Operetten-Diva. Eine solche will sich sicher nicht als beste Bemerkung nachsagen lassen, dass sie eigentlich eine gute Schauspielerin ist. Wenn es ums Singen geht, um „joi, das Temperament“ und Paprika (wir haben es bei Viktoria schließlich mit einer Ungarin zu tun), wird das Angebot schmalspurig. Dagmar Schellenberger müsste quasi einen „Hüftschwung“ in Stimme und Auftreten haben, der ihr fehlt. Dass sie gut aussieht zwischen Abendkleid und Ungar-Mädel-Tracht… das ist ja wohl das Mindeste, das man verlangen kann.

Mit dem Singen hapert es auch hörbar bei ihrem edlen amerikanischen Gatten, aber Andreas Steppan macht so noble Figur, dass man ihn ebenso akzeptiert wie Garrie Davislim, der für den Husarenrittmeister Stefan Koltay zwar den Tenor, aber nicht den Akzent (das ist viel eher Amerikanisch…) und im Grunde auch nicht die bühnenfüllende Persönlichkeit mitbringt.

Viktoria und ihr Husar Fotoprobe. 27.06.2016

Viktoria und ihr Husar /Laura Scherwitzl und Timo Verse (Foto: Jerzy Bin)

Buffopaar Nr. 2 (Jeffrey Treganza und Theresa Dittmar) nützen ihre Möglichkeiten, bleiben aber eher im Hintergrund, während sich Buffopaar Nr. 1 voll in den Vordergrund katapultiert: Eine so hübsche Zofe wie Laura Scherwitzl, mit hellem, klarem Sopran und ausgezeichneter Artikulation, Spiellust und Tanzfähigkeit, ein unübersehbarer Wirbelwind, gibt es wahrlich nicht im Dutzend billiger, und auch Timo Verse kann als Janczi nicht übersehen werden und erweist sich als einer jener Diener, die ihre Herren ausstechen.

Der Abend war trotz des Endspiels der Europameisterschaft recht gut besucht, wenn auch vor allem die Herren zwischendurch immer wieder Blicke auf ihre Smartphones warfen. „Viktoria“ bekam dennoch ihre Anteilnahme – auch wenn man sich das Unternehmen schwungvoller hätte vorstellen können.

Renate Wagner

 

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