BUDAPEST/ Ungarische Staatsoper: KRIEG UND FRIEDEN von Sergej Prokofjew am 5.2.2023 (Premiere 28.1.2023

Copyright: Valter Berecz/ Hungarian State Opera
Der katalanische Regisseur Calixto Bieito versuchte in seiner Inszenierung die effektreiche Musik Prokofiews in surreale Bilder zu transformieren. Einige Vertreter der Moskauer Oligarchengesellschaft sitzen zunächst bewegungslos auf Sesseln und Sofas unter Plastikfolien, während eine junge Frau im hellen Kleid darin unschuldig, wie ein Kind herumspringt. Als erster befreit sich Andrej, gefolgt von Natascha und ihre Kusine Sonja. Ingo Krügler entwarf die historisierenden Kostüme. Die Videoeinspielungen gestaltete Sarah Derendinger, das Lichtdesign entwarf Michael Bauer. 28 Sängerinnen und Sänger traten in insgesamt 45 Rollen auf.

Copyright: Valter Berecz/ Hungarian State Opera
In den Hauptrollen gefielen Csaba Szegedi als schwärmerisch verträumter Fürst Andrej Bolkonsky, Andrea Brasói-Jőrös als leidgeprüfte Natascha Rostova, Szabolcs Brickner als Sinnsuchender Schwärmer Pierre Bezukhov wohl das Alter Ego Tolstois, der dem Mitgefangenen Platon Karatajew das Genick bricht, István Rács als Marschall Kutusow, der als Besieger Napoleons in der finalen Apotheose wie Stalin gefeiert wird, vor dem ein Kind kniet und dem er über die Haare streicht, Ferenc Cserhalmi als alter Prinz Nikolai Bolkonsky sowie als General Belliard, Zsolt Haja als glücksloser Napoleon, Zoltán Nyári als Hélènes Bruder Anatole Kuragin, Erika Gál als Gesellschaftsdame Hélène Bezukhova, Melinda Heiter als Sonja Rostova, István Kovács als Nataschas Vater Ilja Rostov, Krisztián Csér als Oberleutnant Dolohov sowie als französischer Offizier Jacquot, Péter Balczó als Bauer Platon Karatajew, der halbnackt ähnlich dem Gottesnarren in Boris Godunow in dreckiger Unterhose umherirrt, András Kiss als Oberstleutnant Genyishov, Zoltán Sommer als Hélènes Bruder Anatole Kuragin, sowie Andrea Santó als Nataschas Patentante Maria Dmitrievna und als Schlüsselwächterin der Rostovs, Mavra Kuzhminychna, gesanglich wie darstellerisch in Höchstform.

Copyright: Valter Berecz/ Hungarian State Opera
Die Oper wurde um etwa 40 Minuten gekürzt und dauerte dennoch etwa dreieinhalb Stunden. Neu war für mich, dass inzwischen auch eine englisch- und ungarische Untertitelung hergestellt wurde, sodass man bei einigem Glück auch den Text vom leider viel zu tief angebrachten Bildschirm auf dem Vordersitz ablesen kann. Orbans Nationalstolz hat wohl verordnet, dass auf über der Bühne befindlichen Tafel nur mehr die ungarische Übersetzung gezeigt werden darf?

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Großer Applaus verteilte sich gleichmäßig auf alle Mitwirkenden, das Orchester und den Chor. Und das vollkommen gerechtfertigt. Man kann jetzt nur gespannt darauf warten, dass dieses wichtige Werk Prokofjews endlich auch einmal in Wien – möglichst ungestrichen – aufgeführt wird!
Harald Lacina

