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BUDAPEST: ARABELLA

31.03.2012 | KRITIKEN, Oper

Staatsoper Budapest ARABELLA – (Premiere am 17.3., besuchte Vorstellung 29.3.)


Eszter Sümegi (Arabella), Attila Wendler (Elemer). Foto: Pál Csillag

Richard Strauss’ Oper Arabella wurde in Budapest erst einmal, und zwar 1934, in Budapest aufgeführt. 78 Jahre mussten also vergehen, bis sie wieder im Rahmen des heurigen Budapester Frühlingsfestivals in einer opulenten Inszenierung von Géza Bereményi vor fast ausverkauftem Haus geboten wurde. Im Zeichen der großen Sparmaßnahmen, von denen auch die ungarische Staatsoper nicht verschont blieb (zahlreiche Sänger, Tänzer, Choristen und namhafte Dirigenten wurden gekündigt), mag der gute Besuch des Hauses doch als ein erfreulicher Gradmesser dafür angesehen werden, wie wichtig den Menschen in Ungarn der persönliche Besuch einer Aufführung in ihrem geliebten Ybl-Haus in der Andrássy út 22 ist.

Für einen Regisseur ist es ungeheuer schwierig, die komischen Elemente der Oper mit den innigen Liebesgefühlen der Protagonisten richtig auszubalancieren, ohne in kitschigen Schablonen unter zu gehen. Und auch Bereményi gelang es nicht, dem subtilen Humor von Hugo von Hofmannsthal nur annähernd gerecht zu werden. Zu brav wurde die Geschichte des spielsüchtigen, verarmten Adeligen Graf Waldner erzählt, dessen drohender finanzieller Ruin nur durch eine reiche Heirat seiner Tochter Arabella mit dem Sohn seines einstigen Jugendfreundes Mandryka abgewendet werden kann.

Die Bühnenbilder von Attila Csikós und Kostüme von Rita Velich wollen die Atmosphäre eines idealtypischen Wiens aus der Zeit um 1860 wiederspiegeln. Demgemäß tragen die Damen auch opulente Roben, schließlich besteht ja das Personal dieser Oper, von einigen wenigen Dienern abgesehen, zur Gänze aus Adeligen, also der damals herrschenden Klasse. Deren erstarrter Habitus in Galauniform, überzogenem Ehrenkodex beim beabsichtigten Duell, und Degeneriertheit im Glücksspiel und anderen kostspieligen Amüsements, zeigt Hugo von Hofmannsthal in seinem Libretto ironisch auf. In der Umsetzung von Regisseur Bereményi ist davon leider viel zu wenig sichtbar geworden. Die historisierenden Kostüme erlauben den Sängerdarstellern aber auch keine natürlichen Gesten, so etwa beim Eingeständnis von Madrykas und Arabellas gegenseitiger Liebe. Eszter Sümegi, die im Vorjahr bereits als Marschallin in Budapest reüssiert hatte, war an diesem Abend eine höhensichere anmutige Titelheldin, deren Sopran wunderbar mit dem warmtimbrierten einschmeichelnden Bariton von „Einspringer“ (für den erkrankten Béla Perencz) Thomas Johannes Mayer, derzeit Ensemblemitglied an der Deutschen Oper Berlin, als Mandryka harmonierte. Das eigentliche „Buffopaar“ der Oper war mit Zita Várady als Zdenka, der jüngeren Schwester von Arabella, mit glockenhellem Sopran, die als Knabe verkleidet auftritt, und Dániel Pataki Potyók mit stabilem höhensicheren Tenor als deren späterer Galan Matteo, hervorragend besetzt. Der Höhepunkt des Faschingsballs im zweiten Akt ist naturgemäß der Auftritt der „Fiaker-Milli“, mit der Hugo von Hofmannsthal der Wiener Volkssängerin Emilie Turecek (1848-89) ein poetisches Denkmal in seinem Libretto gesetzt hat. Die legendäre Fiaker-Milli trat in Wien häufig in Jockeykleidung mit eng anliegenden Hosen und einer Reitgerte auf und benötigte für das Tragen von Männerkleidung im prüden Wien des ausgehenden 19. Jhd noch eine polizeiliche Genehmigung. Ungeachtet des historischen Vorbildes verpasste Rita Velich der Kossuth-Preisträgerin Erika Miklósa aber ein biederes Operettenoutfit. Schade um diese vergebene Chance! Immerhin faszinierte die Diva aber mit brillanten Jodler-Koloraturen.

László Szvétek war ein würdevoller Graf Waldner mit behäbigem Bariton. Ihm zur Seite glänzte Bernadett Wiedemann als seine Gattin Adelaide mit ihrem markanten und kräftigen Mezzo. Einen kurzen aber stimmlich äußerst bühnenwirksamen Auftritt hatte Zsuzsanna Fülöp als Kartenlegerin. Attila Wendler als Graf Elemér, András Káldi Kiss als Graf Dominik und Sándor Egri als Graf Lamoral ergänzten rollengerecht. Dániel Roska in der Sprechrolle von Mandrykas Leibhusar Welko und József Mukk in der Sprechrolle des Zimmerkellners rundeten das Ensemble ab.

Am Pult des Orchesters der Ungarischen Staatsoper agierte Balázs Kocsár versiert und lotete die bei Richard Strauss so bedeutsamen Zwischentöne einfühlsam aus. Máté Szabó Sipos führte den gewohnt engagiert singenden Chor souverän. Das Publikum erfreute sich an den Leistungen der Künstler und spendete wohlwollenden Applaus, allen voran für die beiden Paare Arabella-Mandryka und Zdenka-Matteo. Nach Salome, Elektra und Rosenkavalier stehen nun mit der Arabella vier Opern von Richard Strauss im Repertoire der Ungarischen Staatsoper. Ob diese Serie in den nächsten Jahren mit der Frau ohne Schatten oder der Ariadne auf Naxos fortgesetzt wird, bleibt aber bei den derzeitigen Einsparungen nur ein frommer Wunschtraum. Unbestätigten Gerüchten zufolge wird es nämlich in der kommenden Saison 2012/13 an der Ungarischen Staatsoper keine einzige Premiere geben.                   

Harald Lacina

 

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