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Buch: WIEN. EINE STADT VERÄNDERT SICH

Baustellen – und was daraus werden kann

21.11.2025 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

cover druck wien verändert sich~1

Matthias Marschik / Edgar Schütz
WIEN. EINE STADT VERÄNDERT SICH:
DIE DONAUMETROPOLE UND IHRE BAUSTELLEN
133 Seiten, Edition Winkler-Hermaden, 2025

Baustellen – und was daraus werden kann

Baustellen! Jeder Wiener kennt das Problem, es ist ein permanentes. Baustellen tauchen auf, man fragt sich, was da eigentlich geschieht. Sie bleiben oft wochenlang, behindern den Verkehr, verärgern die Bürger. Meist reißt man heutzutage die Straßen auf oder saniert Fassaden…

Aber um solche Kleinigkeiten geht es nicht in dem Buch von Matthias Marschik und Edgar Schütz. Sie nehmen sich unter dem Titel „Wien. Eine Stadt verändert sich“ jene Baustellen vor, die die Stadt entscheidend verändert haben. Dabei blenden sie in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, wo ja mit der „Ringstraße“ das größte städtebauliche Projekt der damaligen Kaiserstadt stattfand.

Nach den Habsburgern kam das „Rote Wien“ mit nicht geringeren Ambitionen, die sich allerdings nicht imperialem Prunk, sondern Wohnraum für die arbeitende Bevölkerung vorgenommen hatten. Bis heute ist der Karl Marx Hof ein eindrucksvolles Moment einer „Gigantomanie“ anderer Art.

Auch der Austrofaschismus nahm sich, u.a. mit der Höhenstraße, allerlei Städtebauliches vor. Und nach 1945 ergaben sich die Notwendigkeiten von „Baustellen“ in einer doch vielfach zerbombten Stadt von selbst. Abgesehen von entschiedenen Modernisierungsbestrebungen, die sowohl unter (U-Bahnen, Passagen) wie über der Stadt gebaut wurden – wie die UNO-City. wobei es diese eindrucksvolle Anlage jenseits der Donau nie zum „Wahrzeichen“ Wiens gebracht hat…

Wie die meisten Bücher des Verlags Winkler-Hermaden ist auch dieses im Querformat gehalten, um die Fotos und Ansichtskarten (mit ganz wenigen Ausnahmen in Schwarzweiß) optimal zu präsentieren. „Baustelle ist Realität und Metapher. Ein Ort des Unfertigen und des Übergangs, des Verschwindens und Entstehens, des Umbruchs und des Aufbruchs“, formulieren die Autoren wunderschön, aber auch in ihrem Fall bewährt sich die alte Wahrheit, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte. Die alten Fotos setzen Überlegungen in jede  Richtung in Gang.

Etwa – wer denkt an die Bauarbeiter, ohne die die oft prachtvollen Gebäude nicht da ständen? Hier haben sie sich stolz für ein Foto aufgestellt – aber man ahnt auch angesichts der Gerüste, dass ihre Arbeit nicht nur schwer, sondern auch gefährlich war. Die Politiker, die sich an den Baustellen fotografieren lassen, wollen nur den Ruhm ernten, dass in „ihrer“ Stadt etwas Neues entsteht…

Die Bilder gehen chronologisch vor, von der Ringstraßenzeit, wo viel Kompliziertes und Innovatives geschaffen wurde (und wieder verschwand wie die einst so berühmte Rotunde), bis in die Vorkriegszeit, wobei die Bildlegenden viel Hintergrundwissen vermitteln (auch über Widerstände, die neue Bauten erregten). Die Kleidung der Menschen, die Fahrzeuge, die auf den Fotos auch zu sehen sind, führen in die vergangenen Epochen. Riesenbaustellen richteten wahre Verwüstungen im Stadtbild an. Besonders eindrucksvoll dann, wenn das Foto der Entstehung links neben jenem des Endprodukts steht, wie im Fall des Karl-Marx-Hofs.

Auch in der Zwischenkriegszeit und während des Nationalsozialismus wurde gebaut, aber entscheidend, auch für heute, war die Nachkriegszeit. Man füllte Bombenruinen mit Neuem (etwa dem Ringturm von Erich Boltenstein) Die Wohlstandsgesellschaft leistete sich Veranstaltungshallen und Arenen. Nur das Kapitel „Ausblick“ (2000 bis 2025) findet quasi nicht statt. Haben die Autoren geahnt, dass der Stadt Wien sogar das Geld für den weiteren U-Bahn-Ausbau ausgehen würde?

Renate Wagner

 

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