
Susanne Falk:
FEINDBEGEGNUNG
HANS HABE
Eine Biographie
272 Seiten, Molden Verlag, 2026
Der Zeitungs-mensch
Zu seinen Lebzeiten war er nicht zu übersehen. Heute kennt ihn wohl kaum jemand mehr. Und vermutlich ist der streitbar konservative Hans Habe (1911–1977) einer heutigen links geprägten Welt so unsympathisch, wie er es den „68ern“ des Nachkriegs-Deutschland war. Eine Biographie über Habe, der allerdings als Erfolgsautor einst durchaus Simmel- und Konsalik-Ausmaße erreichte (ebenso vergessen wie er…), hätte man sich kaum erwartet.
Aber Susanne Falk, bisher als Belletristik-Autorin bekannt, hat auf ihre einstige Dissertation über Hans Habe zurück gegriffen und sie in eine lesbare Biographie umgeschrieben. Sie räumt im Vorwort alle Urteile gegen Habe ein – aus ihrer Sicht sei er „zu konservativ, zu eitel, zu frauenfeindlich, zu altbacken“. Und doch begabt und interessant genug, um einem wilden Leben nachzuspüren. „Schauen wir uns also diesen größenwahnsinnigen, mutigen, erfolgsverwöhnten, moralinsauren, loyalen, fleißigen, erzkonservativen, streitlustigen Vielschreiber einmal genauer an.“ Und das tut sie auch.
Wer sich je mit Karl Kraus auseinander gesetzt hat, kennt Habes Vater, denn dieser nach dem Ersten Weltkrieg aus Budapest ach Wien zugezogene Imre Bekessy, der mit seinem Revolverblatt „Die Stunde“ nicht gerade ein edles Beispiel für erfolgreichen Journalismus abgab, erweckte in Kraus solchen Haß, dass seine wütende Forderung „Hinaus aus Wien mit dem Schuft!“ zum geflügelten Wort wurde. Imre Bekessy, der – um es Wienerisch auszudrücken – wohl eine Menge Dreck am Stecken hatte, zog es dann eines Tages vor, nicht mehr nach Wien zurück zu kehren.
Sohn Janos, der später in seinen autobiographischen Schriften zugab, unter diesem „Übervater“ zu leiden, ging nicht mit der Familie nach Ungarn zurück, sondern blieb in Wien. Und wurde – eine gewandte Feder hatte er lebenslang – natürlich auch Journalist. Als Reporter bei der „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung“ wurde er 1932 nach Braunau geschickt, um hinter diesem Adolf Hitler her zu recherchieren, von dem so viel die Rede war.
Janos Bekessy kam mit der Sensations-Schlagzeile zurück: „Hitler heißt Schicklgruber“, was natürlich reiner Blödsinn war – Hitlers Vater war als uneheliches Kind der Maria Anna Schicklgruber geboren und dann in deren Ehe mit einem Herrn Hitler (der damals noch Hiedler hieß) geschrieben worden. Adolf Hitler war dem Namen persönlich also nie in die Nähe gekommen – aber bis heute verdanken Generationen von Journalisten dem jungen Hans Habe den Spruch „Heil Schicklgruber!“
Apropos Hans Habe – mit dem Namen des verfemten Vaters wollte der 21jährige nicht in Verbindung gebracht werden. Angeblich wählte sein Chefredakteur damals den „Künstlernamen“: Hans für Janos und als Nachname „Ha“ für Hans und „Be“ für Bekessy.
Hans Habe war geboren und machte lebenslang Karriere, diesseits und jenseits des Ozeans, wohin ihn seine jüdische Abstammung vertrieb, erfolgreich immer, tapfer immer (mit den Franzosen und den Amerikanerin kämpfte er in Uniform gegen Hitler-Deutschland), ein Mann, der – wie die Biographie in ausführlicher Nacherzählung zeigt – faktisch fast immer reüssierte – in erster Linie als unermüdlicher Zeitungsmacher und Zeitungsschreiber, aber auch lange Zeit als hoch erfolgreicher Romanautor.
Zuletzt verband sich der bei vielen Verhasste und Verachtete mit dem verhassten und verachteten Verleger Axel Springer und konnte seine zum Zeitgeist widersprüchlichen Meinungen in dessen Blättern ausleben. Dass man ihn „Springers Mann fürs Grobe“ nannte, hat Hans Habe mit Sicherheit nichet gestört. Er agierte rücksichtslos, geradezu auf der Suche nach Feinden, die er in reichem Maß bekam.
Daneben ist noch ein Privatleben mit sechs Ehefrauen zu schildern, von denen sich nicht alle friedfertig von ihm trennten, und die Tagödie seiner Tochter, die in den letzten Tagen des Dezember 1968 entführt worden war und deren schrecklich zugerichtete Leiche man am 1. Jänner 1969 fand…
Die Autorin resümiert: „Liest man Habes Leben als eine Aneinanderreihung von großen Erfolgen und noch größeren Katastrophen, bleibt durchaus auch ein Gefühl von Bewunderung zurück, denn von etwas hatte dieser Mann, der schon in seiner Jugend gerne provozierte, mehr als viele andere: Mut.“
Vielleicht war es auch Mutwillen. Aber ein fader Durchschnittsknilch war er sicher nicht. Und über solche Leute will man lesen.
Renate Wagner

