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BUCH / Rudolf Simek: DRACHEN

Drachen – gibt‘s die?

04.11.2026 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Rudolf Simek: 
DRACHEN UND LINDWÜRMER IM EUROPÄISCHEN MITTELALTER
292 Seiten, mit 111 teilweise farbigen Abbildungen,
Böhlau Verlag,  2026

Drachen – gibt‘s die?

Der Lindwurm steht im Zentrum von Klagenfurt, der  Basilisk blickt in der Wiener Schönlaterngasse auf die Fußgänger hernieder, die Hydra, der Herakles die Köpfe abschlug, war wohl auch eine Art Drache, Fafner hütet nicht nur bei bei Richard Wagner den Schatz, Georg steht als Drachentöter in der Heiligengeschichte, und kommt man nach China, kommt man nach Mexiko, blicken einen die Drachen ebenso an wie die Gargoyle an mittelalterlichen Kathedralen.

Drachen sind überall, und dabei gibt es sie in der Realität nicht. das ist nun einmal eine Tatsache. Rudolf Simek ist allseits bewandert auf diesem Gebiet, Fachmann für Mittelalter, Kulturwissenschaft, Mythologie und Phantasie, Monster und Dämonen – und all das spielt in dieses Buch hinein. Wobei er sich, bei allem Respekt vor ostasiatischen und mittelamerikanischen Drachenwesen, auf Europa konzentriert. Nicht allein auf das Mittelalter, wie es im Buchtitel steht, er verfolgt die Drachengeschichte bis heute.

Die erste Frage, die er stellt, ist die logische, die auch den Leser beschäftigt: Wie kommt es, dass sich die Menschen ein Monster erfunden haben, das es nicht gibt? Jene Dinosaurier, die – wie wir heute aufgrund der Funde wissen – den „Drachen“ am ähnlichsten gewesen wären, können nicht einmal im Gedächtnis der ersten Menschen gewohnt haben, sie sind vor 66 Millionen Jahren ausgestorben, der Homo sapiens kam vor rund 300.000 Jahren auf die Erde, der Zeitraum dazwischen ist zu groß.

Nun hatten schon Sumerer und Babylonier Drachen, man kennt sie in der Bibel und in der Antike. Doch das Mittelalter, um das es in diesem Buch vordringlich geht (mit Abbildungen, die man sich oft größer gewünscht hätte und welche die unendliche Vielfalt von Drachen-Möglichkeiten zeigen), hatte es nicht so sehr mit der Geschichte (wie später die Renaissance).

Für sie hatte der feuerspeiende, oft auch fliegende Drache die religiöse Funktion, das Böse zu verkörpern, also gewissermaßen mit dem Teufel gleich gesetzt zu werden. Den Teufel konnten Ritter nicht mit Speeren und Schwertern bekämpfen – Drachen schon. Also bestand deren Funktion auch darin, besiegt und getötet zu werden, womit man das Böse eliminierte. Der Heilige Georg wird zum Sinnbild des Drachentöters schlechthin und die um ihn im Mittelalter erfundenen Geschichten bemühten auch die Fabel vom Terror des Drachen über eine Gemeinschaft und die Forderung, dass man ihm Jungfrauen opfern musste.

Autor Rudolf Simek breitet eine unendliche Fülle von Überlegungen zu Drachen aus, beginnend mit ihrem Aussehen, das natürlich immer variieren kann, weil es ja keine „echten“ Vorbilder gibt (vielmehr sind sie Komposit-Geschöpfe, zusammen gesetzt aus Teilen existierende Tiere, Schlangen, Echsen, Vögel, Löwenköpfe). Kurz, der menschlichen Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt, und das wird in der bildenden Kunst variiert und variiert.

Aber den Drachen zu besiegen, gehört auch zu den Helden – darum erfindet der mittelalterliche „Alexanderroman“ mehrere Situationen, in denen Alexander der Große (als größter Held) mit Drachen kämpfte und sie besiegte… Und Siegfried wäre weder im Nibelungenlied noch im „Ring“ ohne den Drachen denkbar.

Rudolf Simek führt die ungemein spannenden historischen Überlegungen über Drachen bis in die Gegenwart, wo in der Fantasy-Welt eine entschiedene Umwertung der einstigen furchterregenden Monster stattgefunden hat. Man kann es die „Disneyfizierung“ der Drachen nennen, wenn „Elliot das Schmunzelmonster“ der kleine Freund eines kleinen Jungen wird. Und Drachenreiten, wie es gerne in Jugendbüchern vorkommt, hätte man im Mittelalter wohl nicht gewagt.

Doch eines steht fest: Es gibt sie vielleicht nur in der Phantasie der Menschen. Aber die Drachen scheinen unsterblich zu sein.

Renate Wagner

 

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