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BUCH / Roman Sandgruber: HABSBURG

Eine Familie marschiert auf

29.08.2026 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Roman Sandgruber:
HABSBURG
DIE WICHTIGSTE DYNASTIE DER WELT
320 Seiten, Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria, 2025

Eine Familie marschiert auf

Roman Sandgruber, emeritierter Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz. hat in seinen Fachgebieten glänzende Bücher zur österreichischen Geschichte geschrieben, die Verquickung von Wirtschaft und Macht am Beispiel der Rothschilds und anderer Großindustrieller spannend gemacht. Doch seit seiner Jugend, seit Vorlesungen bei dem legendären Historiker der Wiener Universität, Heinrich Lutz, faszinierten ihn die Habsburger, denen er sich nun zugewendet hat.

Mit der Behauptung im Titel, es handle sich um „die wichtigste Dynastie der Welt“ und wohl angesichts der Tatsache, dass mancher historisch interessierte Leser bei solcher Behauptung hier die Stirn runzeln wird, tritt er gleich zu Beginn des Buches den, wie er meint, unschlagbaren Beweis an.

Andere (etwa die Japaner) mögen nicht nur 645 Jahre lang, (von 1273 bis 1918), sondern weit länger  an der Spitze gestanden haben, andere mögen größere „Flächen“ beherrscht haben, aber zusammen genommen, lassen sich die Habsburger tatsächlich nicht übertrumpfen. Man kann, wenn man ihre Geschichte betrachtet, ja nicht nur von der k.u.k. Monarchie des Kaisers Franz Joseph ausgehen, die man (samt dem „Sisi“-Mythos) heute im Tourismus als „Habsburg“ verkauft.

Sandgruber merkt richtig an, dass die seinerzeitige „Casa d’Austria“, die Verbindung mit Spanien, ja bis Südamerika und Ostasien reichte, und in Europa streckten die Habsburger ihre Einflußgebiete nach Italien, in den Balkan, bis zu den Niederlanden aus, von den erheirateten Ostgebieten (Ungern, Böhmen) ganz zu schweigen..

Kurz gesagt, andere mögen länger regiert haben, andere „größer“  gewesen sein (das einstige Britische Empire, wobei es die Windsors  zur Freude der Boulevard-Presse auch  noch gibt), aber nachdrücklicher als die Habsburger hat wohl keine Familie im zweiten Jahrtausend unserer Geschichte die Finger im Spiel gehabt.

Der Hekatomben von Literatur, die es über die Familie gibt, ist sich der Autor wohl bewusst. Die großen Zusammenhänge aufzuarbeiten, selbst wenn man nicht in jedes Detail geht, ist für die gesamten 645 Jahre nicht möglich (weshalb es so viele Einzeluntersuchungen gibt). Also wählte Sandgruber den Weg, den schon viele vor ihm gegangen sind und der. ehrlich gesagt, für den Autor ebenso wie für den Leser der einfachste ist. Er erzählt die Geschichte in Einzelschicksalen, von Rudolf I. bis zu Kaiser Karl (dem Letzten, könnte man sagen), wobei der Autor nicht in die Tiefen der neuerdings so beliebten „Schwarzbücher“ hinabsteigen und nur das Schlechte an den Habsburgern finden will.

Seinem Personen-Reigen hat Sandgruber interessante grundsätzliche Überlegungen voraus geschickt – dass es ja nicht nur um Herrscherfiguren ging (von denen er nicht alle berücksichtigt, die Kronen trugen), sondern um den Problemfall „Familie“ mit den strategischen Heiraten, den Kinderscharen, den in Regionen und Funktionen verteilten Familienmitgliedern.

Die „schwarzen Schafe“ fanden sich übrigens nur dort – dass jemand aus Liebe tatsächlich auf den Thron verzichtet hätte, kam nicht vor (Franz Ferdinand hätte es möglicherweise getan, war aber so wichtig, dass man ihm die morganatische Ehe gestattete), dass man als Erzherzog aus dem Erzhaus  „ausstieg“, schon eher, dass man als nicht so wichtiges Familienmitglied  ein Lotterleben führte, auch. Aber die meisten waren sich ihrer Verpflichtung bewusst.

Und weil Sandgruber ja doch die Wirtschaft immer im Sinn hat, charakterisiert er die Familie auch als „Geldgemeinschaft“ und erklärt, wie Herrscher nebenbei zu Millionären werden können. Steuerfreier Privatbesitz, der hohe Einkünfte brachte, das war schon etwas.

Und dann gibt es, in Großkapiteln klug zusammen gefasst, die einzelnen Porträts der wichtigsten Persönlichkeiten. Unter ihnen findet sich auch Johanna „die Wahnsinnige“, die keine Habsburgerin, aber Stammmutter der spanischen Habsburger war (von denen drei, Philipp II., Philipp IV. und der letzten Karl II.) vorkommen.

Ein Sonderkapitel widmet der Autor – man muss schließlich auch den Zeitgeist befriedigen, denn an sich kennt man ja nur Maria Theresia und Kaiserin Elisabeth als berühmte Frauen des Hauses –  einigen bedeutenden Damen, den Frauen um Karl V., darunter seine Tante Margarete von Österreich, die Tochter von Maximilian I., oder seine Schwester Maria von Ungarn, die dem Bruder immer treu zu Diensten war, oder Margarethe von Parma, die uneheliche Tochter von Karl V., alle in wichtigen politischen Funktionen eingesetzt, in denen sie sich bewährten.

Grundsätzlich beherrschen die Könige und Kaiser die Kapitel, mit Ausnahmen von so herausragenden Persönlichkeiten wie Rudolf dem Stifter oder Erzherzog Johann, und am Ende dürfen Kronprinz Rudolf und Thronfolger Franz Ferdinand nicht fehlen.

Den „Aufstieg der Habsburger“ zeichnet Sandgruber von Rudolf I, an (bekannt aus Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“, zumindest jenen älteren Lesern, bei denen in der Schule Grillparzer noch vorkam) bis zu Albrecht II., der das große Judenpogrom verantwortete.

„Das Glück der Habsburger“ setzt der Autor mit dem Glücksfall an, dass die „Reichsschlafmütze“, Friedrich III., erstmal die Römisch-Deutsche Kaiserkrone errang. Sein Sohn Maximilian I. war zweifellos der genialste Stratege, den bis dahin bescheidenen Familienbesitz bis Burgund, Spanien, Böhmen und Ungarn durch Heiraten  zu vergrößern – auf einmal war es ein enormes Reich. In dem für seinen Enkel Karl V. die Sonne nicht unterging…

Die Casa d’Austria verband die vernünftig getrennt Macht zwischen Spanien (das Karl V. an seinen Sohn Philipp II. weiter gab) und „Österreich“, das an seinen Bruder Ferdinand I. fiel, durch zahlreiche hoch inzestuöse Heiraten, die das Haus erstaunlicherweise dennoch überlebte. Unter den Kaisern waren Käuze wie Rudolf II. und Musiknarren wie Leopold I., der zumindest das Genie von Prinz Eugen witterte und damit die Osmanen-Gefahr abwenden konnte.

Und dann wurden sie Habsburg-Lothringen, nachdem Karl IV. Spanien an die Bourbonen verlor und in Österreich nur eine Tochter als Regentin aufbieten konnte. Über Maria Theresia muss man nicht viel erzählen, dass ihr Gatte Franz Stephan von Lothringen (der immerhin auch Kaiser des Heiligen Römischen Reichs wurde) seinen Familiennamen hinter Habsburg setzen musste, spricht Bände.

Die beiden hatten mit Joseph II. einen bemerkenswerten Sohn, der allerdings zu kurz allein regieren durfte, um seine Visionen umzusetzen. Sein Bruder Leopold II. war überhaupt nur zwei Jahre lang Kaiser (und musste laut Sandgruber mit dem „Desaster“ der brüderlichen Reformbestrebungen umgehen), aber er und seine bourbonische Frau waren es, die mit einer überwältigenden Kinderschar für eine Riesenfamilie sorgten.

Leopolds Sohn Franz, der sich ein Vierteljahrhundert lang mit den Napoleonischen Kriegen herumschlagen musste, beendete das Heilige Römische Reich, in dem er Franz II. gewesen war, und begründete als Franz I. das Kaisertum Österreich. Wie erwähnt ist seinem überdurchschnittlich begabten Bruder Erzherzog Johann ein eigenes Porträt gewidmet. Sein Sohn Ferdinand war behindert und zeugungsunfähig ein Problemfall,

1848 wurde dessen Neffe Franz Joseph auf den Thron gebracht und erwies sich als Herrscher und Integrationsfigur der späteren Doppelmonarchie Österreich-Ungarn als langlebig. Seine schöne Gattin, Kaiserin Elisabeth, wurde das Habsburgische Schmuckstück, eine zeitlang zu Lebzeiten (bis sie dauerhaft auf Reisen ging und in Österreich kaum mehr zu sehen war), vor allem aber für die Nachwelt.

Zwei Nachfolger, Kronprinz Rudolf und Thronfolger Franz Ferdinand, starben durch eine Pistolenkugel. Karl I. erbte kein Reich, sondern einen Weltkrieg und den Zusammenbruch der Monarchie. Monarchisten haben seinen Sohn Otto immer noch mit „Majestät“ angeredet, aber da war nichts mehr zu machen. 1918 ist der Vorhang über den Habsburgern gefallen.

Roman Sandgruber bedankt sich im Vorwort auch bei den Graphikern, die sein Buch gestaltet haben. Sie wählten für die Zwischentitel eine Frakturschrift, die ja berüchtigt schwer zu lesen ist, und legen über das Gesicht jeder der behandelten Persönlichkeiten in riesiger Größe dessen Namens-Initial darüber. Ob das nostalgisch, historisierend oder ganz modern wirken soll – was immer. Als wirklich gute Lösung erscheint es nicht. Aber das soll interessierte Leser nicht von der Lektüre der flüssig geschriebenen Habsburger-Porträts abhalten.

Renate Wagner

 

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