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BUCH / Michael Lemster: DIE WAGNERS

Weder Hass noch Liebe

24.08.2026 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Michael Lemster 
DIE WAGNERS
Eine Familie zwischen Musik und Macht.
424 Seiten, Benevento Verlag, 2026

Weder Hass noch Liebe

Alle Sommer wieder sind sie in aller Mund. Noch bevor das Festspielhaus auf dem Grünen Hügel seine Tore öffnet, findet die Presse irgendeinen Themenvorwand, um über die Familie Wagner zu berichten. Sie sind, ebenso wie Bayreuth, ein verlässlicher Dauerbrenner.

Die Wagners – eine weit verzweigte Familie, wie der Stammbaum in dem Buch von Michael Lemster zeigt, der schon die Mozarts, die Sträusse und die Grimms behandelt hat. Wie ausgiebig die Wagners ausfallen, zeigt ein Umfang von 424 Seiten.

Der Autor hatte es schon leichter. Weder Mozart noch Strauss noch die Brüder Grimm sind Persönlichkeiten, bei denen gewissen Zeitgenossen der Schaum vor dem  Mund hochkommt – bei Wagner unweigerlich. Kann man ihn ohne Ideologie betrachten? Sine ira et studio? Dass weder Hass noch Liebe das Urteil trübe? Man kann es zumindest versuchen. Dabei ist der Autor kein Musik- und kein Theaterwissenschaftler, sondern ein Historiker, der sich an der Zeit des Geschehens orientiert. Und Menschen zeichnet.

Das Titelbild des Buches zeigt Richard Wagner in großartiger Pose in der Mitte an einem Schreibtisch stehend, rechts von ihm sein Schwiegervater Franz Liszt, dem er die Hand reicht, möglicherweise um die Noten entgegen zu nehmen, die dieser im Schoß hält. Links von Wagner sitzt gespannt-aufmerksam seine Gattin Cosima.

Sie hat in ihre Beziehung zwei Töchter aus der Ehe mit Hans von Bülow mitgebracht, die zwei Wagner-Töchter, die sie zur Welt brachte, figurierten – da Cosima noch nicht geschieden war – auch unter dem Namen „Bülow“. Offiziell hat sie dem zweiten Gatten den heiß ersehnten Sohn Siegfried geboren. Auf dem Familienbild auf der Rückseite des Schutzumschlags drängeln sich dann die Familienmitglieder. Wagner und Cosmia waren das Zentrum, um das sich die längste Zeit alles drehte.

Michael Lemster unternimmt es nun, Wagners Lebensgeschichte detailreich, lebhaft und anschaulich zu erzählen wie einen Roman (Stilblüten sind da gelegentlich nicht zu vermeiden) und dabei das Gewicht auf die Menschen rund um ihn zu legen – nicht nur die Liebesgeschichten ( die „wechselseitige Durchdringung von Kreativem und Erotischem“ merkt der Autor als wichtig für Wagner, den Frauenfreund, an), sondern auch die Familienbindungen.

Familie beginnt schon im Elternhaus, das sich bereits in der Jugend als schwierig herausstellte: Der leibliche Vater stirbt, als Richard, das neunte Kind der Ehe, ein halbes Jahr alt ist. Von seinen acht Geschwistern war nur ein Bruder früh verstorben, drei überlebten, ebenso vier Schwestern. Die Mutter heiratet im Jahr darauf, und der Schauspieler Ludwig Geyer (immer wieder Gerüchten nach Wagners leiblicher Vater, der ihm vielfaches künstlerisches Talent vererbt hätte…) bringt ein neues Milieu in die Familie und die Übersiedlung nach Dresden, aber auch Geyer stirbt, als Richard erst acht Jahre alt ist…

Länger, als man es sich bewusst gemacht hat, war die erste Gattin Minna an seiner Seite, die er 1834 in Lauchstädt kennen gelernt hatte, 1836 in Königsberg heiratete und die sein rastloses Leben mitmachte. teils immer wieder auf der Flucht, ob aus politischen Gründen, ob vor Gläubigern…  Riga, Paris, Dresden, die Schweiz (wo sich die Wesendonck Affäre vor ihrer Nase abspielte) – erst 1862,  nach fast drei Jahrzehnten, musste Minna einsehen, dass sie Wagner nicht mehr gewinnen oder gar halten konnte. Denn dann gab es schon die Liszt-Tochter  Cosima, die sich nicht zum Opfer eignete, auch wenn sie grenzenlose Hingabe in die Beziehung investierte. Oder, wie Lemster schreibt, der Mann, der sie „mal in Agonien der Fremdscham treibt, mal in Ekstasen der Rührung. Nur eines kennt sie mit diesem Mann nicht: Langeweile.“

Was haben sie nicht alles gemeinsam geschaffen! Und von wie vielen Menschen sind sie umgeben! Dabei gibt es Mitglieder der Familie, die sich später auch politische diametral entgegengesetzt äußerten. Um Richard Wagner war eine stets wachsende, bald unübersehbare Zahl von Verwandten, selbstverständlich nicht alles liebenswerte Persönlichkeiten. Wahnfried mag schon mit all den leiblichen und angeheirateten Personen ein Tollhaus gewesen sein.

Und doch, als Wagner in diesem Buch auf Seite 350 stirbt, bleiben dem Autor noch mehr als 50 Seiten, sich mit dem Rest der Familie zu befassen. Es sind die Ereignisse, die mindestens so viel Erregung erzeugten wie Wagner als Person in seinem Leben.

Tatsächlich führt Lemster die Geschichte herauf bis heute (wenn auch etwas kursorisch), bis zu Katharina. Und er weiß, dass die Zukunft düster ist – nicht nur, weil das Schreckgespenst droht, die Bayreuther Festspielte könnten  in ganz wenigen Jahren  zahlungs- und spielunfähig  sein. Sondern weil es zwar eine nächste Generation gibt, aber eine weitere „Wagner“-Leitungspersönlichkeit  für Bayreuth nicht in Sicht ist. Und es war doch immer eine Angelegenheit der „Familie“…

„Den Sympathisanten des Grünen Hügels bleibt die zuversichtliche Hoffnung auf Rettung, wie sie dessen erstem Herrn in höchster Not immer wieder zuteil wurde“, schreibt der Autor, der sich mit seinem Buch vorgenommen hat, „weder zu beschönigen, noch alte Anklagen zu verschärfen“. Und das ist ihm auch gelungen.

Weil er Wagner zwar facettenreich kritisch sieht, ohne ihn zu verdammen, und weil er, wie so viele, die Bewunderung für sein Werk teilt, für diese „Monstrum in seiner Schönheit und Gnadenlosigkeit.“ Das dann immer noch wichtiger ist als die Menschen. „Und obwohl diese Familie – die Wagners – bis heute »zweigt und blüht«, um es mit Goethe auszudrücken, wird dieses Werk sie voraussichtlich überdauern.“

Renate Wagner

P.S.  Dass Wieland Wagners Tochter Daphne einmal mit Udo Proksch verheiratet war, verzeichnet die Stammtafel übrigens nicht. Einen  verurteilten Straftäter will man offenbar nicht in der Familie haben.

 

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