
Martin Zimmermann:
VERSUNKENE WELTEN
RUINENSTÄDTE IN DER ANTIKE VON TROJA BIS POMPEJI
Ruinenstädte in der Antike von Troja bis Pompeji
544 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2026
Eine andere Art der
„Ruinen-Wahrnehmung“
Einst waren es mächtige (oder auch vielleicht nur kleine) Städte. Dann waren es nur noch Trümmer. Die Nachwelt konnte sie verwerten. Man nahm die Steine und baute Eigenes. Und irgendwann – es war in der Renaissance, als man mit der Rückbesinnung auf die Antike das Mittelalter überwand – kippte das Bewusstsein, und die Relikte von gestern wurden Kostbarkeiten der Geschichte. Und später dann mutierten sie zu faszinierenden Herausforderungen für Archäologen und noch später zu Sehenswürdigkeiten für Touristen. Und das sind die Ruinenstädte der Antike bis heute geblieben. Geschichte von gestern nicht im Kino, sondern live zu erwandern…
Autor Martin Zimmermann, Professor für Alte Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, lockt für sein Buch über „Versunkene Welten“ zwar im Untertitel mit den spektakulärsten Namen, nämlich Troja und Pompeji, aber er bietet viel mehr – und anderes. Viel mehr, das sind die großen Namen, die der Antike-verrückte Reisende gesehen haben „muss“, von Persepolis bis Korinth, Babylon bis Ninive, von Karthago bis Knossos, und auch das, was man nicht sehen kann, nämlich ein „versunkenes“ Atlantis.
Aber er erzählt nicht die Geschichte dieser Städte, von denen die meisten schon in der Antike selbst „Ruinen“ waren, sondern von deren Untergang – und von der Wahrnehmung der Zeitgenossen, die sich in ihrem nüchternen Pragmatismus gänzlich von unserer romantisierenden Verklärung unterscheidet.
Zimmermann beginnt sein Buch mit einer ganz persönlichen Erzählung – als er, noch als aktiver Archäologe, in der Nähe von Pergamon mit Ausgrabungen beschäftigt war. Damals hat ihm ein ortskundiger türkischer Bauer mit dem Versprechen, ihm „das Grab des Aristoteles“ zu zeigen, zu den Überresten einer Stadt geführt, die nirgends verzeichnet war. Und tatsächlich – „die verstürzten Stadtmauern, Reste von Wohnhäusern sowie die Spuren einer Nekropole lagen unter dichtem Gebüsch seit 2000 Jahren im Dornröschenschlaf.“
Mittlerweile gibt es Forschungsprojekte diesseits und jenseits des Atlantiks, die bereits mehr als 40.000 (!) antike Ruinenstädte verzeichnen. Und das Wichtigste – sie sind nicht in der Spätantike „verloren“ gegangen, sondern waren schon in der Frühzeit Ruinen, weil sie von ihren Bewohnern aufgegeben worden waren.
Warum? Troja und Pompeji sind da klassische Beispiele – in einem Krieg zerstört oder einer Naturkatastrophe wie in diesem Fall einen Vulkanausbruch zum Opfer gefallen. Aber es gab auch ganz andere, praktische Gründe, dass Menschen eine Stadt verlassen haben – wenn ein Fluss verschlammte und Fischfang unmöglich machte, wenn eine Mückenplage zu Seuchen führte, dann packten die antiken Menschen ihre Sachen, zogen weiter und bauten sich eine neue Stadt.
Das ist ein uns völlig fremdes Verhalten: Wer heute in Europa in eine Stadt zieht, muss nicht befürchten, dass es diese in ein paar Jahren nicht mehr gibt (es sei denn, auch uns stünde ein Zeitalter der Kriege bevor). Diese gewissermaßen garantierte Langlebigkeit kannte man in der Antike nicht, wie Zimmermann ausführt – und erwartete sie auch nicht. Zumal als die Römer begannen, den Mittelmeerraum zu beherrschen und bei ihren Kriegszügen bewusst viele Städte zerstörten – aus machtpolitischen Gründen, aber auch, um einfach bei der heimischen Bevölkerung das Exempel zu setzen, dass man sich mit ihnen nicht anlegen soll. Manche Stadt haben sie auch wieder belebt – das mutwillig zerstörte Karthago, mit dem man die Punier definitiv auszuschalten dachte, wurde von den Römern später wieder zu einer blühenden Handelsstadt aufgebaut.
Ein ganz wichtiger Teil von Zimmermanns Buch gilt der Dokumentation der „Ruinenstädte“ (die eben großteils schon in der Antike solche waren) durch Schriftsteller und Dichter. Freilich, Homer hätte sich wohl nicht vorgestellt, was seine „Ilias“ und „Odyssee“ einst für die abendländische Geschichte und Literatur bedeuten würden (wobei Zimmermann zu jenen Leuten gehört, die bezweifeln, dass das, was Schliemann ausgegraben hat, tatsächlich das antike Troja war).
Man dankt Platon die Geschichte von Atlantis (das seither tausendfach gesucht und nie gefunden wurde wie das Ungeheuer von Loch Ness), Plinius hat das hohe Lied von Pompeji gesungen, und gar ein „Reiseschriftsteller“ wie Pausanias ist auf zahlreiche Ruinenstädte gestoßen… Zimmermann wollte (und es ist ihm gelungen), „anhand einiger ausgewählter Autoren die Omnipräsenz der Ruinenstädte vor Augen“ führen. Und der Leser des Buches, das die „Wissenschaftlichkeit“ des Autors nicht abstreifen kann und kein flotter Reisebericht geworden ist, hat seine Antike aus einem neuen Gesichtswinkel erlebt.
Renate Wagner

