Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BUCH / Martin Haidinger. JUDENHASS

Immer und ewig?

06.11.2026 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

cover 97838000 cc81196 360x541~1

Martin Haidinger.
JUDENHASS
EIN VIRUS, DAS DIE WELT UMSPANNT
224 Seiten, Carl Ueberreuter Verlag  2026

Immer und ewig?

Die Hamas mag wohl damit spekuliert haben, dass Israel auf den beispiellosen Terroranschlag vom 7. Oktober 2023 vehement reagieren und damit wenig Sympathien in der Mitwelt ernten würde. Aber dass man damit eine solche Welle des Antisemitismus weltweit lostreten  würde, hätten sie sich wohl in ihren wildesten Träumen nicht erhofft.

Völlig unbeteiligte Menschen allerorts schrien in Demonstrationen „Free Palestine“ – und waren sich vielleicht nicht völlig dessen bewusst, dass die Forderung  „From the River to the Sea“ (sprich: das Land zwischen Jordan und dem Meer) zumindest die Vertreibung der Juden aus Israel bedeutet, oder, wenn radikal durchgedacht, einen neuen Holocaust. (Der Begriff ist übrigens nicht wirklich, wie hier behauptet wird, in Deutschland „verboten“, es gibt eine Vielzahl widersprüchlicher Gerichtsurteile dazu.)

„Judenhass“ nennt der ORF-Wissenschaftsjournalist Martin Haidinger sein sehr journalistisch erzähltes Buch, das tragischerweise nicht aktueller sein könnte. Er hat die Formulierung „Antisemitismus“ deshalb nicht gewählt, weil er – auf Sem, den Sohn von Noah zurück gehend – letztendlich auch die Araber umfasst, wenngleich der Begriff sich heute ausschließlich gegen die Juden wendet. Aber „Judenhass“, durch die Geschichte getrieben von Neid, Angst und Hass, erscheint ihm präziser.

Dabei verwendet der Autor, der „Motivforschung“ betreiben möchte, die erste Hälfte seines Buches darauf, die Geschichte Wiens und seiner Juden zu erzählen. Das ist absolut nicht neu, wurde vielfach schon unternommen, wird hier nur von zahlreichen Zitaten aus konkreten jüdischen Erfahrungen angereichert. Und geht auch auf Beispiele ein, die noch allgemein bekannt sind – etwa, wie schwer sich so intelligente Menschen wie Bruno Kreisky oder Hans Weigel mit ihrem Judentum taten.

Die Motivforschung folgt anschließend, die Frage, warum sich die Welt in den letzten paar tausend Jahren so grundlegend verändern konnte, während der Antisemitismus beharrlich seinen Platz in den Gesellschaften behauptet. Das konnte geschehen, weil man seine Argumente immer angepasst und verändert hat. Wobei der Autor beim Ritt durch die Geschichte nicht immer überzeugt: Wenn er etwa meint, den Römern seien die intellektuellen Juden verdächtig und zugleich gefährlich attraktiv erschienen, so kann man dem angesichts des Hochmuts der römischen Oberschichte keinesfalls zustimmen, die diese Juden im fernen Osten nur als Widerständler bekämpft haben. Und wenn Augustus sie aus Rom auswies und nach Ostia Antica schickte, so tat er es, weil er sie in der Stadt als Unruhestifter sah. Intellektuelle Konkurrenz wurden sie erst später.

Das neue Christentum sah die Juden anders – sie waren gewissermaßen für alle Zeit in den Augen der Christen und dann der Katholischen Kirche die Jesus-Mörder. Da sie gerne unter sich blieben, schrieb man ihnen geheime Rituale zu, um sie zu dämonisieren (Kinderopfer etc.).

Ideologisch haben vor allem die Deutschen gegen die Juden gearbeitet, auch wenn sich diese, sobald sie die Möglichkeit hatten, in die Gesellschaften, in die sie nach der Diaspora einwanderten, integrierten und Großes leisteten. In Wien um 1900 in der Musik (Gustav Mahler), der Literatur (Arthur Schnitzler), des Theaters (Max Reinhardt), Journalismus (Karl Kraus), der Wissenschaft (Sigmund Freud und eine Phalanx von Ärzten, die Wien weltberühmt machten), um nur die wichtigsten zu nennen. Umso stärker war der Widerstand von Seiten Schönerers, Luegers, den Ziehvätern von Hitlers Ideologie.

Denn wenn Juden auch versucht hatten, sich von ihrer Religion abzukoppeln und sich als Katholiken oder Protestanten in die Gesellschaft, in der sie lebten, einzufügen, so warfen die Nürnberger Gesetze sie von der Religion wieder auf die „Rasse“ zurück.

Eine Rasse, die sich allerdings durch die Jahrtausende letztendlich nur durch ihr Festhalten an der Religion „halten“ konnte. Eine „Rasse“, die immer beschimpft und ausgegrenzt wurde, der man aber auch unendliche Macht („Die jüdische Weltverschwörung“) nachsagte. Eine Rasse, die man erfolgreich von den bürgerlichen Betätigungen fern gehalten hatte, so dass sie sich auf ihre Geldgeschäfte konzentrieren musste und hier eine besondere Befähigung bewies – ebenso wie in der Wissenschaft, da Lernen, Denken, Bildung für sie immer zu ihren wichtigsten Strategien zählte.

So, wie sie als religiöse Juden, gerne unter sich bleiben und heirateten und ihrerseits an ihre „Rasse“ glaubten. Was ihnen wiederum den Vorwurf einträgt, als „Auserwähltes Volk“ seien sie arrogant, elitär und abgehoben, während nach jüdischer Interpretation die „Auserwähltheit“ nur darin besteht, die Verpflichtung zu strengem, gottgewolltem Handeln einzuhalten.

Es ist ein unendlich vielschichtiges Bild, das hier zu zeichnen ist, und am Ende bleibt die Tatsache, dass die Menschen ein Feindbild brauchen und die Juden seit Jahrtausenden dafür herhalten müssen. Man kann sie ausgrenzen, verachten, beschimpfen und das, wie die Gegenwart schrecklich zeigt, weitgehend straflos tun (was wiederum das Schlechteste in den Menschen hoch bringt, die Bedürfnisse nach einem „Feind“ haben, um sich stärker zu fühlen).

Man kann sagen, dass der Autor die meisten Aspekte des Judenhasses anspricht, bis zum zementierten Hass der arabischen Welt gegen das Judentum (dem man mit dem Zionismus auch den neu entdeckten Anti-Kolonialismus überstülpen kann), bis zu den perversen Ausformungen, die auch der Wokeismus mit sich bringt: „Viele meist weit links stehende Intellektuelle jüdischer Herkunft in den USA und Europa setzen ihre Unterschriften gerne unter Bannflüche gegen Israel und meinen, dass sie als Juden keine Judenhasser sein könnten.“

Das Thema ist endlos. Scheinbar ist es auch ewig. „Vernünftig“ erklären kann man es nicht. Unvernünftig überschwemmt es immer noch die Welt, mit allen Argumenten, die man nur finden und konstruieren kann. Und die eigentlich nur negative, immer neu und gezielt  hoch gekochte Emotionen transportieren.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken