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BUCH / Marie-Theres Arnbom: DIE SCHOKOBUSSERL VON TANTE ANDULA

Süße Rezepte, bittere Schicksale

06.11.2026 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Marie-Theres Arnbom
DIE SCHOKOBUSSERL VON TANTE ANDULA
WENN REZEPTE GESCHICHTEN ERZÄHLEN
Mit 118 Abbildungen und 26 Rezepten, Amalthea Verlag, 2026

Süße Rezepte, bittere Schicksale

Man kennt die Bücher von Marie-Theres Arnbom, man weiß, dass sie an Österreichs Luxusorten von Villa zu Villa gewandert ist und die vielfältigen Schicksale von deren (oft jüdischen) Bewohnern aufgezeichnet hat. Diesmal ist es anders. Diesmal geht ihre Inspiration von drei kleinen, schwarzen, handgeschriebenen „Kochbüchern“ aus, die Edith Wozak-Bronder von ihrer Großtante Andula Koretz geerbt hat.

Darin notierte diese eigene Rezepte, aber auch solche von „Tante Ida, Tante Ella, Tante Stella, Tante Adele, Großmama, Köchin Anna und Köchin Marie“. 26 davon enthält das Buch „Die Schokobusserl von Tante Andula“ – ein etwas seltsamer, eher „lieblicher“  Titel, unter dem man sich anfangs nichts vorstellen kann. Er wirkt betulicher als die Geschichten, die hier erzählt werden, nämlich von einer weit verzweigten jüdischen Großfamilie, von der immerhin viele Mitglieder in der Emigration zwischen Buenos Aires, New York und Hollywood überleben konnten.

Glücklicherweise gibt es im Anhang des Buches Stammtafeln der Steger, Hirsch und Wolf und Pollak, denn bei so viel Verwandtschaft behält man einfach nicht den Überblick. Ein Beispiel: „Alexander Hirschs Anwaltskanzlei befindet sich in der Werdertorgasse 5, sein Partner ist sein Schwager, der prominente Strafverteidiger Heinrich Steger, aber auch Paul Koretz, der Mann seiner Nichte Andula, die wiederum Stella Hirschs Nichte ist, teilt mit ihm für einige Jahre die Kanzlei.“

Rund um die Titelheldin Andula (der tschechische Kosename für Anna) baut sich das meiste auf. Ihre Eltern Robert und Adele Pollak stammen aus dem südmährischen Prossnitz (zwischen Brünn und Olmütz), wo es vielen Juden gelingt, aus dem Ghetto zu Wohlstand, ja Reichtum aufzusteigen. Marie Theres Arnbom und ihr Gatte Georg Gaugusch recherchierten dort ausführlich vor Ort – und in allen nur denkbaren Archiven sowie in alten Zeitungen und tragen unglaubliches Material zusammen.

In Prossnitz gründen Juden eine umfassende Bekleidungsindustrie und werden reich dabei. Man übersiedelt nach Wien, wo Andula in die berühmte Schule von Eugenie Schwarzwald geht, Die Pollaks sind reich genug, sich in Payerbach am Semmering eine Villa zu kaufen (hier ist die Autorin dann in ihrem bekannten Element). Andere Familienmitglieder haben Sommerhäuser u.a. in Bad Aussee, wie es sich gehört in ihrer Welt.

Andula heiratet Paul Koretz, Fachmann für Filmfragen, was ihnen auch in der Emigration in Hollywood den Lebensunterhalt sichert. Denn in Österreich haben sie, wie alle Juden, alles verloren. Es sind beklemmende Szenen, wie detailliert der brutale Raub an ihrem Besitz durch die neuen Machthaber nach dem März 1938 geschildert wird… Sie wurden aus ihren Luxuswohnungen vertrieben, deren Wertgegenstände versteigert, sie durften jeder mit zwei Taschen emigrieren. In eine hat Andula ihre Kochbücher gepackt.

Man lernt noch viele farbige Protagonisten kennen – die Brüder Heinrich, Emil und Julius Steger. Emil zu seiner Zeit ein bekannter Opernsänger (Bariton, Hans Sachs), Julius war Filmschauspieler und Drehbuchautor, Heinrich ein berühmter Anwalt, gewandter Verteidiger, Musikfreund, zeitweise Liebhaber von Anna von Mildenburg. Die Steger- Schwester Clara ist die Mutter von Paul Koretz, ihre weiteren Geschwister legen mit ihren Ehen den Grundstein zu riesigen familiären Vernetzungen, den Hirschs, den Wolfs. So viel zu erzählen.

Wenn Paul Koretz als Filmanwalt und Agent schon in den USA tätig ist, kümmert er sich um die desolaten Vermögensverhältnisse des emigrierten Max Reinhardt. Und da passiert dem Buch ein schlimmer Flüchtigkeitsfehler, denn Paul schreibt (Seite 181 des Buchs) einen Brief „an Reinhardts Gattin Helene Weigel“ (die auch im Register so angeführt ist). Nun war Max Reinhardt mit Helene Thimig verheiratet, Helene Weigel war die Frau von Bertolt Brecht – das sollte in dem Buch einer Autorin, die schließlich einmal das Theatermuseum geleitet hat, nicht passieren, zumal sie im Anhang dankend erwähnt, wie viele ihrer Freunde an dem Manuskript mitgelesen haben… Es mindert den Wert des Buches nicht, wenngleich es hier nicht um ultimative Berühmtheiten geht, die in anderen Arnbom-Büchern aus ihren Villen blicken.

Die Frage ist, ob man mit den Rezepten, die zum allergrößten Teil aus Süßigkeiten bestehen (mit so anheimelnden Bezeichnungen wie Rothschild-Omelette oder Bärentatze), Leserinnen gewinnen will, die sich vielleicht nicht für die detaillierten Familienverstrickungen interessieren, sondern für neue Speisen.

Allerdings wird eine Köchin von heute angesichts der Mengen von Butter, Zucker, Schlagobers zurück schrecken, die man nur in einer Welt goutieren konnte, die nichts von Cholesterin, Laktose-Unverträglichkeit oder „absolut bio“ und „sicher vegan“ wusste. Seltsames gibt es auch: Schinkenpudding?

Allerdings – wenn man die „süßen“ Rezepte einfach nur  liest, läuft einem  immer wieder das Wasser im Mund zusammen. Vielleicht hat der Verlag deshalb die „Schokobusserln“ zu gleichwertigen Titelhelden neben der Tante Andula gemacht.

Renate Wagner

 

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