
Klaus Lohrmann:
BABENBERGER UND TRAUNGAUER
LANDESHERRSCHAFT UND ÖKONOMIE (1150-1250)
345 Seiten, Böhlau Verlag, 2025
„It’s the economy, stupid!“
Es gibt Historiker, die der Ansicht sind, Geschichte sei immer zu allererst Wirtschaftsgeschichte, und es gibt Bereiche, wo das zu stimmen scheint. Nicht zuletzt, weil Reichtum und Macht sich immer zusammen finden und vielfach auch bedingen (so „arme“ Kaiser wie Maximilian I. hatten es sehr schwer…)
Man kennt den Bill Clinton-Spruch „It’s the economy, stupid!“, am besten zu übersetzen mit: Es geht in erster Linie um die Wirtschaft, Dummkopf! (Auch bekannt als „It’s business, stupid“ – also die Geschäfte, so wie Donald Trump heute sein Amt führt…)
Ähnlich denkt auch der österreichische Historiker Klaus Lohrmann, der als Fachmann für jüdische Geschichte gilt (was hier nur ganz am Rande vorkommt, wenn die Babenberger das Lösegeld für Richard Löwenherz dem Juden Schlom zur „Bearbeitung“ anvertrauten) und für mittelalterliche österreichische Geschichte. Und da schildert er das Nebeneinander zweier mächtiger Familien, der Babenberger und der Traumgauer, im 11. und 12. Jahrhundert nicht zuletzt als Nebeneinander ökonomischer Interessen.
Die Babenberger, zwar immer im Schatten der nachfolgenden Habsburger, haben dennoch ihren gewürdigten Platz in der österreichischen Geschichte, sie waren es schließlich, die den Grundstein dafür legten, was wir heute unter „Österreich“ verstehen.
Die Traungauer werden vermutlich vor allem im Bewusstsein der Steiermark zu finden sein. Sie gehörten der verzweigten Linie der „Otakare“ an und siedelten zuerst in Oberösterreich. Von ihrer Stadt Steyr nahmen sie den Namen mit, als sie südliche Gebiete bekamen, die man heute als „Steiermark“ kennt. Diese war zuerst eine Markgrafschaft, dann ein Herzogtum. Räumlich verbreitete man sich nach und nach (auch durch Erbschaften9 in den Süden bis Krain- Es war eine wichtige Region und von den Traungauern gut geführt.
Es gab sie von 1056 bis 1192, dann starb der Letzte von ihnen, und der Babenberger Leopold V. und sein Sohn Friedrich wurden von Kaiser Heinrich VI. am 24. Mai 1192 im Herzogtum Steiermark als Herzöge eingesetzt bzw. belehnt, was einen gewaltigen Landzuwachs bedeutete. Sie waren somit der größte Machtblock im Süden des Reichs. (Die Babenberger, die 976 an die Macht kamen, erlitten übrigens 1246 mit ihrem Aussterben dasselbe Schicksal und machten die Bühne für die Habsburger frei, die dann knapp 700 Jahre durchhielten).
Wenn Klaus Lohrmann seine ausführliche Geschichte des Handels im 12 Jahrhundert im Donauraum aufblättert, betont der Autor durchaus das Überlappen der Protagonisten in einem Raum, wo ihre finanziellen Interessen zusammen stießen. Mit Unterstützung von Regensburger Kaufleuten gründete der steirische Markgraf Otakar III. in Enns einen Jahrmarkt, der für ein halbes Jahrhundert eine Drehscheibe im Fernhandel an der Donau wurde. Dieses Handelszentrum steht am Beginn der Betrachtungen. Es warf viel Geld für die Traungauer ab, die Babenberger hingegen hatten eine Zollstelle in Mauthausen.
Der in Enns umgeschlagene Fernhandel umfasste beinahe ganz Europa. Das kostbare Gut der Tücher aus Flandern kam über deutsche Städte und konnte hier über Ungarn bis zu den Kiewer Rus geschickt werden, die wiederum mit Eichhörnchenfellen (und vielem mehr) in den Westen gingen.
Das flandrische Tuch (von dem ein Teil nach Böhmen ging, wo es gefärbt wurde) war als Luxusartikel sehr gefragt. In Wien legen heute noch die „Tuchlauben“ Zeugnis davon ab, wo dieses kostbare Gut im Mittelalter gehandelt wurde.
Man holte Salz aus Böhmen, Honig (hoch gefragt, weil das einzige Mittel zum Süßen in dieser Zeit) und Wachs (für die Kirchenlichter in reichem Maße benötigt) aus dem Osten. Ungarn als wichtiger Handelspartner lieferte auch Silber, Pferde, Fische. Der Handel war so differenziert, dass für die Weinproduktion auch das nötige Korkenmaterial verschifft wurde. Und die eigenen Wälder lieferten mehr als nur Holz, nämlich Willd, Bienen, Heugewinnung – und die Forsthoheit war bei den Herrschenden.
All das verlief hoch professionell, sehr vieles wurde in Enns umgeschlagen, und viele Schiffe führten schon die kompletten Wagen mit sich, die dann auf den an den Ufern der Donau entlang verfügbaren Straßen weiter fuhren. Die Logistik des Transports war tatsächlich hoch entwickelt.
Und bei jeder Kleinigkeit fielen Gebühren an. Marktgebühren, Wagenmauten, Abgaben für die Frachten, Zölle überhaupt. Dies und die Erträge aus dem sich rasch entwickelnden regionalen Münzwesen verschafften dem Landesherrn bedeutende jährliche Einkünfte.
Ein System, bei dem so viel „gerechnet“ werden musste, benötigte kundige „Ministralen“, wie die Beamten damals hießen. Verwaltung und Bürokratie standen damals schon auf hohem Niveau. Um all diese Leute zu bezahlen, brauchten die Fürsten ebenso viel Geld wie für die eigene Machtdemonstration – und man nahm es ein.
Andere. nämlich militärische Dienstleister für die Herrscherm waren bedeutende Adelsgeschlechter, von denen auch einige (etwa die Kuenringer, die Herren von Dürnstein) aus der Reihe tanzen konnten, wenn sie meinten, selbst „Zölle“ einheben zu können. Sie sind übrigens nicht das einzige Adelsgeschlecht von damals, das in dem Buch auftaucht und von Bedeutung war, allerdings sind die meisten ausgestorben.
In diese über-ausführliche Schilderung der Handelsdetails der Epoche fügt der Autor die Rolle der Kirche ein, wobei die Stifte Machtträger waren und oft über Geldangelegenheiten mit den Herrschern in Streit gerieten. Zudem war durch den „Investiturstreit“ die Rolle der Kirche gestärkt, sie konnte die moralischen Vorgaben setzen, die etwa Wucher verboten (wobei sie in das Kreditwesen oft eingebunden waren).
Und es ging auch darum, dass ein Herrscher gerecht zu sein hatte, für das Wohl seiner Untertanen zu sorgen (der Babenberger Leopold V. war dafür bekannt, sich nach Kräften für die zunehmende Dichte und Vermehrung des Warenangebots in Wien einzusetzen). Kurz gesagt, Herrschaft und Heilserwartung lebten im Alltag von Geschäften und Finanzen. So durchdringt der Handel, dem sich der Autor vordringlich widmet, die mittelalterliche Lebenswelt – ein ungewöhnlicher Gesichtspunkt, der in seiner Differenziertheit wohl vor allem von Ökonomen mit Gewinn gelesen werden wird. Aber zum Verständnis der Epoche wurde ein wesentlicher Beitrag geleistet.
Renate Wagner

