
Kirsten Liese:
MAESTRO MUTI
EIN MUSIKALISCHES LEBEN IN REZENSIONEN UND INTERVIEWS
Zweisprachig Deutsch / Englisch
284 Seiten, Verlag edition karo, 2026
Die Würdigung zum Geburtstag
Einst war er einer der Jungen, der nach Karajan in die Reihe der ersten Dirigenten der Welt vorstieß. Heute ist er ein alter Meister, der auch mit Mitte 80 nach wie vor aktiv ist. Zum 85. Geburtstag des am 28. Juli 1941 in Neapel geborenen, in Apulien aufgewachsenen Riccardo Muti ist nun ein Buch erschienen, das dem „Maestro“ mit voller Bewunderung huldigt.
Eine Bewunderung, die viele Musikfreunde teilen können, die auf Jahrzehnte von Eindrücken zurück blicken, die Muti ihnen beschert hat. Aber es geht nicht nur um seinen unvergleichlichen Mozart („Mozart ist das Brot für Dirigenten, Sänger, Pianisten, für jeden Musiker unabdingbar“, sagt Mutti) und den fulminanten Verdi. („Verdi hat in Riccardo Muti wohl den treuesten Anwalt unter den Dirigenten gefunden“, sagt die Autorin).
Hier ist auch einer Persönlichkeit zu huldigen, die sich nicht in den Dienst des eigenen Effekts, sondern des ihm anvertrauten Werks gestellt hat – Sänger berichten immer wieder von der Genauigkeit, mit der er Werktreue realisiert. Daneben ist jene Starrköpfigkeit zu bewundern, die man sich natürlich nur in seiner Größenordnung leisten kann: Dass er keine Inszenierung akzeptiert, in der ein Regisseur sich selbst anstatt des Werks „verwirklichen“ will. Und schließlich muss man für den politisch-sozialen Menschen hohen Respekt hegen, der (ähnlich wie Daniel Barenboim) weiß, dass Musik über alle Abgründe und Zwiespälte hinüber eine verbindende Kraft entwickeln kann.
Die Berliner Musikjournalistin Kirsten Liese hat eine Art von Musikdokumentation zuerst erfolgreich am Beispiel von Sergiu Celibidache erprobt, der von Riccardo Muti übrigens sagte: »Er ist das größte Talent, das ich kenne.« Nun hat sie auch für Muti „Ein musikalisches Leben in Rezensionen und Interviews“ vorgelegt (praktischerweise auch auf Englisch, damit man den Weltmarkt erreicht – allein in Chicago, wo Muti allgegenwärtig ist, werden sich vermutlich zahlreiche Leser finden). Wer der dritte Dirigent ist, den die Autorin derzeit in ebendieser Form „aufbereitet“, verrät sie nicht.
Kirsten Liese kennt Riccardo Muti, war bei vielen seiner Aufführungen dabei, hat mit ihm gesprochen. Dass Muti seit rund sechs Jahrzehnten ein „Gigant“ des Musiklebens ist, in allen Genres und an allen Orten vertreten, zwingt zur Auswahl. Biographisches wird zusammen gefasst (wobei sie auch immer wieder auf Aussagen aus Mutis eigener Biographie und natürlich eigene Eindrücke zurück greifen kann).
Schwerpunkte setzt das Buch bei seiner Arbeit an der Mailänder Scala, die ja nicht friktionsfrei verlaufen sind, bei der „Liebesbeziehung“ zu den Wiener Philharmonikern (natürlich auch mit dem Neujahrskonzert, das er öfter dirigiert hat als jeder andere). Es folgen die Salzburger Festspiele (wo die Autorin zu den Produktionen dann besonders ihre eigenen Eindrücke einbringt), das Chicago Symphony Orchstra und jene späten Jahre, wo Muti sich an keine Institutionen mehr band, sondern quasi ein selbstbestimmtes Künstlerleben führte – mit eigenem Orchester, ausgewählten Produktionen, dezidierter Nachwuchspflege und jenen „sozialen“ Aktionen, die ihn völkerverbindend unterwegs sahen: Das Orchesterprojekt „The Roads of Friendship“ brachte ihn nach Sarajewo, aber auch nach Teheran, Beirut, Jerusalem, Kairo, Nairobi und Israel,
Neben dem gerafften, aber detailreichen Lebenslauf liegt der Schwerpunkt des Buches auf Interviews, die Kirsten Liese mit Künstlern geführt hat, mit denen Riccardo Muti eng zusammen arbeitete. Der Maestro kommt mit einem Interview von 2018 erst spät, aber ausführlich zu Wort und legt viele seiner künstlerischen Intentionen dar.
So berichten der Brite Mark Stephenson, der lange Cellist unter Mutis im London Philarmonia Orchestra war, bevor er selbst Direktor wurde, oder Edda Moser, die 1981 in Florenz unter Muti Glucks „Iphigenie in Tauris“ beim Maggio Musicale sang. Von persönlicher Zusammenarbeit berichten Roberto Nigro, Konzertmeister und Kammermusiker, Diana Damrau, die u.a. Mutis Susanna war und unvergeßliche Erinnerungen hat („Bei aller Strenge, Exaktheit und künstlerischem Interpretationswillen erlebte man mit ihm öfter mal auch lustige, humorvolle Momente“).
Es erinnert sich der großartige, seit dem Ukraine-Krieg aus dem Westen verschwundene russische Bass Ildar Abdrazakov: „Jede Begegnung mit ihm ist in erster Linie eine mit einem Meister und Genie.“ Befragt wurden drei Philharmoniker, Daniel Froschauer, Werner Resel und Rainer Küchl, die Autorin hat auch noch mit weiteren Musikern gesprochen, dem amerikanischen Orchestermusiker Charles Vernon und Hanne Weber, die Mitglied des Chores des Bayerischen Rundfunks ist, den Riccardo Muti besonders liebt.
Diese Interviews werfen ein vielfältiges Licht auf Muti als Künstler und Menschen, wie ihn andere Künstler und Menschen erlebt haben – eine „Außenbetrachtung“ von Wert.
Renate Wagner

