
Katrin Unterreiner:
LIEBE & MACHT
HINTER DEN KULISSEN DES WIENER KONGRESSES
152 Seiten, Verlag Carl Ueberreuter. 2026
Was trug die elegante Dame damals?
Selbstverständlich hat der Kongress nicht nur getanzt. Es wurde dort auch eine Menge – und übrigens weitgehend erfolgreich – gearbeitet. Aber wer „Kongress“ sagt, denkt an den Wiener Kongress von 1814/15 und die daran klebende Floskel, die von einer exzessiven Unterhaltungs- und Feste-Kultur erzählt – was es teilweise wohl auch war..
Zu „runden“ Jubiläen (zuletzt 2014/15) hat man die politischen Leistungen, die damals in Wien gesetzt wurden, gewürdigt. Ein Vierteljahrhundert hatte Napoleon Europa in seinen Grundfesten erschüttert. Königshäuser abgesetzt und sich und seine Familie eingesetzt – er sich selbst als „Kaiser der Franzosen“, seine Brüder als Könige von Spanien und Holland, seinen Schwager als König von Neapel, seinen Stiefsohn verheiratete er in ein deutsches Fürstentum, und seinen Baby-Sohn krönte er zum „König von Rom“. Da musste vieles rückabgewickelt werden, und vor allem ein völlig zerrissenes Deutschland, das aus zahlreichen Fürstentümern und auch Königshäusern bestand, verlangte einigermaßen Konsolidierung. Europa war ausgeblutet, erschöpft, ideologisch verwirrt. Aber all das steht in anderen Büchern.
Karin Unterreiner, die derzeitige Spezialistin für populäre Historie, hat das Thema Kongress – mit besonderer Berücksichtigung der Weiblichkeit, sprich, „Liebe und Macht“ – doppelt verwertet: In der derzeitigen Burgenländischen Landesausstellung in Schloß Halbturn und in dem gleichnamigen Buch, das man als begleitende Lektüre nehmen kann.
Die Autorin ist Historikerin, man muss also nicht befürchten, nur mit Klatsch und Tratsch versorgt zu werden. Aber nach den faktischen Präliminarien wendet sich das Buch, seinem Titel entsprechend, der Verknüpfung von Erotik und Politik „hinter den Kulissen“ zu, wenn man sich etwa „Salons und Salonnièren“ oder „Kongressbummlern“ zuwendet, sich für die großen Feste ebenso interessiert wie die damals so wichtigen „Spitzelberichte“ (heute sagt man „Geheimdienste“ dazu).
Historie kann man natürlich theoretisch betrachten, aber sie erzählt sich am besten, wie die Autorin weiß, über Menschen, über die wirklich prächtigen Protagonisten dieser Geschichte, die sich damals 1814 in Wien zusammen fanden. Kaiser Franz II., der „für alle zahlte“, begrüßte den russischen Zaren, den König von Preußen, deutsche Fürsten sowie Diplomaten (Fürst Talleyrand verhandelte für das besiegte Frankreich) – und mächtige Damen. (Ein Personenregister hätte dem Buch übrigens sehr gut getan.)
Das so genannte „galante“ Zeitalter, wo die Frauen entweder durch ihre Herkunft oder ihre Männer-Beziehungen im Schatten der Großen hinter den Kulissen bedeutenden auch politischen Einfluss hatten, war zwar offiziell mit der Französischen Revolution vorbei, aber beim Wiener Kongress brach diese „galante“ Einflussnahme durch die Präsenz vieler hoch adeliger, bestens vernetzten und souverän intrigierender Damen wieder auf.
Auf diesen feministischen Aspekt konzentriert sich die Autorin mit der Aussage: „Was den Kongress abseits geopolitischer Fragen aber tatsächlich prägte, waren persönliche Befindlichkeiten. Liebe, Eifersucht, Kränkungen, Animositäten, Machtspiele und Intrigen hatten einen größeren Einfluss auf die Verhandlungen als bei vergleichbaren Anlässen.“ Man bedenke nur, durch wie viele Betten Fürst Metternich während der Kongress-Zeit gegangen ist und was ihm die Damen ins Ohr geflüstert haben… Vielleicht war dies seine Stärke, dass auch solcherart alle Informationen bei ihm zusammen liefen.

Foto: Ausstellung Halbturn
Das Buch hat noch einen modisch-„kulinarischen“ Aspekt: Karin Unterreiner, die schon der Kleidung von Kaiserin Elisabeth ein Buch gewidmet hat, zeigt besonderes Interesse an Mode. In der Halbturn-Ausstellung stellen die Damen-Roben einen entscheidenden Blickfang dar, und sie sind es auch in der Bebilderung des Buches. Man sieht natürlich die Protagonisten, man sieht zeitgenössische Szenen in Stichen und Aquarellen, aber man sieht eben auch die zeitgenössischen Roben (wenn sie auch aus einem Fernsehfilm stammen…), die gewissermaßen klar machten, was sie Reichen und Schönen damals trugen. Es war noch die Mode der Napoleon-Zeit, die ja die Taille unter die Brust gesetzt hatte (sehr kleidsam, wenn man nicht ganz schlank war), während diese (die Taille nämlich) erst in der Biedermeier-Zeit an die gewohnte Stelle rückte. Die Schönheit wurde teils in Opulenz, teils in Eleganz zelebriert.
Am Ende verkündet das Buch noch, dass es ab November 2026 die Disney+ Serie „Vienna Game“ zu sehen geben wird. was sich für das Fernsehen als „opulente, neunMonate andauernde, rauschhafte Party“ natürlich besonders empfiehlt…
Renate Wagner

