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BUCH / Jane Draycott: FULVIA

„Weißwaschung“ einer Täterin?

09.08.2026 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Jane Draycott
FULVIA
DIE FRAU; DIE IM ALTEN ROM ALLE REGELN BRACH
304 Seiten, Verlag Piper. 2026

 „Weißwaschung“ einer Täterin?

 Fulvia steht für die Nachwelt nicht auf der Liste der berühmten römischen Frauen, und das erstaunt, bedenkt man ihre herausragende Rolle in der Epoche von Caesar, und Augustus am Ende der Römischen Republik. Da kannte sie jeder, wenn auch damals wohl niemand etwas Gutes über sie gesagt  hätte: grausam, rachsüchtig, habgierig, manipulativ und im Hinblick auf das Ideal römischer Matronen eindeutig „unweiblich“ – all das schrieb man ihr zu, und es gibt in der Literatur Beispiele dafür.

Aber allein durch ihre drei Ehemänner stand sie in der vordersten Linie – vor allem durch den Rowdy Clodius, der als Volkstribun Roms Ruhe gewaltig störte, durch Gaius Scribonius Curio , der in alle politischen Händel der Zeit verwickelt war und nach drei Ehejahren am Schlachtfeld starb, und durch Marc Anton, der eine zeitlang zu den mächtigsten Männern des Reiches gehörte. Fulvia mag die verhassteste Frau Roms gewesen sein, aber es gab wohl keinen wichtigen Mann der Epoche, der nicht ihren Weg kreuzte…

Die britische Historikerin Jane Draycott hat nun die erste Biographie über Fulvia geschrieben, die – wie sie reklamiert – in keinem Film, keiner Fernsehserie vorkommt, einfach total vergessen ist. Der Umschlag des Buches zeigt ein Gemälde – zuerst nimmt man eine liegende Frau in sicherlich nicht römischem Kleide wahr. Dann sieht man, wonach sie die Hand ausstreckt – ein Kopf, aus dessen Mund zwei lange Nadeln ragen.

Es ist die wohl berühmteste und grauenvollste Episode um Fulvia, die einige wenige Maler angeregt hat (kein Vergleich zu den Bildnissen der Kleopatra, die sie bei ihrem Mann Mark Anton ablöste). Ein typisches Historismus-Bild von Pawel Swedomski von 1898, kaum bekannt.  Die zugrundeliegende Geschichte kennen wohl am ehesten jene, die sich mit Cicero befasst haben. Der scharfzüngige Anwalt hatte Fulvia jahrelang aufs Korn genommen und öffentlich beleidigt. Als es unter Octavian und Mark Anton zu den Proskriptionen kam, um ihre Kassen aufzufüllen, hat Fulvia sicher das Ihre getan, um Cicero auf die Liste zu setzen. Nachdem er ermordet worden war und man ihr seinen Kopf brachte, nahm sie eine lange Nadel aus ihrer Frisur und stach sie ihm durch die Zunge…

Jane Draycott ist ganz auf der Seite ihrer Heldin, erklärt das nicht nur mit schäbiger Rache, sondern auch einer Art von Ritual. Sie will in ihrem Buch nämlich „Fulvia als atmende Römerin aus Fleisch und Blut lebendig werden lassen – als Frau, die ihre Ehemänner liebte, deren Kinder gebar, diese Kinder liebte und sich – zu Recht oder zu Unrecht – für ihre Familie aufrieb“. Fraglos wird Fulvia hier lebendig – ob man sich für sie erwärmen kann, liegt im Auge des Betrachters. Bzw. der Betrachterin, denn natürlich wird hier der feministische Kampf gegen eine römische Männergesellschaft geführt.

Ist der Ruf der verfemten Frauen tatsächlich nur eine Folge toxischer männlicher Propaganda? Es muss in diesem Buch einen „Bösewicht“ geben, der den Ruf Fulvias sukzessive und erfolgreich ruiniert hat. Er ist in Octavian, dem späteren Augustus, leicht gefunden, der Fulvia offenbar nicht leiden konnte, obwohl er in erster Ehe ihre Kind-Tochter Claudia heiratete. Dass er ihr das Mädchen „unberührt“, wie schlechte Ware, zurück schickte, zeigt von der Verachtung, die er für sie empfand. Die Autorin teilt Fulvias Haß auf Octavian und kratzt einfach alles zusammen, was man Böses in seiner Biographie finden kann.

Erzählt wird Fulvias Leben von der Wiege bis zur Bahre (und darüber hinaus noch die tragische Geschichte ihrer Kinder). Dabei  kennt man weder Geburts- noch Sterbedatum. Geboren zwischen 83 und 75 v. Chr.,  starb sie verhältnismäßig jung um etwa 40 v. Chr,, hatte in dieser Zeit drei Ehemänner, denen sie fünf Kinder gebar. Und sie führte, quasi in Privatregie, den Perusinischen Krieg. Dass Octavian sie danach mit dem Leben davon kommen ließ, rechnet die Autorin ihm nicht hoch an, obwohl niemand ihn getadelt hätte, wenn sie ihren Alleingang hätte büßen müssen.

Für eine römische Frau der Oberschicht galten drei Vorgaben, die ihren Status sicherten: Das waren Herkunft, Ehe (bzw. Ehen) und Mutterschaft. Wenn Reichtum dazu kam, war er ein Argument. Fulvia erfüllte alles. Die einzige Tochter zweier reicher Eltern heiratete in erster Ehe den berüchtigten Publius Clodius Pulcher, in zweiter Ehe den ebenso schillernden Gaius Scribonius Curio. Da kann die Autorin viel über die Machenschaften dieser Männer erzählen, Fulvia war mit Sicherheit interessierte Mitakteurin, wenn auch am Rande.

Von Witwenschaft hielt sie nichts, Gatte Nr. 3., Marcus Antonius, war der spektakulärste Fang  – ihr Pech, dass sich alle Welt (inklusive Shakespeare) nur für seine letzte Gattin, immerhin die ägyptische Königin Kleopatra, interessierte. Im Vergleich mit dieser hatte Fulvia nichts zu melden, obwohl ihr in den wilden Zeiten um Caesars Ermordung, da Antonius mit Octavian um die Macht rang, viel abverlangt wurde – ihr Vermögen war ebenso in Gefahr wie ihre Kinder. Dass sie den Perusinischen Krieg mit ihrem Schwager im Namen des abwesenden Antonius führte (und angeblich schwertumgürtet Anweisungen gab), ruinierte ihren schon bei den Zeitgenossen schwer negativen Ruf vollends. Dass sie relativ jung starb, kann man als Akt der Überanstrengung deuten.

Das Buch hat viele Qualitäten, vor allem die ausführliche Schilderung, wie man in Rom tatsächlich lebte. Dazu kommen zahlreiche „Fallbeispiele“ anderer Frauen, die Fulvia in das Licht vieler durchaus emanzipierter Römerinnen einreihten, die geschickt umrundeten, dass sie in einer Männergesellschaft eingeschränkte Rechte hatten. Auch gelingt es der Autorin das unvermeidliche Chaos, das durch die Fülle von Menschen und Ereignissen gegeben ist, einigermaßen übersichtlich zu machen.

Das Buch hat allerdings auch Schwächen. Die Autorin erzählt vieles mehrfach, weil es an verschiedenen Stellen hinpaßt, aber der Leser weiß es schon. Des öfteren stößt man auf unverständliche Satzungetüme, wo man sich fragt, ob die Autorin oder die Übersetzerin sich verheddert hat. Und es gibt Behauptungen, die einfach nicht zu verifizieren sind, etwa, dass Fulvias Sohn aus erster Ehe, Claudius Pulcher, mit Octavias Tochter Marcella Major verheiratet gewesen sein soll. Hier schreibt sie ihm die Tochter Claudia Pulchra zu, die in allen Lexika einen anderen Vater aufweist…

Auch tut die Autorin etwas, das Historiker nicht tun dürfen: Sie spielt das „Was wäre, wenn…“-Spiel. Was wäre gewesen, wenn Fulvia nicht in Griechenland gestorben und den Weg für Antonius‘ Ehe mit Octiavia, der Schwester des Octavian, frei gemacht hätte? In den Augen der Autorin hätte Antonius mit ihr die Welt beherrscht, es gäbe keine Kleopatra, mit der er unterging, und er hätte auch nie Octavia geheiratet, womit das ganze Julisch-Claudische Kaiserhaus (mit Figuren wie Caligula und Nero) der Welt erspart geblieben wäre…

Man darf dagegen argumentieren: Wenn Fulvia nicht gestorben wäre, hätte Antonius sich nicht einen Deut um die geschert, hätte sich scheiden lassen und Octavia selbstverständlich geheiratet, um den Frieden mit Octavian zu sichern. Fulvias Tod oder nicht Tod hätte daran nichts geändert…

Allen Einwänden zum Trotz ist es ein Buch, aus dem man viel erfährt. Ob man sich mit Fulvia anfreundet, entscheidet der Leser („der Leser“, das generische Maskulinum der deutschen Sprache, das alle Geschlechter beinhaltet!). Ein verdammt interessantes Frauenzimmer war sie jedenfalls, von der Autorin zweifellos mit Mut und Durchsetzungsvermögen bedacht. Und ein paar nicht so gute Eigenschaften hatte sie auch. Wer hat schon die Nerven, einem Totenkopf die Zunge  zu durchstechen?

Renate Wagner

 

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