
Honor Cargill-Martin
MESSALINA
INTRIGEN, MACHT UND ORGIEN IM ANTIKEN ROM
DIE WAHRE GESCHICHTE DER SKANDALKAISERIN
460 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2026
Und wie war es wirklich?
Krösus. Vandale. Messalina. Es ist selten, dass Personen oder Völker zu Synonymen werden, die Unmissverständliches aussagen. Ein Super-Reicher. Ein Zerstörer. Eine sexuell unersättliche Frau. Wie Messalina, die Gattin des römischen Kaisers Claudius, die angeblich nachts aus dem Palast schlich und im Bordell viele Männer bediente, nicht, um ihr Taschengeld aufzubessern, sondern um ihre persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen… Kein Wunder, dass sie in der Nachwelt normalerweise eher die Heldin von römischen Pornofilmen ist als von Biographien.
Tatsächlich gab es bisher keine solide lebensgeschichtliche Auseinandersetzung mit ihr als Person, die historisch relevant wäre. Das hat nun die in Oxford als Althistorikerin promovierte Britin Honor Cargill-Martin nachgeholt – mit bemerkenswertem Ergebnis. Wobei es einer Historikerin nicht darum geht, eine weibliche Figur von einst rein zu waschen oder gar als Opfer hinzustellen. Sie will einfach, und das gelingt ihr, die Fixierung auf Messalinas Sexualität aufbrechen und sie in eine Zeit brisantester politischer Ereignisse stellen, an der sie aktive mitwirkte.
Einen neuen Blick auf Messalina zu werfen, heißt also, über die drei römischen Historiker Tacitus, Sueton und Cassius Dio hinaus zu gehen, die über sie und ihre „Schandtaten“ berichteten und – wie die Autorin betont – grundsätzlich misogyn waren: „Nicht schwach allein und Beschwerden nicht gewachsen ist das weibliche]Geschlecht, sondern, gibt man ihm dazu Fr eiheit, grausam, ehrsüchtig, herrschbegierig“, stellte etwa Tacitus fest…
Es gab vor Messalina nur eine wirklich mächtige Frau im julisch-claudischen Haus, das Rom immerhin über ein knappes Jahrhundert beherrschte, nämlich Livia, die Gattin des Augustus. Man sagt ihr nach, sie habe den Neffen des Augustus, seine beiden Enkelsöhne, seinen Großneffen (der auch ihr Enkel war!) und schließlich den letzten Enkel ermorden lassen, weil sie der Nachfolge ihres Sohnes Tiberius im Weg gestanden seien. Wenn dem so war, so tat sie es in aller Stille mit Komplizen, die auch schwiegen, denn man konnte ihr nie etwas nachweisen. Messalina hingegen agierte gewissermaßen in aller Öffentlichkeit. Das war, so die Autorin, nur möglich, weil sie in einer Zeit lebte, wo „die Macht des persönlichen Temperaments, der Liebe, der Begierde, der familiären Bande, der Eifersucht, des Vorurteils und des Hasses als Triebkräfte realen geschichtlichen Wandels nicht zu unterschätzen“ gewesen seien.
Messalina schuf ein neues Modell weiblicher Macht und zwingt, wie die Autorin ausführt, zu einer „Auseinandersetzung mit der ganzen nicht quantifizierbaren Irrationalität, die diese Epoche in der politischen Geschichte Roms bestimmt.“ Und nicht zuletzt reflektiert ihr schlechter Ruf den Widerstand der Männer angesichts einer selbständig handelnden Frau.
Honor Cargill-Martin kann am Schicksal Messalinas die ganze bisherige Geschichte des julisch-claudischen Hauses erzählen. Sie wird in ein Rom hinein geboren, das Augustus so mächtig und prächtig hinterlassen hatte, wie es nichts zuvor gab. Ihre Herkunft ist vom Feinsten – beide Eltern waren Enkel von Octavia, der hoch geschätzten Schwester von Augustus, die mit vier Töchtern aus zwei Ehen viel zum Bestand der Dynastie beitrug.
Messalinas Vater Marcus Valerius Messalla Barbatus ist ein Sohn von Claudia Marcella der Jüngeren, ihre Mutter eine Tochter von Antonia der Älteren aus Octavias Ehe mit Mark Anton. Messalina war ein Kleinkind, als ihr Vater starb, ihre – schlecht beleumdete – Mutter heiratete noch zweimal, beide Male Männer, die reich und einflussreich waren. Die Familie war so reich, wie es im römischen Adel üblich war, Messalina wuchts also im Luxus auf.
Man weiß nicht genau, wann Messalina geboren wurde, sie war ja „nur“ ein Mädchen – wenngleich diese im römischen Adel die wichtige Funktion hatten, durch Ehen auch Bündnisse zu schmieden. Sie kam vermutlich um das Jahr 20 n. Chr, zur Welt, als Tiberius herrschte, und sie hat nicht nur mit Sicherheit eine gute Erziehung genossen, sondern auch die Welt um sich genau beobachtet.
Und da zeigte sich schon ein Wandel – hatte Augustus unliebsame Familienmitglieder (einschließlich der eigenen, einzigen Tochter!) „nur“ ins Exil geschickt, zeigte Tiberius an der Ermordung der Älteren Agrippina (immerhin eine Augustus-Enkelin, Tochter von dessen Tochter Julia) und ihrer beiden Söhne, dass auch die Mitglieder der kaiserlichen Familie nicht davor gefeit waren, brutal eliminiert zu werden. Und als dann im Jahr 37 Caligula an die Macht kam (ausgerechnet der Sohn der ermordeten Agrippina), da brachen in Rom Terror und Perversion in einem Ausmaß durch, dass all die Würde, die Augustus und Livia dem Prinzipat in kühler Berechnung gegeben hatten, gänzlich verloren war.
Kurz, es war nicht Messalina, die plötzlich die „Hurerei“ einführte, sie fand sie vor, nur dass sie sich um Caligula und keine Frau konzentrierte… Messalina war inzwischen dem Kaiserhof noch viel näher gerückt. Warum man sie mit dem viel älteren und behinderten Claudius verheiratete (als Sohn von Antonia der Jüngeren war er dieselbe Generation wie Messalinas Eltern), ist nicht ganz klar – ein großer Preis war er damals nicht, und dass er intelligenter und klüger war als vermutlich alle anderen, spielte keine Rolle. Er wurde von der Familie versteckt, und wenn er irgendwo erschien, war er die Lachnummer für alle.
Aber immerhin war er ein direkter Onkel von Caligula (dessen Vater Germanicus war Claudius‘ Bruder gewesen), und Messalina heiratete in den „inneren Kreis“. Von Caligula blieb sie verschont trotz ihrer kolportierten „Mandelaugen“-Schönheit, dieser war mit der Inzucht mit seinen drei Schwestern beschäftigt (darunter Agrippina die Jüngere, Tochter von Claudius‘ Bruder Germanicus, Neros Mutter, als Claudius-Gattin die Nachfolgerin von Messalina) …
Wie genau der Machtwechsel nach Caligulas Ermordung vor sich ging, weiß man nicht, der Senat hätte gerne die Republik zurück gehabt, aber Militär und Volk wollten wieder einen Kaiser – und außer Claudius war niemand übrig, sein Bruder und dessen Söhne tot. Und so kam es, dass Messalina in das Zentrum einer Macht kam, deren Verderbtheit sich in Jahren aufgebaut hatte.
Und nun ist Messalina am Gipfel, auch wenn es ausgerechnet ihr Mann ist, der ihr den Titel „Augusta“ versagt. Dass man am vor Intrigen brodelnden Kaiserhof seine Vertrauten braucht, weiß sie (die Autorin nennt es „Machtkanäle“) – Claudius umgibt sich mit Freigelassenen, denen er mehr vertraut, als Senatoren, etwa dem mächtigen und einflußreichen Narcissus, Messalina tut es ihm gleich (und wird lernen, dass man niemandem vertrauen kann).
Messalina hat etwa im Jahr 40 Tochter Octavia geboren, 41 folgt Sohn Britannicus, ein paar Wochen, nachdem Claudius Kaiser wurde. Das Timing hätte nicht besser sein können, denn das Gebären zur Fortsetzung der Dynastie war die Hauptaufgabe der Frauen in der kaiserlichen Familie. Die Kinder gaben Messalina den Freiraum der Selbstentfaltung. Und sie hat ihn genützt – wenn auch nicht unbedingt im positiven Sinn.
Die folgenden Jahre zwischen 41 und ihrem Tod im Jahre 48 hat Messalina erst – wie einst die kluge Livia – für die Etablierung eines positive Image gesorgt, ihr Hofstaat und ihre Netzwerke funktionierten, als Claudius von seinem Britannien-Feldzug zurück kam, fuhr sie in seinem Triumphzug mit, ihr Bild erschien auf den Münzen überall im riesigen Römischen Reich.
Messalina arbeitete aber auch gezielt an der Ausschaltung von Rivalinnen in der Familie (etwa von der Caligula-Schwester Julia Livilla, die wegen angeblichen Ehebruchs mit Seneca verbannt und ermordet wurde). Den dritten Ehemann ihrer Mutter, Gaius Appius Iunius Silanus, brachte sie durch eine Intrige zum Tod, weil er angeblich ihrer Avancen verweigert haben soll. Doch sie überzog ihr Blatt, gab ihren Feinden Munition. Bis Messalinas eigene Ehebrüche und sexuellen Exzesse nicht mehr unter dem Deckel gehalten werden konnten. auf die Claudius nie wirklich reagiert hatte – auch wenn die Autorin dies größtenteils der üppigen Gerüchteküche nach Messalinas Tod zuschreibt.
Schließlich versank auch Messalina in den Blutorgien, die sich um sie abspielten. Ihr Ende, das so sinnlos erscheint, hat die Autorin zuerst an den Anfang gestellt, und zwar genau so, wie Tacitus es in seinen „Annalen“ geschildert hat. Sie bietet dann in der Chronologie den nötigen „neuen Blick auf das Ende“. Kann Messalina wirklich so verrückt, so leichtfertig, so verblendet gewesen sein, als Gattin des Kaisers die Hochzeit mit Gaius Silius zu feiern, ohne die Folgen zu bedenken? War es, wie Tacitus meinte, eine an Wahnsinn grenzende Leidenschaft Messalinas – oder nahm sie sich einen jungen politischen Shooting-Star (der sich für sie scheiden ließ), um andere Ziele zu verfolgen?` Honor Cargill-Martin meint, dass Messalina mit dieser offen gelebten Affäre ein bewusstes Risiko einging – und dass Silius bereit war, nach dem Kaiserthron zu greifen. (Die Frage, warum, ist dennoch offen.)
Doch Messalina verkalkulierte sich. Es waren die Freigelassenen, die einstigen Verbündeten, die sie stürzten, nachdem sie einen von ihnen hatte töten lassen. Narcissus sorgte dafür, dass sie sich Claudius nicht mehr nähern konnte und befahl ihren Mord. Ihr letztes Spiel hatte sie verloren. Ob man es so begründen kann, wie die Autorin es tut? Ihre Theorie ist so gut wie jede andere.
Das Buch zeigt, dass Messalina die Rolle, die das Schicksal ihr zuteilte, mit sehr viel „schöpferischer“ negativer Energie erfüllte. Es zeigt aber ebenso, dass sie nur als Produkt dieser Zeit möglich war, auf die wir als Blutorgie, voll von Ermordungen, Hinrichtungen, tödlichen Intrigen, erzwungenen Selbstmorden blicken – mit einer gewissen schaudernden Faszination.
Renate Wagner

