
Gabriele Reiterer
ANNA PLOCHL
LANDWIRTIN – PIONIERIN – HABSBURGERIN
(Molden-Serie: Reihenweise kluge Frauen)
240 Seiten, Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG, 2026
So gar nicht romantisch
Die Heiratsgesetze der Habsburger waren hart. Man verband sich nur mit regierenden Häusern, höchstens ein paar hochadelige Familien hatten noch die Möglichkeit, in die Familie einzuheiraten. Wer sich nicht daran hielt, musste gehen, denn man hatte keinesfalls die Absicht, so genannte „morganatische Ehen“ zu dulden. Aber keine Regel ohne Ausnahme…
1557 heiratete Erzherzog Ferdinand II., der Habsurgische Landesfürst von Tirol, die Augsburger Patriziertochter Philippine Welser (die immerhin aus einer enorm reichen Familie stammte). Erfolgte diese Heirat hinter dem Rücken des kaiserlichen Vaters Ferdinand I., so gestattete Kaiser Franz I. nach langem, langem Widerstand seinem Bruder, Erzherzog Johann, 1829 die Ehe mit Anna Plochl. Und Kaiser Franz Joseph hatte gar keine andere Möglichkeit, als Erzherzog Franz Ferdinand 1900 die Ehe mit der unstandesgemäßen böhmischen Gräfin Sophie Chotek zu erlauben, wollte er seinen Thronfolger behalten…
Unter diesen Ausnahmefällen ist die Ehe von Erzherzog Johann die spektakulärste, denn Anna Plochl (1804 –1885) war ein Niemand in den Augen der kaiserlichen Familie. Wer ist schon eine Postmeisterstochter aus der Provinz? Nun, ebenso eine besondere Persönlichkeit wie Erzherzog Johann von Österreich (1782–1859), jener Mann, der diese Liebe und Ehe mit Zähigkeit gegen seinen kaiserlichen Bruder durchsetzte. In der schönen „Frauen“-Reihe des Molden Verlags geht es nun um Anna Plochl als „Landwirtin / Pionierin / Habsburgerin“, wie er Untertitel lautet.
Vieles an der Geschichte eines Kaiserbruders und eines Landkindes war geeignet, rührender Kitsch zu werden – und im Film (mit O.W.Fischer und Marthe Harell) und im Fernsehen (mit Tobias Moretti und Anna Maria Mühe) wurde die Sache entsprechend dargestellt. Allein, dass sie 15 ist (so wie später die bayerische Prinzessin Elisabeth, als sich Franz Joseph in sie verlieben würde), hatte etwas rührend Romantisches. Und ein Verliebter, der sagt: „Diese ist es“ und nicht ein „Pantscherl“ aus ihr macht, sondern sie als seine Ehefrau erkämpft – das ist doch etwas..
Aber das ist keine romantische Geschichte und schon gar keine weiblicher Passivität. Diese Anna Plochl führte nicht das lockere Luxusleben als Geliebte eines Angehörigen der kaiserlichen Familie (wofür es viele Beispiele gab). Sie musste zu großen Opfern bereit und fähig sein, um diese Beziehung zu Johann, der sie zweifellos sehr liebte, zu leben.
Autorin Gabriele Reiterer erzählt anschaulich und detailreich: Wie stand wohl die kleine Anna Plochl, Tochter des Postmeisters in Alt Aussee, damals am 22. August 1819 in der Gössler-Au am Westufer des fjordartigen Toplitzsee in der Reihe der Mädchen, die aufgeboten waren, einen Erzherzog zu begrüßen? Im besten Trachtenkleid: „weißer Schoß mit grünem Mieder, Goldbörteln, ein seidenes Vortuch, weiße Strümpfe und leichte Bundschuhe, komplettiert von einem grünen Hut mit Bändern.“ Da muss einem Romantiker ja das Herz aufgehen. Aber der Rest ist Geschichte, und diese wird nicht geschmalzt.
Dass Anna, das Mädchen mit dem „Gamsaugen“, mit 19 bereit war, zu ihm zu ziehen und auch ohne Ehe mit ihm zu leben: Das zeigt Stärke, denn damit riskiert sie auch die Distanz zu ihrer Familie und die schiefen Blicke der Mitmenschen.
Und es ist kein Honiglecken, dennoch als Hausfrau auf den vielen Besitzungen des Mannes zu agieren, der selten zuhause war. Man könnte Erzherzog Johann aus heutiger Sicht als eine Art „Unternehmer“ bezeichnen, nur dass er seine zahlreichen innovativen Gründungen nicht zum Zweck persönlicher Bereicherung, sondern wirklich im Interesse der Steiermark und ihrer Bevölkerung unternahm. Und Anna leistete daheim ihren Teil, denn das „Mithelfen“ war sie, wie sie schreibt, schon immer gewohnt (nach dem Tod der Mutter bei der 13. Geburt hatte sie bereits die riesige Plochl-Familie versorgt).
Die Autorin hat von den Nachkommen des Paares Einblick in das Familienarchiv bekommen, in Annas Tagebuch und die vielen Briefe, die sie und Johann sich geschrieben haben (die gestrige Orthographie ins Heutige übersetzt).
Die Anerkennung ihrer Leistung und ihrer Stellung ließ dennoch auf sich warten: Als Kaiser Franz endlich nachgab und Anna am 18. Februar 1829 schließlich 25jährig Erzherzog Johann heiratet, wird ihre Stellung nicht viel besser, eine morganatische Gattin hat keine Rechte. Erst nach der Geburt des Sohnes Franz 1839 (da war sie schon eine „Spätgebärende“) folgen auch die Titel. Nach Wien reist sie dennoch ungern, weil ihr klar ist, wie man am Kaiserhof auf sie herabschaute.
Ihr Leben war Arbeit, tüchtiges, kluges, kompetentes Zugreifen. Im übrigen schildert die Autorin, wie sehr sich die Welt in diesem 19. Jahrhundert, das Anna Plochl 81 Jahre lang fast ganz durchlebte, veränderte – von der Napoleonischen Zeit über Biedermeier und Vormärz, Revolution (wo ihr Gatte dann eine große Rolle spielte) bis zur Ringstraßenzeit. Ihr Sohn Franz war zum Grafen von Meran ernannt worden, seine Gattin Theresia von Lamberg war eine Hofdame der Kaiserin Elisabeth.
Als Anna, seit 1834 Freifrau von Brandhofen, seit 1850 Gräfin von Meran, die ihren Gatten um 26 Jahre überlebte, nach Bad Aussee in ihr Geburtshaus zurück kehrte, um hier am 4. August 1885 zu sterben, war sie eine hoch geachtete Frau, der man viele Ehrungen zukommen ließ. Sie hatte sie mit harter Arbeit und einem starken Charakter verdient. Leicht und romantisch war ihr Leben nie gewesen. Begraben wurde Anna an der Seite ihres Gatten im Familienmausoleum in Schloss Schenna in Südtirol.
Das Buch bietet reichliche Bebilderung, Anmerkungen, Literatur, Personenregister – und eindringliche Lektüre. Es bleibt kein Wunsch offen.
Renate Wagner

