
Klaus S. Davidowicz l Georg Markus / Ariel Muzicant
FÜR EINE BESSERE WELT:
PRÄGENDE JÜDISCHE PERSÖNLICHKEITEN AUS ÖSTERREICH
368 Seiten, Amalthea Verlag, 2026
Österreichs Juden – heute
Österreichs Juden. Sigmund Freud. Gustav Mahler, Arther Schnitzler. Theodor Herzl. Stefan Zweig. Und und… eine Liste großer Namen, unabdingbar für Österreichs Geschichte und Kulturgeschichte. Bis mit dem Dritten Reich der Vorhang fiel.
Nun sind sie wieder da. Bei weitem nicht so viele wie einst. Doch Juden sind heimgekehrt und sie und ihre Nachkommen empfinden Österreich wieder als ihre Heimat. Viele wichtige Persönlichkeiten, die wieder eine Rolle in diesem Land spielen, verdienen Beachtung. Der Band „Für eine bessere Welt“ (diesen Wunsch äußern Juden in ihren täglichen Gebeten) fasst sie zusammen, die „prägenden jüdischen Persönlichkeiten aus Österreich“. Bruno Kreisky, Arik Brauer, Friedrich Torberg sehen uns schon am Titelbild entgegen.
Im Inneren verfährt das Buch lexikalisch, allerdings nicht alphabetisch und auch nicht immer einsichtig. Dass beispielsweise nicht „Politik“ als wichtigster Faktor (wobei man nur Kreisky und Teddy Kollek kennt, der wohl eher zu Israel zu zählen ist) an der Spitze steht, sondern „Kabarett“ – nun ja, da sind die Namen mit Farkas, Waldbrunn, Bronner, Kreisler bedeutend – aber man hätte doch vielleicht anders geordnet.
Und so folgen die Kapitel, wobei es den drei Autoren / Herausgebern, die wohl für die Auswahl zuständig waren (Klaus Samuel Davidowicz. Georg Markus, Ariel Muzicant – den beiden Letztgenannten ist auch ein Eintraag gewidmet, Davidowicz findet man gegebenenfalls bei Wikipedia), immer dafür sorgen, eine Anzahl unbekannter Namen neben den bekannten anzuführen – wohl, um Leistungen anzuerkennen, die sonst im allgemeinen nicht an die Öffentlichkeit geraten.
So gibt es also in bunter, nicht immer logisch wirkender Folge, diese Kapitel: Nach Kabarett und Politik ist Fernsehen an der Reihe (von Fritz Eckhardt bis Ben Segenreich), dann Medizin, Zeitzeugen (Simon Wiesenthal), eine eher seltsame Kategorie namens „Gesellschaft“ (von Einzi Stolz bis Sissy Strauss), Fotografie (wobei Dora Kallmus und Trude Fleischmann, auch wenn sie erst lange nach dem Krieg gestorben sind, in ihrer großen Erfolgsepoche noch in die Vorkriegszeit gehören), Finanzen, Film (Heda Lamarr und die Emigranten, die Hollywoods große Regisseure wurden – Wilder, Zinnemann, Preminger), Psychiatrie und Psychologie (Viktor Frankl), Malerei (Brauer, Fuchs, Hundertwasser), Wissenschaft (wo sich neben Karl Popper auch Matti Bunzl, der derzeitige Direktor des Wien Museums findet), Theater (von den ganz großen Namen Ernst Deutsch, Fritz Kornter, Elisabeth Bergner ausgehend), Rechtswesen (Hans Kelsen), Musik (hier ist der Reichtum bedeutend, neben Schönberg und Korngold die Operettenkomponisten, weiters die in der Musik Tätigen wie Holender und Prawy, dazu viele Interpreten), Soziales Engagement, Journalismus (mit Schwergewicht Hans Weigel). Sport (Hans Mensase). Wirtschaft (Palmers. Meinl, Mautner Markhof), Jüdische Gemeinde, Literatur (Aichinger, Spiel, Torberg).
Es gibt interessante Fälle – so wurde Fritz Muliar in dieses Lexikon aufgenommen, obwohl er von der Abstammung her kein Jude war, aber nicht zuletzt durch einen jüdischen Stiefvater dem Judentum eng verbunden. Er hat durch zahllose Abende mit Jüdischen Witzen ein Wiener Publikum „positiv“ gestimmt, wenn man es so nennen kann. Man findet auch Persönlichkeiten, die ihre meist teil-jüdische Abstammung nie erwähnt haben wie Karl Löbl oder Michael Schottenberg, auch Erwin Steinhauer und Otto Schenk haben kein Thema daraus gemacht, Elfriede Jelinek hatte so viele Probleme zu verarbeiten, dass der jüdische Vater am Rande blieb. Andere Künstler – etwa Arik Brauer oder Friedrich Torberg – haben sich immer wieder explizit als Juden definiert und ihr Judentum betont, im Gegensatz zu jenen, die es wegschieben wollten (Weigel, Spiel).
Das Buch ist ein „Lexikon“ geworden, allerdings kein übliches, denn die Lebensgeschichten werden weniger strang biographisch als feuilletonistisch erzählt. Dass es kein Register gibt, ist ein gravierender Fehler, da man einzelne Persönlichkeiten schwer auffinden wird.
Manche fehlen ganz – die Wiener Jüdin Helene Weigel, Gattin von Bert Brecht, war eine Frau von überragender Bedeutung in der Theatergeschichte, Daniel Kehlmann wird zwar seinen Vater im Buch finden, nicht aber sich selbst, und Martin Engelberg, der nicht einmal als Gatte von Danielle Spera erwähnt wird, hat eine lange, reichhaltige und wohl erwähnenswerte Karriere aufzuweisen.
Allein Einschränkungen zum Trotz ist es ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann und das, wie gesagt, sich in der Summe der 200 Porträts auch um jene kümmert, deren Leistungen wenig öffentliche Beachtung finden.
Renate Wagner

