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BUCH / Fritz Lehner: DIE STIEGE

Eigentlich: Das Denkmal

03.04.2026 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Fritz Lehner
DIE STIEGE
Roman
Seifert-Verlag, 318 Seiten. 2025

Eigentlich: Das Denkmal 

Über Jahrzehnte hinweg war Fritz Lehner einer von Österreichs auch international geachtetsten Filmemacher, wobei sein Dreiteiler über Franz Schubert, „Mit meinen heißen Tränen“, wohl der Höhepunkt seines Schaffens war – eine unromantische Betrachtung des Genies, seiner Zeit weit voraus, unsentimental, kritisch, analytisch.  Mit dem Großprojekt „Jedermanns Fest“ mit Klaus Maria Brandauer, das in der Produktion auf einige Schwierigkeiten stieß, nahm Lehner dann nach dreizehn Filmen seinen Abschied von diesem Genre.

Und wandte sich, gleichfalls viel beachtet, dem Schreiben zu. Nun ist er bereits bei seinem dreizehnten Roman. „Die Stiege“ scheint auf Anhieb eine Coming of Age-Künstlergeschichte zu sein, in der sich der jugendliche Held in sechs Riesenkapiteln auf seinen 21. Geburtstag zuarbeitet.

Jedes Kapitel beginnt mit einem Brief an den Vater in Südtirol, wo der Held der Geschichte, Rafael Rainer, herstammt. Aus der Gegend, wo eine der besten Marmorsorten der Welt aus den Steinbrüchen von Laas gebrochen wird, was der Großvater und der Vater getan haben. Rafael ist offiziell als Kunststudent in Wien, allerdings fest entschlossen, Bildhauer zu werden. Sein tägliches Brot verdient er mit Touristenführungen durch Wien, von Denkmal zu Denkmal, wobei er dann auch seine Geige auspackt und vor Mozart die „Kleine Nachtmusik“ und vor Strauß den „Donauwalzer“ anstimmt…

Seine große Chance scheint darin zu bestehen, dass ihm der emeritierte Professor Matthias Makovsky sein Interesse zuwendet und ihm seine eigene Wohnung in der Maria-Theresien-Straße mit Blick auf die Votivkirche zur Verfügung stellt. Er werde ihn durch die Hölle schicken, warnt der auf den Leser mephistophelische wirkende Professor (der anfangs nur mitternächtige Verabredungen pflegt), aber er glaube an Rafaels Talent, ein Meisterwerk zu schaffen…

Lange Zeit verweilt Fritz Lehner bei der Entwicklung des jungen Mannes, der sich innerlich in einen „Künstler“ verwandelt und Pläne schmiedet. Zuerst will er, da er in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Ringtheaters lebt, das so grauenvoll abgebrannt ist, den damaligen Toten ein schauriges Denkmal setzen. Dann aber gibt er seiner Bewunderung für Anton Bruckner nach, der auch einst in dieser Gegend rund um Universität, Votivkirche und Schottenring gelebt hat. Es gibt zwar ein Bruckner-Denkmal in Wien, aber es ist aus Bronze. Das von Rafael soll aus dem weltberühmten Laaser Marmor bestehen…

Während man Rafael detailreich durch seinen Alltag und seine inneren Überlegungen folgt, wendet sich die Geschichte langsam, bekommen Nebenfiguren ein stärkeres Profil. Der Professor scheint weniger wohlwollend als fordernd (und hat mit der Bombardierung des Philipphofs während des Zweiten Weltkriegs sein persönliches Trauma zu verarbeiten, liegt doch bis heute neben Hunderten anderer Leichen sein Bruder unter dem heutigen Albertina-Platz), wobei manche von dessen Ideen immer abstruser scheinen. Ein seltsamer Polizist namens Horowitz heftet sich an Rafaels Fersen und wächst im Lauf der Handlung zu einem so übergroßen Bösewicht heran, dass das Buch den realen Boden unter den Füßen zu verlieren scheint. Und ein Denkmalschänder, den man nur als „Red“ kennt, weil er Denkmäler mit roter Farbe besprüht, macht Rafael fast zum Kriminellen…

Die titelgebende Stiege lässt bis Seite 63 auf sich warten, findet sich verborgen im Justizpalast und spielt eigentlich keine so große Rolle, dass man ihr den Titel des Buches zugestehen wollte, das besser „Das Denkmal“ hieße. Denn es geht um Rafaels Arbeit an seiner Bruckner-Büste, und Anton Bruckner, über den der Autor ungemein viel Wissen einbringt, scheint eigentlich die zweite Hauptfigur des Buches. Und da ist auch noch Kaiserin Elisabeth, deren von aller Welt infantil empfundene Gedichte Rafaels Herz rühren, so dass auch sie immer wieder durch die Handlung geistert.

Unglaublich, was man alles erfährt, nicht nur über die Arbeit des Bildhauers (voran muss ein Modell aus Alabaster-Gips erstellt werden, ein Bruckner-Kopf, der bei Rafael dann durch diverse Umstände blutrot wird…), dann geht es um die geistig wie körperlich unendlich schwierige Tätigkeit, den Stein zu bearbeiten. Ebenfalls eine Menge lernt man über die Denkmäler Wiens und ihre Schöpfer, und auch Unbekanntes wird berichtet, etwa von dem nicht öffentlich zugänglichen „Gipskeller“ in der Hofburg, wo 2200 Gipsmodelle, vor allem Entwürfe zu Denkmälern, aufbewahrt werden, und den man mit Rafael stauend betritt…

An sich ist er immer noch der junge Bildhauer, voll Enthusiasmus mit seinem Bruckner-Werk beschäfigt, aber das Buch hat sich von der Künstlerbiographie nach und nach zu einem sozusagen existenziellen Kriminalroman gewandelt, der Professor scheint wie ein Geist der Zerstörung, der den jungen Mann zum Aktivisten machen will, der nach seinem Wunsch nicht nur schaffen, sondern auch zerstören soll…

Und wenn sich die Geschichte am Ende – nicht ohne des Lesers ehrliche Sorge zu erregen – dem Deutschmeister-Denkmal vor der Rossauer-Kaserne zuwendet, für die einen ein Meisterwerk des Heroismus, für die anderen ein Beispiel für Kriegstreiberei… dann wird die Geschichte richtig spannend.

Dennoch: Es ist ein Buch von extremer Ausführlichkeit. Als Leser benötigt man für die Lektüre jenen langen Atem, über den Fritz Lehner für seine Schilderung verfügte. Dafür erfährt man sehr viel. Und man geht auf jeden Fall mit einem anderen Blick auf die Denkmäler durch die Stadt…

Renate Wagner

 

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