
Thomas Hofmann
ES GESCHAH IN WIEN 1918–1955
Untergang und Neubeginn
136 Seiten, Verlag Edition Winkler-Hermaden. 2025
Geschehenes bewahren
Es ist die große Leistung des Verlags Winkler Hermaden, die Vergangenheit zu bewahren. Was meist im Mist landet, alte Postkarten, alte Zeitungen, irgendwelche Broschüren, werden von diesem Verlag als Zeitdokumente erkannt, die in Buchform veröffentlicht und mit begleitenden Texten eingeordnet werden. Eine kulturhistorische Leistung, zumal in der Reihe „Es geschah in …“, wo man sich der österreichischen Geschichte widmet.
Das neueste Buch des Verlags befasst sich mit Wiener Ereignissen zwischen zwei bedeutenden Eckpunkten: 1918 endete die Monarchie und Österreich versuchte die Erste Republik, die bekanntlich nicht halten konnte, weil es dem Nachbarn nicht gefiel. 1955 war der Zeitpunkt, wo Österreich mit dem Staatsvertrag in seine neue Unabhängigkeit entlassen wurde, in der wir leben. Und all diese Veränderungen mit zwei Weltkriegen und dem überaus schmerzlichen Wechsel der Systeme haben die Menschen des 20. Jahrhunderts zumindest teilweise erlebt und erlitten.
Autor Thomas Hofmann widmet sich nicht nur den politischen Großereignissen, unter denen wenig Erfreuliches zu finden ist. wie etwa der Brand des Justizpalastes oder der Einzug Hitlers in Wien, sondern auch signifikante Kleinigkeiten, die viel über den Alltag und den einstigen Zeitgeist aussagen.
Das Buch regt auch zum Nachdenken an. Man stellt bei diesem Weg durch die Vergangenheit natürlich auch die Bezüge zu heute her – welch große Leistung des „Roten Wien“ war es einst, der Bevölkerung öffentliche Bäder zur Verfügung zu stellen. Und wie viel kann sich das nach wie vor „rote“ Wien heute nicht mehr leisten… Nicht, dass die Vergangenheit besser gewesen wäre. Aber haben wir es wirklich so herrlich weit gebracht?
Entscheidend ist, dass der Autor nichts ausklammert. Nicht das Positive, nicht das Skurrile, nicht das Grauenvolle wie die öffentliche Hinrichtung des Widerstandskämpfers Karl Biedermann in den letzten Kriegstagen. Das Foto der mitten in der Stadt baumelnden Leiche wird man nicht so schnell vergessen – besser kann man ein Unrechtsregime nicht dokumentieren.
Man erlebt auch scharfe Gegensätze: Während sich Hunderttausende nach dem Zweiten Weltkrieg fürchteten, nicht „entnazifiziert“ zu werden, sahen die Menschen hoffnungsvoll der Lieferung von neuen Dachziegeln für den Stefansdom entgegen – man wollte die Schäden der vergangenen Epoche reparieren. In jeder Hinsicht. Und dann hat die Pummerin zum ersten Mal wieder geläutet…
Die Dinge, die in den üblichen Geschichtsbüchern nicht stehen, sind in einem Werk wie diesem interessanter als das ohnedies Bekannte, das immer wieder Beschriebene. Es geht auch in hohem Maße darum, was damals – obzwar heute vergessen – den Menschen in ihrem Alltag wichtig war. Dabei landet man dann auch bei reinen Boulevard-Berichten, wenn der Wiener Tiergarten ein neues Nilpferd bekam, dessen Ankunft aus Italien in einem Zeitungsartikel mit „Nilpferd als D-Zugs-Passagier“ angekündigt wurde…
Entscheidend für die Auswahl war wohl auch, wo man „altes“ Bildmaterial her bekam (wobei der Autor, auch Bibliothekar, allerorten, auch in Privatsammlungen, fündig wurde) – was unbeachtet oft in Archiven schlummert, wurde hier hervor geholt: Fotos, Dokumente, Plakate, Zeitungen, Solche Bilder atmen den Flair ihrer Zeit, versetzen in die damaligen Welten.
Das letzte Foto des Buches zeigt Leopold Figl am Balkon des Belvederes, als er der wartenden Menge den unterschriebenen Staatsvertrag zeigte – jenes Dokument, auf dem alles aufbaut, was wir heute in einer freien Gesellschaft genießen. Das sollte man nicht nur als ein (stellenweise gar nicht nur erbauliches) Nostalgiebuch für die „Alten“ betrachten, das sollte auch nach dem Bruno Kreisky-Motto „Lernen Sie Geschichte!“ für eine junge Generation interessant sein.
Renate Wagner

