
Erika Pluhar
ES WAR EINMAL
Rückblicke im Hier und Jetzt
152 Seiten, Residenz Verlag, 2026
Ein paar Seiten aus dem Buch des Lebens
Das Buch unseres Lebens wird geöffnet, ergibt eine Geschichte und wird wieder geschlossen. Ja, wir sind wie Bücher. Erzählungen.
Erika Pluhar ist seit Jahrzehnten nicht mehr auf einer Theaterbühne gestanden, und doch ist sie im Gedächtnis eines vor allem österreichischen Publikums so präsent, wie es wohl keine andere ehemalige Schauspielerin in ihren 80ern erlebt. Sie trägt dazu durch ihre Bücher bei – ihre dritte Karriere nach dem Burgtheater (vor allem, aber auch Fernsehen und Film), nach der Sängerin, die auf Tourneen (teils mit Liedern nach eigenen Texten) halb Europa eroberte, und nun auch wieder schon seit Jahrzehnten als Schriftstellerin.
Sie schreibt Romane, hat aber auch immer Biographisches erzählt, und offenbar ist das Interesse des Publikums an der „privaten“ Pluhar nicht enden wollend. Mit dem schmalen Band „Es war einmal“ gibt sie wieder eine Menge von sich preis, denn Schreiben ist für sie nicht nur eine tägliche Gewohnheit, sondern auch eine innere Notwendigkeit. Gelegentlich schreibt sie noch – wie im 19. Jahrhundert – mit einer Feder, die sie in ein Tintenfass tunkt. Dieses neueste Buch dürfte allerdings auf einem Laptop entstanden sein…
Eigentlich ist sie in diesen gänzlich unsystematischen, quasi impressionistischen Erinnerungen auf der Suche nach dem „Unvergesslichen“ in ihrem Leben, aber da finden sich keinesfalls nur schöne Dinge.
Es war nicht leicht, als Kleinkind (Erika Pluhar wurde 1939 als mittlere von drei Schwestern geboren) erst einmal einen Krieg zu überleben. Dann, als sensibilisiertes Schulkind, den Eltern deren Nazi-Vergangenheit vorzuwerfen. Als irregeleiteter Teenager in Magersucht zu verfallen (aus der sie zwei kluge Schwestern am Attersee befreit haben). Und wie die bissige Kollegin Adrienne Gessner sie im Burgtheater quasi aufs Korn nahm und bewusst „karniefelte“, wie man in Wien sagt, muss doch tiefe Spuren hinterlassen haben, dass man noch Jahrzehnte danach davon erzählt.
Vor allem, wenn ja vermutlich kaum noch jemand die Gessner kennt, so wie ihr künstlerischer Weggefährte, der einst so populäre Werner Schneyder, gestorben und zu Erika Pluhars Schmerz total vergessen ist.
Ja, das sind die schmerzhaften Begleiterscheinungen des Altwerdens. Bewunderte Größen, seien es die aus Kultur oder Politik oder persönliche, hoch geachtete und geliebte Wegbegleiter, sie gehen, einer nach dem anderen. Und was es verschlimmert – mit ihnen stirbt auch mein Weltbild, stelle ich fest. Diese Welt, so wie sie sich entwickelt, ist nicht mehr die meine.
Da erinnert man sich lieber an positive Ereignisse, etwa wie Susi Nicoletti, die von dieser Schauspielschülerin am Reinhardt-Seminar begeistert war, dafür sorgte, dass sie gleich ans Burgtheater kam. Oder daran, dass man auf Mykonos einmal zufällig Helmut Griem kennen lernte, der in ihr die ideale Partnerin in seinem „Bel Ami“-Fernsehfilm erkannte, der die Pluhar dann weit über Wien hinaus berühmt machte.
Sie erinnert sich an die Journalistin, die den Anstoß für die Schriftstellerin Erika Pluhar gab, an die Agentin Erna Baumbauer, die so viel für sie getan hat (und auch darauf bestand, dass sie das Haus in Grinzing kaufte, in dem sie heute noch lebt, glücklicher Lebensmittelpunkt).
Sie erzählt von Begegnungen mit interessanten Menschen, von Harry Belafonte über Anthony Quinn zu Henry Miller. Ihre beiden Ehemänner streift sie kaum, der (verstorbenen) Tochter Anna hat sie schon ein ganzes Buch gewidmet, auch ihr Abgang vom Theater bleibt unerwähnt, aber besonders wichtig ist ihr die Schilderung ihrer musikalischen Karriere, die so eng mit Antonio Victorino D’Almeida, mit der Liebe zu Portugal und dem Fado und dann noch mit dem Gitarristen Peter Marinoff verbunden war.
Zu fast allem, was man liest, gibt es ganz private Fotos in Schwarzweiß, nicht die Theater- und Fernsehrollen, nicht die berühmte Schönheit aus „Bel Ami“, sondern Erika Pluhar mit den Menschen, die ihr wichtig waren.
Und natürlich kennt man Erika Pluhar als Feministin, die dichtet: „Frau, lauf weg /nimm dich selbst bei der Hand / Frau, lauf weg / gebrauche deinen Verstand“, was ebenso ihr Credo ist wie der Kampf für den Frieden und die Umwelt.
Sie philosophiert über Beziehungen („Was für eine Fülle an Schmerz existiert allein im Dschungel zwischenmenschlicher Beziehungen“) und über das Menschsein („Wir suchen einen Gott oder eine Philosophie – suchen etwas, in dem wir uns aufgehoben fühlen können“), und entlässt den Leser mit dem Beispiel ihrer persönlichen Ungebrochenheit: „Womit ich aber selbst die Tage, die mir noch geschenkt sind, stets am Morgen beginne, ist ein laut gesprochenes: TROTZDEM WEITER !“
Was wohl auch bedeutet, dass die Schriftstellerin Erika Pluhar noch nicht das letzte Wort gesprochen hat.
Renate Wagner

