
Dieter Burdorf:
DIESES UNRUHIGE ICH:
INGEBORG BACHMANN
EINE BIOGRAPHIE
ZUM 100. GEBURTSTAG DER DICHTERIN
764 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2026
Ein Leben in Briefen
Allein die Anzahl von Neuerscheinungen anlässlich ihres hundertsten Geburtstags am 25. Juni 2026 erweist es erneut: Ingeborg Bachmann war schon zu Lebzeiten für ihre Mitwelt ein Enigma, und sie ist es lange über ihren Tod hinaus, der auch schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurück liegt, geblieben. Dutzende Autoren haben sich die Finger wund geschrieben, die Bachmann zu ergründen, so dass man sich fragt, ob es noch Neues zu sagen gibt.
Dieter Burdorf. seines Zeichens Professor für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Universität Leipzig, der eine Hölderlin-Biographie geschrieben hat und als Verfasser einer Geschichte der deutschen Lyrik einem wichtigen Teil von Ingeborg Bachmanns Schaffen ganz nahe gekommen ist, kann für seine Bachmann-Biographie tatsächlich auf einen neuen Arbeits-Aspekt hinweisen.
Wie so vieles an ihr manisch war, war Ingeborg Bachmann auch eine manische Briefschreiberin, und zahlreiche ihrer Briefwechsel (vor allem der so wichtige und voluminöse mit Max Frisch) sind erst seit kurzen in der Gänze bekannt, tatsächlich sind zehn komplett edierte Briefwechsel in den letzten Jahren erschienen. Diese konnten also noch nie so ausführlich in die biographische Betrachtung eingehen wie hier. Der Bachmann-Nachlass in der Österreichischen Nationalbibliothek verzeichnet Briefwechsel mit über tausend (!) Partnern. Das ergibt auch die vom Autor genützte Möglichkeit, die anderen nicht nur mit Bachmann-Augen – sondern sie auch aus der Perspektive der anderen zu betrachten. Der Anteil an Briefzitaten ist in diesem Buch jedenfalls bedeutend, wobei zu beachten ist, wie sehr sich Ingeborg Bachmann auf ihr Gegenüber schreibend einstellte,
Darüber hinaus ist der Aspekt der Unruhe, der sich in der Bachmann’schen Selbstdefinition des „Unruhigen Ichs“ findet, selten so detailgetreu nachgezeichnet worden – eine Frau, die es nirgends lange aushielt, die geradezu manisch unterwegs war, jeden Wohnsitz innerhalb weniger Jahre (und kürzer) wechselte, so wie auch die menschlichen Beziehungen – es kann vielleicht die Charakteristik der Schriftstellerin sein, die aus der Unruhe heraus ihre Sprache, ihre Themen fand. Für (am Ende gar harmonische) Zweisamkeit, für ein normales Frauenschicksal mit Ehe und Kindern war sie nicht geschaffen, wohl auch zu stark in ihrem eigenen Ich verankert, das sich ununterbrochen sprachlich ausdrücken musste. Schreiben war für sie das ihr gemäße Leben, und sie konnte auch davon leben, vielfältig tätig, immer wieder auch kurz in Berufen, später frei journalistisch und nach eigener Wahl eine Dichterin, die gelesen wurde. Preise erhielt, für Verlage wichtig war und für einen Freund (Hans Werner Henze) Libretti verfasste.
Mittlerweile kann von Ingeborg Bachmann von der bewunderten Lyrik der Anfänge bis zu „Malina“ nichts Neues mehr kommen, ihre Fans haben alles mehrfach gelesen. Aber ihr Privatleben bleibt schier unerschöpflich, man kann drehen und wenden, warum alle, wirklich alle ihrer Beziehungen so schief gingen. Weil sie nichts dagegen tun konnte, sich in tiefe Gefühlsturbulenzen zu stürzen, denen kein Partner gewachsen war – und vor denen sie floh, in andere Länder oder auch in ihren Körper verzehrende Krankheiten… Zur Einsamkeit verdammt, weil ihr Partner, wenn man es so ausdrücken will, nur die Schreibmaschine sein konnte.
All das liest man in dem höchst ausführlichen Buch, wobei der Autor – immer auf der Basis der Briefwechsel – auch weniger Bekanntes einbringt, ihre gewissermaßen „kollegialen“ Beziehungen zu Schriftstellerinnen ihrer Zeit oder auch zu Männern wie Heinrich Böll und Henry Kissinger. Denn so weltfremd sie scheinen mochte – die Bachmann war auch eine zielstrebige Netzwerkerin in Literaturkreisen, also absolut kein scheues Reh… kurz gesagt, Widersprüche, die sich mit Küchenpsychologie (und auch mit höherer Wissenschaft) nicht auflösen lassen.
Weiß man am Ende des Buches. das so viel bringt, endlich „alles“ über Ingeborg Bachmann? Sicher nicht. Letztendlich tritt jeder Leser in einen persönlichen Dialog mit dem Schöpfer dessen, was er liest. Dass die vielen widersprüchlichen Eigenschaften der Ingeborg Bachmann Eingang in ihr Werk genommen haben – dazu verdankt man dem Buch von Dieter Burdorf eine Menge Erkenntnisreiches.
Renate Wagner

