
David Gulda
LOEW
LEBENSWEGE EINER JÜDISCHEN FAMILIE
Mit einem Nachwort von Paul Gulda
276 Seiten, Verlag Böhlau, 2025
Von Mähren in die Welt
Wenn man ein älterer Theaterbesucher Wiens ist, hat man Paola Loew (1934-1999) gekannt. Sie stand zwar auf den Wiener Bühnen nie in der vordersten Reihe, war aber unübersehbar. Eine dunkelhaarige Schönheit mit eigentümlicher Stimme und einprägsamer Persönlichkeit (etwa als stumme Katrin, als das Volkstheater mit „Mutter Courage“ die Brecht-Blockade Wiens durchbrach).
Außerdem war sie die Gefährtin zweier der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten ihrer Zeit, des Pianisten Friedrich Gulda und des Schriftstellers Friedrich Torberg. Dass hinter ihr die lange Geschichte einer weit verzweigten jüdischen Familie stand, wusste man nicht.
Paola Loew hatte aus ihrer zehnjährigen Ehe mit dem Pianisten Friedrich Gulda (1930-2000), der ein Weltstar seiner Zeit war, zwei Söhne. David, der Ältere, hat sich nun die Mühe gemacht, akribisch die Familiengeschichte zu erforschen, sein Bruder Paul, selbst ein international angesehener Pianist, hat ein wunderbares Nachwort geschrieben.
Ein beeindruckendes Literaturregister zeigt, durch wie viele Bücher, Handschriften und Websites David Gulda sich gearbeitet hat. in wie vielen Archiven gestöbert, in wie vielen jüdischen Friedhöfen Gräber gefunden (die immer sehr aufschlußreich sind). Und dennoch konnte man nicht alles recherchieren, so vernetzt ist (wie bei Juden immer) die über zweihundertjährige nachweisbare Geschichte, zu viele Menschen, Familien mit anderen Namen (die Rosenfelds, die Weiss’, die Pìramis), Orte, Sprachen gehören dazu.
Wo Faktisches nicht aufzufinden war, begab David Gulda sich, wie er im Vorwort erklärt, in die Welt der „begründbaren Annahmen oder plausiblen Vermutungen“. Und in einen zwar lebendigen, aber dann doch das streng Biographische sprengenden Romanstil („Wilhelm strich sich mit seinem strahlend weißen Sacktuch über die Stirn und tupfte zwei Tränen der Rührung von den Augen.“)
Die Loews also – wenn Paola Loew am Telefon ihren Namen buchstabieren musste, sagte sie: „L wie Ludwig, O wie Otto, E wie Emil, W wie Wilhelm“, um klar zu stellen, dass das, was wie „Löw“ klang, anders geschrieben wurde. 1802 wurden Isaak Loew und Hannah Frankl in Kremsier bzw. Boskowitz (beide Städtchen liegen nahe bei Brünn) geboren. Sie heirateten, und mit ihnen begann eine weit verzweigte und weit gereiste Familie, die aus dem Mähren der k. u. k. Monarchie in die Welt ging.
David Gulda beginnt allerdings mit der schweren Zeit für seine Mutter PaoloaLoew. Ihr Vater, Guglielmo Loew, der in Bologna lebte, war zu ihr nach Wien gekommen und starb hier am 19. Oktober 1979. Sie hatte ihn kaum auf dem Zentralfriedhof begraben und in Bologna seine Wohnung geräumt, als in Wien am 10. November 1979.ihr Lebensgefährte Friedrich Torberg starb.
Vielleicht hätte Paola Loew unter anderen Umständen den Koffer mit Familiendokumenten und Erbstücken, die ihr Vater ihr hinterlassen hatte, genauer angesehen. So landete er in einer Truhe – und tauchte erst Jahrzehnte später auf, als sich David Gulda auf die Spuren der Familie mütterlicherseits setzte.
Isaak Loew und Hannah Frankl, die 1833 heirateten und sechs Kinder bekamen, waren die Urgroßeltern von Paolas Vater, und mit ihnen beginnt die sorgfältig recherchierte (und doch immer romanhaft erzählte) Geschichte, wo neben den konkreten Vorfahren auch ausführlich die jeweiligen Zeitumstände beleuchtet werden, zumal so, wie sie sich für Juden darstellten.
Von da an sollte man sich ein Lesezeichen zwischen Seite 130 und 131 legen, wo der Stammbaum der Loews und ihrer Verwandten verzeichnet ist, um nicht die Übersicht zu verlieren (wenn der Druck hier auch, der Personenfülle wegen, geradezu winzig ist). Denn die Familie, die noch zu Isaaks Zeiten nach Wien gezogen war, wurde nach und nach zerstreut.
Deutlicher kann man die jüdische Diaspora, die oft aus wirtschaftlichen Überlegungen, später durch die Flucht vor den Nationalsozialisten notwendig geworden war, kaum schildern als am Beispiel von Paola Loews Großmutter. Die Mutter von „Guglielmo“, wie er hieß, nachdem er sich endgültig in Bologna, wo die Familie seiner Frau lebte, nieder gelassen hatte und die Sprachen seiner Jugend, Deutsch und Kroatisch, gegen das Italienische eingetauscht hatte, war in Ungarn geboren, lernte Spanisch in Südamerika, sprach dann im Alltag Italienisch, konnte aber auch Englisch und Französisch. Polyglott zu sein, gehörte für die Juden, die so viel „unterwegs“ sein mussten, dazu…
Dabei schafften viele Juden, auch die Loews, den sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg, wurden Ärzte und Kantoren, Geschäftsleute und Manager, und auch die Frauen zeichneten sich durch Charakterstärke und Karrieren aus. Und – sie bleiben einander auch getrennt innig verbunden. Zu Begräbnissen kamen sie aus allen Teilen der Welt. Am Ende der Geschichte steht dann natürlich, wie am Anfang, Paola Loew, ihr Weg aus der Ferne nach Wien.
Einen kostbaren Beitrag liefert Paul Gulda, der jüngere Bruder des Autors, mit einem ausführlichen Nachwort. Hier erzählt er ganz persönlich die Geschichte seiner Kindheit, charakterisiert seine Mutter, die nicht nur Schauspielerin, sondern auch eine exzellente Pianistin war – die in Triest geborene Paola, mit den Eltern nach Argentinien ausgewandert, lernte Friedrich Gulda damals im Teatro Colon kennen… ist sie selbst doch schon als Teenager in Buenos Aires als Pianistin aufgetreten, So sind die Gulda-Kinder in einer Welt permanenter Musik aufgewachsen.
Paul schildert den nicht oft vorhandenen, weil meist auf Tournee befindlichen Vater, charakterisiert den Geschichtenerzähler Torberg (zwei Herren von starker Präsenz, die den Jungen prägten) – und philosophiert an den Erfahrungen seines Lebens über das Zusammenleben von Juden und Christen, das selbst im Wien der Nachkriegszeit nicht immer spannungsfrei verläuft.
Am Ende wünscht der Gulda / Loew-Sohn inständig, dass „Sarastro, Pamina, Bassa Selim die Oberhand gewinnen mögen, die Mehrheit erlangen, das letzte Wort behalten. Und bald.“ Damit es Frieden gibt.
Renate Wagner

