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BUCH / DAS KURZE UND VERSCHWENDERISCHE GLÜCK DER KÖNIGIN MARIE ANTOINETTE

Mit Respekt und Liebe

27.07.2026 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Henriette Campan
DAS KURZE UND VERSCHWENDERISCHE GLÜCK DER KÖNIGIN MARIE ANTOINETTE
Die Aufzeichnungen ihrer Kammerfrau Henriette Campan
Herausgegeben und übersetzt von Hans Pleschinski
348 Seiten, Verlag C.H.Beck , 2025

Mit Respekt und Liebe

Von ihrer Kindheit erinnert man sich an die Episode, dass der kleine Mozart sie heiraten wollte. Und seit Stefan Zweig meint man, Marie Antoinette, die Tochter Maria Theresias, die zur tragischen Königin von Frankreich wurde, zu kennen. Biographien gibt es genug, Filme desgleichen, darunter den sehr schlechten von Sofia Coppola, die sich vor dem Guillotine-Ende ihrer Heldin gedrückt hat.

Aber man weiß es ja – bei Kaiserin Elisabeth war es eine Hofdame, bei Kaiser Franz Joseph ein Kammerdiener, bei Prinzessin Diana ein Butler – immer hat die Mit- und Nachwelt mit Faszination die „Eröffnungen“ jener gelesen, die den nahezu „mythischen“ Geschöpfen ganz nahe waren.

Im Fall von Marie Antoinette (1755-1793) war es ihre Kammerfrau Henriette Campan (1752-1822), die in Versailles von Anfang an dem jungen Mädchen zugeteilt wurde, das als österreichische Erzherzogin nach Frankreich kam, um – dank der dynastischen Überlegungen ihrer Mutter Maria Theresia – erst Gattin des Dauphins, später Königin von Frankreich zu werden.

Diese Henriette. geborene Genet, war die kluge Tochter eines klugen und gebildeten, wenn auch nicht reichen Vaters, der wusste, dass er seinen Mädchen nichts Besseres mitgeben konnte als eine profunde Bildung. So konnte er sie auch 1767 in der größten Hofhaltung der Welt, im Versailles von König Ludwig XV., unterbringen. Dessen drei ältliche Töchter, „Mesdames“ genannt, fanden in Henriette eine kompetente Vorleserin.

Und dann wurde sie 1770 als eine von zwanzig /!) Kammerfrauen der drei Jahre jüngeren Dauphine zugeteilt und bald deren Vertraute, die ihr tägliches Leben teilte und ihr unerschütterlich die Treue hielt, bis sie diese in deren letztes Gefängnis und in den Tod nicht mehr begleiten konnte.

1822, ein Jahr nach ihrem eigenen Tod und knapp dreißig Jahre nach Marie Antoinettes Ende, erschienen ihre Erinnerungen und wurden gleich in mehrere Sprachen übersetzt – so groß war das Interesse an dieser flirrenden, umstrittenen, von den Franzosen stets (und vielfach bis heute) verleumdeten Persönlichkeit, die ein so unglaubliches Leben hinter sich hatte.

Nun hat der Romancier und Übersetzer Hans Pleschinski dieses Werk aus der Vergessenheit geholt und es neu herausgegeben. Sein Vorwort schildert den Hof Ludwigs XV., in den das fünfzehnjährige Kind Maria Antonia aus Wien hineinkatapultiert wurde, er schiebt immer wieder (in Kursivschrift) erklärende Passagen in den Text, und sein Nachwort erzählt, was die Autorin selbst verschweigt, nämlich ihr immer dramatisches, aber auch erfolgreiches Weiterleben nach der Französischen Revolution.

Als Gründerin und Leiterin eines Mädchengymnasiums in Saint- Germain-en-Laye, fand sie Anerkennung durch Napoleon selbst (seine Stieftochter Hortense war eine ihrer Schülerinnen, später auch zwei von Napoleons Schwestern). Nach dessen Sturz fiel auch sie, die einst verfolgte Royalistin, erneut in Ungnade, zog sich aufs Land zurück und schrieb ihre Erinnerungen an die Zeit mit Marie Antoinette nieder.

Wenn der Autor behauptet, dass sich quasi alle Biographien und Filme auf die Aufzeichnungen von Henriette Campan stützen würden, hat er nicht ganz Unrecht: Vieles, was man erfährt, hat man anderswo schon gelesen, ohne diese Quelle zu kennen.

Und doch ist vieles neu, vieles ganz nahe an der Person des jungen Mädchens, das in seinen dreiundzwanzig Jahren in Frankreich eine große Wandlung durchmachte. So berichtet die Kammerfrau, die nie unkritisch war, aber ihrer Herrin immer Liebe und Respekt entgegen brachte, etwa, wie die junge Marie Antoinette sich liebevoll an ihren Vater erinnerte, wo sie doch keine zehn Jahre alt war, als er starb, während der stets fernen (weil immer überbeschäftigten) Mutter Maria Theresia gewissermaßen mit distanziertem Respekt gedacht wurde. Die Dauphine gab selbst zu, dass es mit ihrer Bildung nicht weit her war, immerhin konnte sie vom Blatt spielen und zeigte auch kulturelle Interessen, wenn sie für die Aufführung einer Gluck-Oper (den sie noch aus Wien kannte) nach Paris fuhr und sich auch für alte Bücher interessierte.

Man erfährt, dass sich Marie Antoinette anfangs in der Opulenz der Versailles-Hofhaltung nicht wohl fühlte (und sich erst später in ihr Vergnügungsleben fallen ließ). Dass man am Königshof in einer „Blase“ lebte (wie man es heute ausdrücken würde), war unbestreitbar, dennoch scheint Marie Antoinette nie in den Hochmut der Herrschenden verfallen zu sein, ihre Mitwelt zu ignorieren. Sie interessierte sich liebevoll für die Menschen ihrer Umwelt (auch die Bediensteten), und sie spendete Millionen für die leidende Bevölkerung in dem langen und grausamen Winter von 1783 auf 1784.

Man kennt die Probleme der jungen Ehe, dass der Dauphin den Beischlaf wegen einer Vorhaut-Verengung jahrelang nicht vollziehen konnte. Erst als Marie Antoinettes Bruder Joseph 1777 aus Wien kam, konnte er ihn zur nötigen Operation bewegen, und das Paar bekam vier Kinder (von denen nur die älteste Tochter überlebte – in Österreich übrigens).

Über Joseph II. ist übrigens Ergötzliches zu lesen, das zu ihm passt – dass er sich vordringlich für die Bibliothek seiner Schwester interessierte, und dass er nach sechswöchigem Aufenthalt aus Versailles abreiste, ohne das geringste Trinkgeld zu hinterlassen. (Von seiner Schäbigkeit wussten auch die Wiener Bordellwirtinnen am Spittelberg zu erzählen, die ihn deshalb schon hinaus geworfen hatten…)

Eine interessante Episode ist auch jene über die Uraufführung des „Tollen Tags“ von Beaumarchais, der die immer aufgeheiztere Stimmung in der Bevölkerung widerspiegelte. Die anschließende „Halsband“-Affäre (über die zahllose Bücher geschrieben wurde und die für die Protagonisten damals gar nicht zu durchschauen war), trug dazu bei, dass Marie Antoinette immer unbeliebter wurde.

Die Schreckensszenen der Französischen Revolution lesen sich erschütternd grausam, und es ist kaum begreiflich, mit wie viel unversöhnlichem Hass das Königspaar behandelt wurde, bevor man sie zum Tode verurteilte, Fischweiber stürmten das Schloss und schrien, in ihre Schürzen wollten sie Marie Antoinettes Eingeweide packen… Die Kammerfrau, die sich als „Royalistin“ längst selbst verstecken musste, erfuhr von deren Schicksal dann nur noch aus der Zeitung. Eine durch Leid gereifte Marie Antoinette ging in unerschütterlicher Haltung in den Tod.

Die alte Henriette Campan lebte in ihren Erinnerungen. Es ist ergreifend zu lesen, wie sie einzelne Dinge der Königin über die Jahrzehnte gerettet hatte – ein schlichtes Musselinkleid, das zu den Geschenken von Tipu Sultan gehört hatte und von der Königin getragen worden war. eine Tasse, aus der sie getrunken und Schreibgerät, das sie benutzt hatte.  Und die Kammerfrau berichtete auch, dass Marie Antoinette ihr Leben lang ihr eigenes Totenhemd und das Gewand, in dem sie bestattet werden wollte und woran sie eigenhändig genäht hatte, aufbewahrte. Sie hat es nicht benötigt – man warf ihre geköpfte Leiche auf den Mist.

Aber aus den Erinnerungen von Henriette Campan ersteht sie wieder auf, schön, lebhaft, gutherzig, mit vielen positiven Eigenschaften, die man ihr nicht zugestehen wollte.

Renate Wagner

 

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