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BUCH / Agnes Callard: SOKRATES

Fragen über Fragen

14.08.2026 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Agnes Callard
SOKRATES
WIE MAN DURCH EIN PHILOSOPHISCHES LEBEN DIE ANGST VOR FAST ALLEM VERLIERT
430 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2026

Fragen über Fragen

Müsste man Sokrates kurz definieren, würde man wohl sagen, er sei wahrscheinlich der Inbegriff des Philosophen per se – ohne dass man (außer man hätte sich schon ausführlich mit ihm befasst) dieses Urteil begründen könnte. Aber natürlich greift man mit Interesse nach einem Buch, das „Sokrates“ verheißt und das Versprechen abgibt: Wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert.

Sokrates macht es der Welt schwer. Die Mitwelt fühlte sich von ihm so bedrängt, dass sie ihn zwang, den Schierlingsbecher zu trinken. Die Nachwelt hat von ihm selbst faktisch nichts in der Hand. Römische Philosophen wie Seneca oder Mark Aurel legten ihre (moralischen, klugen und teils hoch zu schätzenden) Erkenntnisse in Büchern fest, aus denen sich Lebensweisheiten zum praktischen Gebrauch herausschnitzen lassen.

Von Sokrates, dessen Gespräche vor allem von Platon und Xenophon aufgeschrieben wurden, weiß man nur, dass er die Menschen zum Reden und damit zum Denken und Nachdenken aufforderte.

Wie geht nun die Autorin ihr Thema an?

Agnes Callard, geboren 1976 in Budapest, kam als kleines Kind mit ihren Eltern in die USA und ist heuteProfessorin für Philosophie an der University of Chicago. Man kann sie gut und gern als umstritten bezeichnen, weil sie populärwissenschaftliche Artikel für Zeitschriften verfasst und sich folglich mit ihren Werken nicht an die akademische Kollegenschaft, sondern vor allem an ein normales Leserpublikum wendet.

Das ist auch die Stärke ihres „Sokrates“-Buches. Die Autorin nimmt den Leser quasi bei der Hand, damit er sich nicht vor einer zu schwierigen Thematik fürchtet. Erzählt zuerst von der existenziellen Krise von Leo Tolstoj, der auf dem Höhepunkt seines Lebens nicht mehr wusste, was alles soll – Ruhm, Geld, privates Glück, alles schien ihm sinnlos. Offenbar gab es für ihn nur zwei Möglichkeiten: Selbstmord – oder einfach weiter zu machen, ohne einen Sinn darin zu sehen. Philosophie beiseite lassen und eben leben.

Als Sokrates, der im 5. Jahrhundert v. Chr. in Athen zuhause war, sich plötzlich mit denselben Fragen konfrontiert sah, schob er sie nicht weg, sondern machte sie zu seinem Lebensinhalt. Fragen, Fragen, Fragen – aber mit seinen Gesprächspartnern so verfahrend, dass er selbst keine Behauptungen aufstellte. Und, das ist das Essentielle, keine Antworten verkündete. Kein Belehrender, ein Suchender. „Ich schwankte hierüber bald so, bald so, und bleibe mir niemals gleich in meiner Meinung“ wird eine Stelle aus den Dialogen zitiert. Er fragte nach allem, worüber der Mensch nachdenken kann – und es meist nicht tut, sei es nur, weil er in seinem Alltag keine Zeit dafür findet.

Mit dem Leser gewissermaßen sprechend (als sei sie im Hörsaal und werbe um das Interesse der Studenten), geht Agnes Callard durch Problemkreise, die sich an Sokrates knüpfen lassen, politische, gesellschaftliche, moralische. Dazu zieht sie dann auch aktuelle Beispiele aus anderen Disziplinen heran. Im Gegensatz zu Sokrates hält sich die Autorin mit ihrer persönlichen Meinung, mit ihren Antworten nicht zurück. Eine Erklärerin. Eine Wissende über den, der von sich stets behauptete, nichts zu wissen…

Am Ende stellen sich für den Leser doch einige Fragen – ob es sokratische sind, sei dahingestellt. Selbst wenn man Partner findet, mit denen man die Sinnfragen dialogisch durchkämmen kann – wenn keine „brauchbaren“ Antworten heraus kommen, welchen Sinn macht die Diskussion? Und wer außer einst Sokrates und die Philosophen, wer heute außer der Autorin und ihren Kollegen, die für die Befassung mit Philosophie bezahlt werden, hat schon die Möglichkeit, im alltäglichen Leben ununterbrochen – zu fragen? Und, das ist natürlich auch essentiell – wollen wir es überhaupt? Callard zitiert dazu die italienische Autorin Elena Ferrante mit der Formulierung vom „Grauen ernsthaften Nachdenkens…“

Der Normalmensch wird sich also gern  damit begnügen, interessante Stunden mit diesem Sokrates-Buch verbracht zu haben – und dann zum Leben, das erledigt werden will, zurück kehren… Und, wie man weiß: Jede Religion macht es den Menschen leichter als die Philosophie… weil sie Antworten bietet.

Renate Wagner

 

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