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Brahms-Glanert / Brahms-Berio / Detlev Glanert

20.01.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0761195126325

Detlev Glanert:
Vier Präludien und Ernste Gesänge samt Postludium, Weites Land

Brahms-Berio:
Klarinettensonate Nr.1 arrangiert für Klarinette und Orchester

ONDINE CD

„Und wenn ich weissagen könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnisse und hätte allen Glauben also dass ich Berge versetzte und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ Corinther 13:1-3; Brahms „Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete“

Offenbar können Komponisten keinen weißen Zettel sehen, ohne Noten zu notieren und erst recht nicht von Zunftgenossen mit Noten beschriebenes Papier, ohne daraus Inspiration zu schöpfen oder selber Hand anzulegen. Das kann eine bloße Instrumentierung sein oder aber eine völlige Aneignung, wie dies auf der vorliegenden CD der Fall ist – so mutig und ambitioniert wie Arnulf Rainer in der Malerei. 

Detlev Glanert, Schüler von Hans Werner Henze, ist ja als Opernkomponist bekannt, 14 davon hat er bislang geschrieben. Vielleicht ist ihm auf Basis dieser Begabung nun auf stupende Wiese gelungen, die vier Ernsten Gesänge seines norddeutschen Landsmannes Brahms auf ganz eingeständige und faszinierende Weise zu orchestrieren und für Bariton zu adaptieren. Vorangestellt hat Glanert jedem Gesang jeweils ein Präludium, ein Postludium beschließt den so ausgeweiteten Zyklus. Diese reinen Orchesterteile zeichnen sich durch eine enorme Farbigkeit der Instrumentierung aus. Sie bereiten die Stimmung der nachfolgenden Lieder auf, kommentieren sie und vermitteln eine ganz eigenständige Klangwelt, die mit derjenigen von Brahms einen spannungsreiche Symbiose eingeht. Neben den Streichern lässt Glanert ein typisch Brahms‘sches Orchester sprechen. Doppeltes Holz, einen dritte Flöte, Kontrafagott, vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Pauke und Harfe. 

Bariton Michael Nagy ist der Solist der Ernsten Gesänge. Nagy, der größere Stationen an der Komischen Oper in Berlin und in Frankfurt absolviert hat, hat in jüngerer Zeit als Kurwenal unter Simon Rattle in Baden Baden Furore gemacht, in Wien kennt man ihn von Marschers Hans Heiling Produktion am Theater an der Wien. Am 19. Februar 2017 wird Nagy an der Deutsche Oper Berlin in der Uraufführung von Andrea Lorenzo Scartazzinis Oper Edward II die Titelrolle verkörpern. Die vier Ernsten Gesänge profitieren von der Schwärze des dramatischen Stimmmaterials des ungarischstämmigen Baritons. Nagy trägt einen opernhaften Ton in diese Musik, dabei aber die conditio humana dieser „Erntelieder“ um Liebe und Tod sensitiv auslotend. 

Den Höhepunkt der CD bildet für mich persönlich Glanerts 2013 komponiertes „Weites Land“. Der Tonsetzer nennt sein knapp 12 minütiges einsätziges Werk „Musik mit Brahms für Orchester“, darin die ersten acht Noten der vierten Symphonie des Hamburger Meisters reflektierend. Es handelt sich um ein Auftragswerk des Oldenburger Staatsorchesters. „Das weite Land“ ist ein aufregend dichtes Kondensat an originär kompositorischer Aneignung des harmonischen und thematischen Materials mit allerlei Soli der Streicher und im Holz, Tänzerischen und Kosmischem zugleich. Das Stück ist keine onomatopoetische Naturbeschwörung, sondern eine klingende Reflexion unserer Seele als Spiegel letzterer, Schnitzlers gleichnamiges Theaterstück assoziativ deutend. Sibelius winkt von der Ferne. Das Stück ist ein grandioser Wurf, dem ich einen Eingang ins Konzertrepertoire wünschen möchte.

Das neue Album endet mit Luciano Berios Bearbeitung der ersten der zwei Klarinettensonaten von Brahms, ein Auftragswerk des Los Angeles Philharmonic Orchestra aus dem Jahr 1986. Kari Kriikku ist der spielfreudige Solist dieses erstaunlich nahe am Original arrangierten Klarinettenkonzerts. Der Solopart ist nahezu identisch mit demjenigen der Sonate, das Orchester füllt gleichsam lediglich den Klavierpart aus. Das Helsinki Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Olari Elts sind beherzte Mitstreiter auf dieser musikalischen Entdeckungsfahrt. Eine clever zusammengestellte CD, die auch das hohe Niveau des finnischen Klangkörpers eindrucksvoll belegt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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