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BONN: AIDA. Premiere

16.02.2014 | KRITIKEN, Oper

BONN: AIDA .   Premiere am 16.Februar 2014

 Warum ist es am Rhein so schön, scheint das Eröffnungsbild der neuen Bonner „Aida“ fragen zu wollen. Man sieht, auf eine Leinwand projiziert, den deutschen Strom in der Nähe Bonns mit dem sich dahinter auftürmenden Siebengebirge. Hier treffen während des Vorspiels die Titelheldin und ihre Rivalin Amneris aufeinander. Regisseur DIETRICH HILSDORF spricht die emotionale Konfliktlage der Oper sogleich unumwunden an. Aber: Ägypten in Deutschland? Diese Ortsverlagerung wird dann noch weiter zementiert. DIETER RICHTER lässt sich die nüchternen, braunen Wände des Zuschauerraumes auf der Bühne fortsetzen, linkerhand ist eine der Treppen „ausgeliehen“. Welche Anspielung verbindet sich damit? Da muss man schon den Programmheftbeitrag von Operndirektor ANDREAS K. W. MEYER lesen. Das1965 erbaute Opernhaus habe nicht nur die bisherigen Spielprovisorien abgelöst, sondern auch eine repräsentative Kult(ur)stätte für das erstarkte (Teil)Deutschland im Allgemeinen, für die damalige Bundeshauptstatt im Besonderen darstellen wollen. Mit dem Gebäude feierte Bonn sich also auch selbst. Von einem militärischen Akzent  war trotz Bundeswehr freilich (noch) nicht die Rede. Insofern hinkt der Bildvergleich der Inszenierung.-

 Begleitet von Ansagen via Lautsprecher (u.a. auf Kölsch – rheinischer Frohsinn wird ja bald wie ein Ätna ausbrechen) und flankiert von zwei Zuschauerpausen steht bei Hilsdorfs Inszenierung der Triumphakt im Mittelpunkt. Das BEETHOVEN ORCHESTER spielt unter WILL HUMBURG szenenintegriert, der Chor (von VOLKMAR OLBRICH sehr gut präpariert) ist im Saal verteilt, an Statisterie (u.a. kriegspielende Kinder) ist aufgeboten, was das Haus nur so hergibt), die „Memphis Twins“ (eine der beiden Tänzerinnen heißt Anna Pavlova!) sorgen für Show-Unterhaltung, welche von RENATE SCHMITZERs Kostümen zusätzlich unterstrichen wird. Die farbige Fülle an Menschen hat groteske Momente, und die ganze karnevalistische Haupt- und Staatsaktion besitzt kritisch-ironische Kontur, besonders an einer Stelle, wo Kriegsveteranen dem König in der Intendantenloge körperklapprig huldigen. Der wird übrigens zuletzt von einem Revolutionär erschossen, so dass der Beginn des Nilaktes als Trauerfeier für den Monarchen deklariert werden kann. Ansage: „Eintrittskarten behalten ihre Gültigkeit“.

 Mit diesem Bild wirkt Hilsdorfs Regiepulver allerdings weitgehend verschossen, der Rest ist durchaus versierte, manchmal etwas biedere Oper. Radames stirbt am Schluss beispielsweise ganz konventionell, indem er zu Boden sinkt. Aida, auf der anderen Seite der Gruft stehend, scheint etwas widerstandskräfiger und hat wohl noch etwas zu leben. Auf halber Bühnenhöhe kauert die trauernde Amneris, wie es schöner nicht sein kann. Opernreisende haben bestätigt, dass Hilsdorf etliche Momente seiner rund 25 Jahre zurückliegenden Essener „Aida“-Produktion, die vor gar nicht so langer Zeit als Kult-Inszenierung ein letztes Mal wiederaufgenommen wurde, in Bonn aufgegriffen hat. Hilft aber nicht sonderlich. Trotz mancher Detail-Raffinesse, trotz einiger Spannungsmomente erweist sich die Bonner „Aida“ als ein nur maßvoll inspiriertes Opernbilderbuch.

 Wenn Will Humburg am Pult steht, flammt italienische Oper gewaltig auf, auch und gerade bei Verdi. Bei der Kölner „Forza“-Wiederaufnahme im Januar war das Gürzenich- dem Beethoven-Orchester um einige Qualitätsgrade voraus. Dennoch besitzt die Bonner „Aida“ Verve und schöne Klangfarben.

 Mit viel Empfindung und Leidenschaft findet YANNICK-MURIEL NOAHs leuchtkräftiger Sopran zu einer imponierenden Gestaltung der Titelpartie. GEORGE ONIANI sucht es ihr als Radames gleich zu tun, ist jedoch vor allem ein robuster, höhenstarker Strahl-Tenor. Mit beeindruckendem Aplomb, brustig orgelnder Tiefe und vulkanhafter Höhe gibt TUIJA KNIHTILÄ die Amneris, basssaftige Porträts kommen von ROLF BROMAN (Ramfis) und PRIIT VOLMER (König). Auch JÁN RÚNAR ARASON, der Bote, verdient hervorgehoben zu werden. Sängerischer Höhepunkt indes ist MARK MOROUSE, der an seinem Stammhaus irgendwie immer besser wird. Bei seinem Amonasro verbinden sich Italianità-Kultur, maskulines Timbre und Ausdrucksfuror zu einer wahrhaft bestechenden Rolleneinheit.

 

Christoph Zimmermann

 

 

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