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BIOGRAFIEN BEDEUTENDER ÖSTERREICHISCHER WISSENSCHAFTERINNEN

27.04.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Ilse Korotin, Nastasja Stupnicki (Hg.)
BIOGRAFIEN BEDEUTENDER ÖSTERREICHISCHER WISSENSCHAFTERINNEN
„Die Neugier treibt mich, Fragen zu stellen“
992 Seiten, Böhlau Verlag, 2018

Ein gewaltiges Unternehmen, ein gewaltiges Buch. Im Gegensatz zu Künstlern, Politikern, Prominenten aller Art, die ihren Anteil an öffentlicher Wahrnehmung erhalten, gelingt es Wissenschaftlern nur ganz selten, im allgemeinen Bewusstsein zu landen – abgesehen von Ausnahmefällen wie Nobelpreisträgern oder besonderen Schicksalen, zumal wenn es um Frauen geht (Marie Curie oder Lise Meitner bestätigen die Regel).

Österreichische Wissenschaftlerinnen mit ihren Leistungen, aber auch Biographien ins Licht zu rücken, hat man schon früher unternommen: 2002 gab es bereits einen lexikalischen Band über Wissenschaftlerinnen in und aus Österreich, sozusagen „die erste Generation“ behandelnd. Zehn Jahre danach 2012, hat das Wissenschaftsministerium einen Forschungsauftrag erteilt, nun mit den Biographien von Wissenschaftlerinnen fortzusetzen, die vor allem nach 1945 tätig waren.

Herausgegeben von Ilse Korotin und Nastasja Stupnicki, trägt der voluminöse Band den Untertitel „Die Neugier treibt mich, Fragen zu stellen“. 109 Autorinnen aus dem In- und Ausland, selbst Vertreterinnen der unterschiedlichsten Fachgebiete, haben die 300 Biographien erstellt – und man entdeckt, dass sich in diesem Buch auch Brigitte Bierlein findet, die Juristin, die letztes Jahr, in der Regierungskrise, Österreich ein halbes Jahr als Bundeskanzlerin so vorzüglich ausgeholfen hat. Sie ist übrigens nicht die einzige „Politikerin“, die hier aufscheint – auch Maria Schaumayer findet sich hier in ihrer Eigenschaft als Wirtschaftswissenschaftlerin oder Ingrid Leodolter als Ärztin, die viel zu ihrem Spezialgebiet (Magen und Darm) veröffentlich hat.

Wie breit die Autorinnen das Feld der „Wissenschaftlerinnen“ bearbeitet haben, zeigt das Berufsregister im Anhang, das von der „Aktivistin“ (die im speziellen Fall allerdings noch einige andere Berufsbezeichnungen auf sich vereinigt) oder „Althistorikerin“ bis zur „Zeithistorikerin“ (da scheint Erika Weinzierl echt zu fehlen!) und „Zoologin“ geht.

Da man Lexika nicht nur als Nachschlagewerke benützen kann, es vielmehr ungemein anregend ist, in ihnen zu lesen, darf man nicht nur von bekannten Namen (Brigitte Hamann) ausgehen. Wenn man beispielsweise bei den Berufsbezeichnungen schmökert, sich für Etruskologie oder Graphologie, Klimaforschung oder Kunstkritik interessiert, kann man auf die interessantesten Schicksale stoßen. Die Artikel sind absolut unterschiedlich in der Länge, aber das Essentielle erfährt man immer.

Wie gut, dass man es hier schon mit einer Epoche zu tun hat, in der Frauen ihre Karrieren nicht mehr gegen Verbote und männlichen Widerstand erkämpfen mussten (individuelle Kämpfe gab es immer noch genug). Ganz gerecht geht man aber mit den Frauen doch noch nicht um – so liest man etwa bei Emmy Wellesz, der bedeutenden Gattin des Komponisten Egon Wellesz, die als Kunsthistorikern beachtliche Werke etwa über die Gandhara-Kultur geschrieben hat, dass man ihr gemeinsam mit dem Gatten ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof gewidmet hat. Tatsächlich steht aber nur sein Name auf dem Grabstein…

Renate Wagner

 

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