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BERND WEIKL: „Was gesagt werden muss!“

10.02.2016 | INTERVIEWS, Sänger

BERND WEIKL

„Was gesagt werden muss!“

Bernd Weikl hat sein Buch „Swastikas on Stage“ mitgebracht und einen angeregten Nachmittag lang in der Kunst-Werk-Galerie des Online Merkers darüber gesprochen. Und über vieles andere mehr

Von Renate Wagner

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Foto: Barbara Zeininger 

Herr Kammersänger Weikl, wir Wiener Opernfreunde hatten gut drei Jahrzehnte lang die Möglichkeit, Ihre stimmlich und darstellerisch so prächtig konturierten Gestalten auf der Bühne zu sehen. Das begann, wenn man den Archiv-Aufzeichnungen der Staatsoper glauben will, mit einem Rossini-Barbier im Jahre 1972…

Das ist leider falsch. In meiner Biographie steht es richtig. Ich habe bereits im Oktober davor mit dem großen Italiener Mario del Monaco einen „Bajazzo“ gesungen, wo er mich beinahe auf der Bühne erstochen hat. Denn er hat als Canio mir als Silvio das Bühnen-Messer, das ja an sich per Knopfdruck verschwindet, wenn man es dem Gegenüber hineindrückt, in den Bauch hineingestochen und vergessen, den rettenden Knopf zu drücken … Es war ein Wunder, dass ich mit einem blau-grünen Bluterguß davon gekommen bin. Ja, so war’s, und ich hab’s der Staatsoper hundertmal gesagt, dass das in ihrem Archiv falsch ist, weil ich in diesem „Bajazzo“ nicht vorkomme, aber sie ändern’s nicht.

Immerhin kann man diesem Archiv und dem eigenen Gedächtnis die Fülle von Rollen entnehmen, die Sie gesungen haben, bis Sie sich von uns 2003 mit einem Scarpia verabschiedet haben – Mozart (Giovanni, Graf, Guglielmo), viel Verdi (Jago, Amonasro, Ford, Posa, Germont), den Onegin, und auch den Eisenstein und natürlich das deutsche Fach mit Sachs, Holländer, Amfortas, Wolfram ebenso wie Barak, Orest, Mandryka.

Ja, ich habe doch mein Leben lang darunter „gelitten“, wenn man so sagen will, dass deutschsprachige Sänger wie ich geradezu auf das deutsche Fach einzementiert wurden – und wenn jemand wie James Levine mich an der Met den Posa singen ließ, wurde ich gnadenlos ausgebuht, weil man in diesen Rollen eben nur Italiener hören wollte. Genau so ging es mir in Paris, als ich mit Pavarotti dort den Belcore im „Liebestrank“ sang: „Perche far questo Wagner con la voce tua?“ hat Luciano mich gefragt und wollte mich auf seine weltweite „Liebestrank“-Tournee mitnehmen. Aber es hätte keinen Sinn gehabt – wie Freunde meinten: „Weißt Du, Bernd, deutsche Sänger werden in Paris immer ausgebuht, wenn sie nicht das deutsche Fach singen…“ Immerhin habe ich mir die Freude gemacht, meine Karriere 2010 als Regisseur und Hauptdarsteller von Verdis „Falstaff“ in Kaiserslautern zu beenden.


Renate Wagner im Gespräch mit KS. Bernd Weikl. Copyright: Barbara Zeininger

Sie haben immerhin Jahrzehnte in Bayreuth verbracht, mit wenigen Unterbrechungen vom Wolfram 1972 im berühmen Götz Friedrich-„Tannhäuser“ bis zum Amfortas unter Sinopoli zuletzt 1996, dazwischen immer wieder Sachs und Holländer… waren Sie da richtig?

Sie haben dort nie berühmt bezahlt, für große Rollen bekam man 8000 Mark pro Abend, aber das war vollständig Blunzen. Mir war klar, dass ich nur mit Wagner Karriere machen kann, und so habe ich alle großen Rollen gesungen – bis auf den Wotan, der war mir zu tief. Ich war ja eigentlich ein hoher Bariton, ich habe an der Wiener Staatsoper den Eisenstein in der Tenor-Fassung gesungen, Karajan wollte mich auch als Tenor. Aber ich blieb Wagner-Bariton, die Vorurteile waren unüberwindbar – am wenigsten noch in Wien, wo man mich vieles singen ließ.

Ihr „Nachdenken über Richard Wagner“ begleitet Sie ja nun auch schon viele Jahre und resultiert vermutlich aus der Auseinandersetzung mit den Rollen und der ständigen Konfrontation mit dieser doch so widersprüchlichen Persönlichkeit Wagners?

Meine Überlegungen, dass etwas auf unseren Bühnen nicht stimmt, hat ganz anders begonnen, gar nicht mit Wagner. Ich habe mir überlegt, warum werden Opernhäuser subventioniert, was ist mit dem bei uns gesetzlich verankerten Bildungsauftrag gemeint, was sollte Musik bewirken? Da habe ich 1996 in der Psychiatrie in der Nussbaumstrasse in München eine Intervention durchgeführt, die sich mit „Angewandtes Atmen und angewandtes Singen bei stationär Kranken“ befasste. Ich wollte wissen, ob da eine „Katharsis“ entstehen kann im Gegensatz etwa zu Gesprächtherapien, die dort gemacht wurden und zu nichts geführt haben. Die Ärzte waren ganz verblüfft, wie diese Sing- und Atemübungen die Kranken „befreit“ haben, sie standen aufrecht und mussten nicht mehr geführt werden, sie strahlten richtig. Ich wollte zeigen, welche Wirkung Musik auf den Menschen haben kann.

Was hat das mit Richard Wagner zu tun, der ja schon zu Lebzeiten umstritten war, aber seit seiner Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus als Gestalt gewissermaßen „beschädigt“ ist – und eine Spielwiese für Regisseure, die offenbar gar nicht anders können, als Wagners Werk unter diesem Gesichtspunkt der Hitler- und Nazi-Verstrickung auf die Bühne zu bringen.

Der Bildungsauftrag in der Musik ist jetzt nicht dazu da, Wagners Antisemitismus zu verbreiten, ich kann auch nicht antisemitisch singen – die Musik von Wagner eignete sich besonders für meine Versuche, weil sie sehr tief eindringt, Menschen emotional sehr stark berührt, tiefer als andere Musik, wobei ich das dem Verdi auch nicht absprechen möchte, gute Komponisten können das. Bei Wagner ist das ausgerichtet auf eine ideologische Erneuerung, auf eine Wiedergeburt, das heißt, durch seine Musik soll ein altruistischer Menschentyp entstehen.

Dennoch bleibt die Frage, ob Wagner sich nicht geradezu angeboten hat, von den Nationalsozialisten instrumentalisiert zu werden. In Ihrem Buch „Swastikas on Stage“ – also „Hakenkreuze auf der Bühne“ -, das Sie auf Englisch herausgebracht haben, zitieren Sie ja durchaus „Zeugen der Anklage“, nämlich das deutsche Feuilleton. In der „Zeit“ hieß es, Wagner habe den Holocaust geradezu gefordert, im „Spiegel“ fragte Rudolf Augstein, wie groß Wagners Mitschuld daran war…

Ich habe mit Wolfgang Wagner oft darüber gesprochen, auch mit Winifred, die mich bei Forelle Müllerin und Petersilkartoffel empfing und da weniger einsichtig war, denn sie war bis zum Schluß verliebt in diesen Mann, der ja eigentlich gar nicht wie ein Mann ausgeschaut hat. Sie hätte ihn auch gerne geheiratet, wie ihre Tochter Friedelind einmal gesagt hat, als man sie fragte: Wie ist denn das mit dem Hitler und Deiner Mutter? Und sie meinte in schönstem Fränkisch-Bayerisch: „Mei Mudda mecht scho, aber der Hitler mog fei net.“ Wie dem auch sei – Hitler hat sich weniger mit Wagners Musik identifiziert als mit dessen Helden. Und wie wenig er davon verstanden hat, zeigt sich ja daran, dass er sich den Rienzi ausgesucht hat – aber der war einfach ein Usurpator wie er selbst, der hat gar nicht begriffen, mit welch negativer Figur er sich da verglichen hat.

Aber es ging ja wohl um die mitreißende Macht der Musik. Es ist bekannt, dass nicht nur Hitler davon glühend enthusiasmiert war, so dass er entschlossen war, das „Dritte Reich“ zu gründen. Nachdem Theodor Herzl „Rienzi“ gehört hatte, war er begeistert überzeugt, dass es den „Judenstaat“ geben würde…

Ja, aber Herzl – der übrigens andauernd „Tannhäuser“ hörte, als er den „Judenstaat“ schrieb – hat viel mehr begriffen. Und ich kann zu Wagners Antisemitismus immer nur den jüdischen Wissenschaftler Irad Atir zitieren, der sich genau damit auseinander gesetzt hat und erklärt, dass Wagners Antisemitismus ein anderer war als die mörderische Version seines Verehrers Hitler.

Sicher war Wagner als Antisemit Opportunist wie bei allem anderen, als er sich von Meyerbeer Unterstützung erhoffte, bettelte er ihn an, als es nicht funktionierte, beschimpfte er ihn. Als er König Ludwig II. anbettelte und das klappte, schmeichelte er ihm grenzenlos. Und der große „Deutsche“ Wagner hätte „Bayreuth“ ohne weiters in den USA gegründet, wenn er die geforderte Million Dollar bekommen hätte – alles nur der Egoismus eines Künstlers, bei dem sich alles um sich selbst und sein Werk drehte. Immer im Raum steht dennoch die Behauptung, Wagner hätte viele negative „jüdische“ Figuren in seinem Werk gezeichnet – selbst Gustav Mahler bestätigte das in Bezug auf Mime…

In jeder Oper gibt es Sieger und gibt es Unterlegene, und wenn Adorno geschrieben hat, alle Zurückgewiesenen in Wagners Musikdramatik sind Juden-Charaktere, so ist das doch ein Schmarrn. Der wunderbare Marcel Prawy hat zu mir gesagt: Weiklchen, weißt Du, der Sachs ist doch eigentlich ein Jidd! Und er spielte mir, mit charakteristischer Handbewegung: „Euch macht ihr’s leicht, mir macht ihr’s schwer…“ vor. Und Wotan? Ein übler Lügner, Betrüger, Ehebrecher, Manipulierer – Jude! Man kann mit etwas üblem Willen aus allem alles machen – aus Sachs einen Pädophilen, der eigentlich nur David will, eine solche Inszenierung hat es gegeben, oder aus Onegin einen Schwulen…

… was ja in München genau so auf die Bühne gebracht wurde. Aber mit „Schmarrn“ lässt sich die Behauptung der Wagner’schen angeblich „jüdischen Figuren“ nicht abtun – das wird wohl immer Ansichtssache sein. Stefan Mickisch etwa schwört, er könne aus der Musik heraus beweisen, dass den fraglichen Figuren nichts „Jüdisches“ anhaftet.

Man muss sich auch fragen, was denn getan werden kann. Ich habe schließlich auch Bücher mit so widersprüchlichen Titeln „Warum Richard Wagner in Deutschland verboten werden muss“ beziehungsweise „Freispruch für Richard Wagner?“ geschrieben. Also – in Deutschland sagt man doch, wir treiben den Teufel mit Beelzebub aus. Ich sage jetzt, Kinder ihr habt alle Recht, wir machen Bayreuth zu, denn wir können diesen Antisemiten nicht spielen, Wagner muss verboten werden. Dann aber kommen die Politiker und sagen, nein, nein, so war es auch wieder nicht gemeint. Was will man? Oder was tut man? Ab heute ist Wagner in Deutschland verboten, außerdem werden alle Schäferhunde erschossen, weil Hitler einen hatte, Vegetarier gelten als verboten, weil Hitler einer war, es werden die Autobahnen gesprengt, VW abgeschafft (Stimme aus dem Publikum, sie gehört Wolfgang Habermann: Das schaffen die schon selber…). Man muss schon klar stellen, wie verrückt die Argumentation geworden ist.

Der zweite Teil des Buches „Swastikas on Stage“ befasst sich mit heutigen Inszenierungen, die sich einfach reichlich aus dem politischen Reservoire des Nationalsozialismus bedienen. Sie bringen da Vorschläge für die Wagner-Opern…

… ja und für „Hänsel und Gretel“, das mag ich besonders: Die beiden sind nationalsozialistisches Jungvolk, drogenabhängig, laufen auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg herum, wo sonst, treffen dort die Hexe Hitler, eine jüdische Transe mit Kunstbusen und Judensternen drauf, dann verkauft diese Transe den beiden Drogen und sie legen sich zu einem Inzest hin – „abends, wenn ich schlafen geh…“ Die 14 Engel sind 14 KZ-Wärter, die schlagen mit Peitschen auf die jüdische Transe ein. Hänsel und Gretel werden munter, wollen neue Drogen, die Transe hat keine mehr, dann wird sie von den 14 KZ-Wächtern erschlagen. Anschließend wird deren Körper zerlegt und geräuchert und Hänsel und Gretel bringen das auf den Christkindlmarkt, wo überall Hakenkreuzfahnen wehen, und verkaufen die Schinken dort, bekommen dafür neue Drogen, treffen ihre Eltern wieder und schließen sich Pegida an…

 Grauslich, obwohl zu befürchten wäre, dass man auch einer solchen Interpretation auf deutschen Bühnen begegnen könnte. Sie wettern nun schon die längste Zeit gegen Inszenierungen, wie sie heute auf den deutschen Bühnen erscheinen, aber erreicht haben Sie damit eigentlich nichts, außer dass man Sie persönlich angreift.

Ja, ich könnte in den allgemeinen Chor der heute verbindlichen Meinungen einstimmen, und dann dürfte ich wohl überall Regie führen, aber ich bin einfach nicht käuflich. Ich habe sehr viel Geld für meine Bücher ausgegeben, denn ich habe ja das Meiste selbst finanziert. Wenn es nicht anerkannt wird, dann habe ich wenigstens die Befriedigung, gesagt zu haben, was meiner Meinung nach gesagt werden muss – und rutscht mir den Buckel runter. Ich lebe in Hamburg, schwimme in meinem Pool, lese Bücher, freu mich des Lebens – ich werde ja im Sommer auch schon 74, da muss man schauen, dass man dann noch die letzten Jahre so gut wie möglich verbringt. Ich habe alles getan und alles gesagt.

Wird es je eine Trendwende geben?

Das glaube ich nicht. An sämtlichen Universitäten wird unterrichtet, dass Wagner „den Holocaust erfunden“ hat. Und das multipliziert sich – wer heute Musik- oder Theaterwissenschaft studiert und promovieren will, kann über Wagner nur das schreiben, dann kann er promovieren, dann wird er Regisseur oder Chefdramaturg… es wird sich in Deutschland nicht ändern. In Amerika gibt es das nicht, aber in Deutschland kann jeder machen, was er will. In der Düsseldorfer „Tannhäuser“-Inszenierung wurden Menschen auf der Bühne vergast, ich habe es angezeigt, und der Generalstaatsanwalt schrieb mir, das darf man, das ist Kunst und die Freiheit der Kunst. Was ich nur nicht einsehe – wenn jemand in St. Pauli – ich lebe ja in Hamburg – in ein sadomasochistisches Lokal geht, kann er das gerne tun, aber er muss dafür bezahlen. Wieso müssen wir alle mit unseren Steuergeldern bezahlen, wenn sich diese Dinge auf der Bühne abspielen?

Also hoffen Sie doch, dass man etwas dagegen tun könnte?

Ich habe dieses Buch auf Englisch veröffentlicht, weil es eigentlich ein Hilferuf an die Amerikaner und die Engländer ist, dass möglichst in der ganzen Welt klar wird, was Deutschland hier auf den Bühnen macht – und ich habe schon eine Menge positiver Resonanz von drüben bekommen. Aber was soll man hierzulande machen? Der hoch intelligente Wagner-Fachmann Udo Bermbach hat mir in einem Brief geschrieben, was wäre aus der Oper geworden, hätten sich nicht die Schauspielregisseure ihrer angenommen…! Kein Wunder, dass das auf der Strecke bleibt, was – die Texte sind ja in vielen Opern unsäglich – eigentlich zählt: die Musik.

Nach dem offiziellen Teil blieb Bernd Weikl noch lange in unserer Online-Galerie und plauderte mit Freunden, hier Liane Bermann (Präsidentin des Wiener Richard Wagner-Verbandes und Marcus Haimerl, ebenfalls vom Wagner-Verband. Copyright: Herta Haider

 

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