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Bernd Weikl: KUNST- UND PRESSEFREIHEIT IN DEUTSCHLAND

20.10.2015 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Weikl, Pressefreiheit

Bernd Weikl:
KUNST- UND PRESSEFREIHEIT IN DEUTSCHLAND
Rückblick und Status quo
60 Seiten, Broschur, Leipziger Universitätsverlag, 2015

Es wäre grotesk, dem Wiener Publikum Bernd Weikl vorstellen zu wollen. Nach eigener Zählung hat er in 32 Jahren ca. 450 Abende an der Staatsoper gesungen, das Archiv des Hauses verzeichnet den Rossini-Barbier (am 27.12.1972) als Einstand, den Scarpia (am 11.02.2003) als letztes Auftreten. Dazwischen alles, wofür Weikl berühmt war – Sachs, Holländer, Amfortas, Wolfram, auch Barak, Orest, Mandryka -, aber eben nicht nur das „deutsche“ Fach, zu dem man deutsche Sänger seiner Meinung nach „verdonnert“. Seine Stimme war geeignet, auch anderes zu singen (selbst wenn das im Ausland, vorurteilsvoll, automatisch abgewertet wurde). In Wien hat er noch Mozart (Giovanni, Graf, Guglielmo), viel Verdi (Jago, Amonasro, Ford, Posa, Germont), den Onegin und auch den Eisenstein gesungen, um nur die wichtigsten Rollen zu nennen.

Es gibt aber auch eine andere Seite an Bernd Weikl, eine streitbare, mit der er sich wenige Freunde gemacht hat, obwohl er vielen Menschen und Kollegen aus dem Herzen spricht. Er ist, als Variation zum Wutbürger, eine Art „Wutkünstler“ und damit vielen Kapazundern auf die Füße getreten.

Benachteiligung deutscher Sänger   Vor allem, dass er sich für seine deutschsprachigen Sängerkollegen einsetzt, die – wie er beweisen kann – nicht nur an ausländischen Opernhäusern (wo man grundsätzlich heimische Sänger vorzieht), sondern auch an deutschen Opernhäusern schlecht behandelt werden: „Unsere Künstler werden im Ausland nicht mit jenen offenen Armen aufgenommen wie die ausländischen Künstler vergleichsweise bei uns. Deutschland ist hier nachweislich inländerfeindlich“, wagt Weikl offen zu sagen.

„Der Herr Kammersänger setzt sich für seine Kollegen ein – auch zu seinem Nachteil“, meinte Ioan Holender, und Weikl weiß, dass er danach nicht mehr an der Wiener Staatsoper gesungen hat.

Faschismus-Vokabel    Der gebürtige Wiener, seit Jahrzehnten in Hamburg zuhause, schreibt sich seine Empörung von der Seele. Nun ist es liebe Gewohnheit geworden, Menschen, die nicht mit dem Mainstream einer – mittlerweile geradezu verordneten – Meinung schwimmen, ins rechte Eck zu schieben. Das wusste schon Günter Nenning (und der ist ja auch schon eine zeitlang tot):
„Vielleicht ist Euer Denunziantentum – wer nicht Eurer Meinung ist, ist ein halber oder ganzer Faschist – ein Kainsmal. Das wahllose Herumwerfen mit der Faschismus-Vokabel ist die letzte Kampfesdisziplin, in der die heimische Intelligenz noch Meister ist. Sonst fällt Euch nix ein.“

Weikl hat es oft erlebt, was man von ihm erwartet, „dass man nur singen und sonst den Schnabel halten soll“. Was er nicht tut. Und sich den Schnabel verbrennt. Sicher auch mit seinem neuen Buch, das eigentlich „nur“ eine 60seitige Broschüre ist, aber rappelvoll mit Fakten, Argumenten, Streitpunkten. Sie nennt sich „Kunst- und Pressefreiheit in Deutschland“ und schlägt zahlreiche Themen an.

Erster Punkt: Regietheater     Regietheater zuerst, das wahrscheinlich heißeste Eisen, und dessen Anhänger dürfen durchaus argumentieren. Albrecht Puhlmann, derzeit Stuttgart, künftig Mannheim, erklärt:
„Man muss bewusst so pointiert formulieren, um deutlich zu sehen, dass immer neue Schocks und ungeahnte Experimente zur weitgehenden Entfremdung eines genussorientierten und aufbaubedürftigen Publikums führen.“

Dagegen hält Weikl, was die viel gescholtene „Werktreue“ für ihn bedeutet:
„Unter dem Begriff ‚Werktreue’ verstehen wir im Schauspiel und Musiktheater die nachschöpferische, aber nicht den Sinn entstellende Wiedergabe eines vorhandenen, eines also bereits geschaffenen, in sich geschlossenen Werks.“

Und gegen die Unzumutbarkeiten, wie er meint, die es heute auf vielen Bühnen gibt, kann er schon einige Mitkämpfer zitieren. Dem Pianisten Andras Schiff hat sogar die NZZ die Möglichkeit gegeben, sich zu empören:
„Musik und Bühne generieren Diskrepanzen und Widersprüche, die leider zu dieser Vielzahl an grauenerregenden Inszenierungen führen, welche die moderne Opernwelt heimsuchen. Woher rührt diese Sucht nach der Selbstdarstellung, der Wichtigtuerei, der Respektlosigkeit?“

Als Peter Sloterdijk, Kulturwissenschaftler und ein rundum anerkannter kluger Kopf, Castorfs Bayreuther „Ring“ sah, diagnostizierte er nicht nur an Katharina Wagner, sie diene bis auf weiteres „als lebender Beweis dafür, dass Talent nicht erblich ist“, sondern analysierte auch Castorf und wofür er steht:
„Dass der Regisseur ein Zyniker und Schlamper ist, weiß man nicht erst, seit er am Hügel seine Visitenkarte abgab. Der aktuelle Kulturbetrieb nützt Zyniker und Schlamper als Informanten über das, was als Nächstes kommt. Wer ärger schlampt als andere, prägt die nächste Saison. Wer das Publikum heftiger verachtet als andere gelernte Verächter, wird weitergereicht in die nächste Runde.“

Aber Sloterdijk hinterfragt auch das angesichts solcher Leistungen jubelnde Publikum: 
„Mit Verkehrungen kennen sie sich aus. Sie haben gelernt, das Abwegige anregend, das an den Haaren Herbeigezogene spannend und das Misslungene interessant zu finden. Schon Nietzsche hatte verstanden, was das Wesen des Interessanten ausmacht: Es bildet das Produkt aus den drei Stimulanzien der Entnervten – aus dem Brutalen, dem Künstlichen, dem Idiotischen. In heutiger Sprache: Aktion, Spezialeffekte, Sentimentalität.“

Die Gerichte sind nicht zuständig     Eine Aufführung von „Tannhäuser“ in Düsseldorf brachte nicht nur SS-Uniformen, Hakenkreuze und Vergewaltigungen auf der Bühne, sondern auch das Vergasen von jüdischen Mitbürgern und Erschießen jüdischer Familien. Als Weikl dagegen zu Gericht zog, antwortete ihm die Staatsanwaltschaft, Kunst sei einer staatlichen Stil- oder Niveaukontrolle nicht zugänglich, die Anstößigkeit einer Darstellung nähme ihr nicht die Eigenschaft, dennoch ein Kunstwerk zu sein.

Weikl fragt sich allerdings, ob die „Freiheit der Kunst“ angesichts von Institutionen, die bis zu 80 Prozent ihrer durchaus enormen Kosten subventioniert werden, nicht zur Diskussion stehen sollte, wenn „Juden aufgrund künstlerischer Freiheit jederzeit auf deutschen Bühnen vergast werden“ dürfen. Eine Meinung, der sich auch die Jüdische Gemeinde in Düsseldorf anschloß, mit leichtem Kopfschütteln, es käme ihnen komisch vor, dass ausgerechnet sie Richard Wagner verteidigen müssten – „Wagner hatte mit dem Holocaust nichts zu tun“, meinte der Direktor der Institution.

Kalkulierte Provokation greift längst nicht mehr    Am Beispiel einer anderen Aufführung, Kresniks „120 Tage von Sodom“ an der Berliner Volksbühne, konnte Weikl feststellen, dass ein Publikum durch nichts mehr zu erschüttern ist (alle beschworenen Grauslichkeiten also eigentlich ins Leere laufen und Selbstzweck werden):
Es gibt kaum mehr ein modernes Theaterstück ohne Nackte. Wie also noch eins draufsetzen? In „Sodom“ pinkeln sich die Schauspieler auf der Bühne an. Aber auch das verdirbt heutzutage niemandem mehr die Lust auf die Lachshäppchen in der Pause. Dem Gekreuzigten wird der Penis abgeschnitten, der dann genüsslich verzehrt wird, ebenso wie der Kot vom Bischof. Auch herausgerissene Eingeweide dienen dem Konsum. Ständig wird Blut geleckt und Urin und Sperma und Dauerkopulation verordnet. Einer Schwangeren wird bei lebendigem Leib das Baby herausgeschnitten, anschließend wird es zerhackt und gegrillt. Als fragwürdiger Höhepunkt wird an der Volksbühne die Folterpraxis Waterboarding vorgeführt.

Opfer: auch die Sänger       Abgesehen davon, dass Regisseure mit absolutem Machtanspruch nicht nur tun können, was sie wollen, sondern auch von Sängern verlangen dürfen, alle ihre Ideen durchzuführen, werden diese zu Aktionen gezwungen, in denen sie oft nicht ordentlich singen können (was Weikl ausführlich aufgrund der Sänger-Physiognomie darlegt). Dazu kommt das psychologische Moment – die immer größer werdende Diskrepanz zwischen Sängern einerseits und der Bühne andererseits:
„Während die Sänger ein Liebesverhältnis mit dem Publikum aufbauen möchten, führen Regie und Bühnenbild mehr und mehr einen Privatkrieg gegen die ihnen so verhassten Kunden im Auditorium. Und das wird aus Steuergeldern finanziert.“

Richard Wagner     Richard Wagner und sein Antisemitismus ist ein Thema, das nicht nur Weikl immer wieder beschäftigt. Immerhin kann man die Sache auch anders sehen (nicht nur humoristisch, wie im NEW YORKER zu lesen war, dass Wagner einfach jemand sei, der sehr laute Musik geschrieben hat und dessen Werke viel zu lange dauern). In einer musikwissenschaftlichen Dissertation, die er an der Universität Tel Aviv vorlegt (und die ihm wohl kein deutsches Institut abnehmen würde), erklärt Autor Irad Atir:
„Wagners Kritik an Juden war Teil seines Widerstandes gegen die generelle soziopolitische und kulturelle Situation in diesem 19. Jahrhundert – einschließlich seiner nicht-jüdischen Gesellschaft. Generell gab es für ihn gute und schlechte Deutsche – und gute und schlechte Juden.“

Fazit   60 Seiten, mit denen Bernd Weikl wieder einmal (nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal) ins Kreuzfeuer geraten wird. Mit Worten lässt sich bekanntlich trefflich streiten, aber wenn wir nicht die Fäuste nehmen wollen, haben wir ja nichts anderes. Also diskutieren wir – wobei vermutlich die Standpunkte beider Seiten so verhärtet sind, dass es kaum Annäherungen geben dürfte…

Renate Wagner

 

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