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BERN/ KonzertTheater: TRISTAN UND ISOLDE

Freiheit in der Kunst

01.07.2019 | Allgemein, Oper


Ein Strindberg-Schauspiel mit Tristan und Isolde. Catherine Foster und Daniel Frank. Foto: Christian Kleiner

Bern: TRISTAN UND ISOLDE – besuchte Aufführung 30.6.2019   

Freiheit in der Kunst

Ist es nicht erstaunlich, wie ein mittelgrosses Haus wie Bern (ehemals: Stadttheater, jetzt KonzertTheaterBern) ein solch anspruchsvolles Werk wie Wagners Tristan stemmt. Von den räumlichen Verhältnissen gesehen, ist es durchaus machbar: Der Zuschauerraum ist mit seinen drei Rängen zwar nicht riesig, bietet aber mit seinem umgebauten Orchesterraum (bis unter die Bühne) für ein Wagner-Orchester wie für Tristan genügend Raum. Auch das klangliche Erlebnis ist höchst respektabel. Und für die Besetzung hatte man eine wirklich ausgezeichnete Sänger-Crew engagiert. Das war mal als besonderes Versprechen die Isolde von Catherine Foster, der Brünnhilde des Bayreuther Castorf-Rings, dann ein neuer, junger Tristan namens Daniel Frank und als Kurwenal Robin Adams, als Brangäne Claude Eichenberger, als Marke Kai Wegner und als Melot Todd Boyce. Das Berner Symphonieorchester stand unter Leitung des scheidenden GMD Kevin John Edusei, der einen ganz hervorragenden Tristan dirigierte. Das Orchester schien plötzlich Flügel zu bekommen und sprengte die räumliche Begrenztheit, erreichte eine wunderbare Weite des Ausdrucks.   


Auch mit Sonnenbrille eine Persönlichkeit. Foto: Christian Kleiner

Catherine Foster war eine stimmlich souveräne Isolde, hatte sichtlich Freude am Singen dieser Partie und sowohl mit den Höhen als auch Tiefen keinerlei Mühe. Ist ja auch kein Wunder bei einer Bayreuth-erfahrenen Brünnhilde! Darstellerisch wurde sie vom Regisseur Ludger Engels als treibende Kraft des Wagnerschen Mythos geführt, während der Tristan von Daniel Frank – ein lyrisch-timbrierter Heldentenor – der träumerische, ins Ungefähre abdriftende romantische Held war. Dagegen erstand in Robin Adams ein ausgesprochen kumpelhafter, viriler Kampfgenosse, der seinen Herrn schützt. Die ebenfalls ausgezeichnete Brangäne von Claude Eichenberger stand ihrer Herrin in stimmlicher Schönheit kaum nach. Als König Marke war Kai Wegner unüblich jugendlich, teilweise auch aggressiv und mürrisch, und somit in seinem Monolog, den er mit grosser Textverständlichkeit und Stimmschönheit sang, auf keinen Fall ein Jammerlappen. Sehr gut geführt auch der Melot von Todd Boyce, der sich seinem König quasi reumütig an die Brust wirft, um dann gleich wieder Tristan zu verraten. Überhaupt war die Personenführung durch Ludger Engels ausgezeichnet, in allen Reaktionen, auch der „Nebenfiguren“, bis ins psychologische kleinste Detail ausgeleuchtet und immer spannend. Das Regie-Konzept hielt sich wohl an die Maxime von Jonathan Meese, der Freiheit in der Kunst sieht, was vom Leading-Team zum Motto für diese Inszenierung genommen wurde. Findet der 1. Akt – quasi ganz normal – in einem beengenden Schiffsraum (Bühnenbild: Volker Thiele) statt, so hat dies etwas von einem Strindberg’schen Kammerspiel. Im 2. Akt löst sich alles Reale auf und Tristan und Isolde, nun in silbern glitzernde Anzüge (Kostüme: Heide Kastler) gekleidet, werden einander immer gleicher. So sagt es ja auch der Text „Ich Isolde – Du Tristan, Du Tristan   – ich Isolde!“. Tristan und Isolde bauen sich eine imaginäre Insel, auf die sie sich – Kindern gleich – zurückziehen wollen. Beim Auftritt von König Marke bleiben dann nur noch Trümmer zurück und im 3. Akt sind wir dann in der Tat auf dieser imaginären Insel, wo sich Tristan den Tod und somit Isolde herbeisehnt. Es ist überhaupt eine Inszenierung der Einsamkeit dieser beiden Hauptfiguren, die sich kaum berühren und ansehen. Das erinnert an die Bayreuther Inszenierung von Heiner Müller. In der Presse und im Publikum rief diese Tristan-Produktion eine geteilte Reaktion hervor. Einiges war vielleicht störend, wie der Steuermann (gut bei Stimme David Park), die drei Damen (Minna Wagner, eine alte Dame als Vergangenheit, Isolde ist die Gegenwart und ein Wesen mit geflügeltem Helm verkörpert die Zukunft) während des Vorspiels in die Handlung einführt. Aber insgesamt war die Produktion interessant und anregend. Auch als Antrieb, sich über den Tristan-Mythos Gedanken zu machen, regte sie uns an. Und eben, solange Theater in bestem Sinn auch Provokation ist, erstarrt die Oper nicht zum Museum und ist noch lange nicht tot.

John H. Mueller

 

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