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BERLIN/ Staatsoper: "DIE MEISTERSINGER von Berlin"

08.10.2015 | Allgemein, Oper

Berlin/ Staatsoper: „DIE MEISTERSINGER von Berlin“, 07.10.2015

Unbenannt
Klaus Florian Vogt, Stefan Rügamer. Foto: Bernd Uhlig

Diese Neuinszenierung von Richard Wagners Meistersingern durch Andrea Moses macht gute Laune und wird nie langweilig. Das will schon was heißen beim Originalablauf von  17.00 – 23.00 Uhr (inklusiver zweier langer Pausen) anstelle der diesmal auf 2 Tage verteilten Premiere. Die Regisseurin geht das nicht unbelastete Meisterwerk unverkrampft an, bindet aber den 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung mit ein, das Wunder einer wider Erwarten friedlichen politischen Wende.

Überall nun Fahnen in schwarz-rot-gold, doch selbst die dienen nicht der deutschtümelnden Ehrerbietung, zumal sie mitunter frech zweckentfremdet und eine von Walther von Stolzing alias Klaus Florian Vogt wütend in die Ecke geschleudert wird, als ihn die Meister mit lauter Vorschriften nerven.

Andrea Moses ist es sogar gelungen, ihn zum Darsteller zu machen, zu einem, der von seinen Gefühlen nicht nur schön und zunehmend markiger singt, sondern sie auch mit Mimik und Körpersprache ausdrücken kann. Der turbulent inszenierte 1. Akt kommt dem widerborstigen Ritter in der Lederjacke besonders zupass, der überdies sogleich Evas verführerisches Rücken-Dekolleté (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) für sich entdeckt.

Bei dieser wider alle Traditionsweihen laufenden Inszenierung sind alle mit spürbarem Spaß bei der Sache, insbesondere der junge, quicklebendige Österreicher Markus Werba als Sixtus Beckmesser. Der agiert hier nicht nur als regelbesessener, verbissener Junggeselle (mit „höhensicherem“ Bariton). Die Absicht, durch seinen Gesang die schöne Eva als Ehefrau zu gewinnen, wird hier – trotz brillanter Komik – nicht der absoluten Lächerlichkeit preisgegeben.

Attraktiv ist sie wirklich, Julia Kleiter, die hier als Eva debütiert, von ihrem Vater Veit Pogner (Kwangchul Youn mit noblem Bass) bekanntlich dem siegreichen Meistersinger als Preis versprochen. Ihr Sopran hat aber noch „Schönheitsluft nach oben“. Anna Lapkovskaja als Magdalene lässt ebenfalls einige Wünsche offen.

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Wolfgang Koch, Markus Werba. Foto: Bernd Uhlig

Es sind die Herren, die hier mehr überzeugen, allen voran der fabelhafte Wolfgang Koch als Hans Sachs. Mit ihm steht ein richtiger Mensch auf der Bühne, dem Zugewandtheit, Humor und Schläue aus den Augen strahlen, passend zu seinem großartig-warmem Bassbariton, der jede Situation treffend nuanciert.
Wie sehr auch er Eva liebt und sie ihn – das wird hier anrührend deutlich. Der kluge Verzicht zugunsten des jungen Stolzing geht ihm an die Nieren. Stephan Rügamer als sein Lehrling David verdient sich mit Stimme und Spiel ebenfalls ein Lob. Mit prächtigem Bass beeindruckt Jan Martinik als Nachtwächter.
In weiteren Rollen Graham Clark als Kunz Vogelgesang, Gyula Orendt als Konrad Nachtigall, Jürgen Linn als Fritz Kothner, Siegfried Jerusalem als Balthasar Zorn, Reiner Goldberg als Ulrich Eisslinger, Paul O’Neill als Augustin Moser, Arttu Kataja als Hermann Ortel und Olaf Bär als Hans Foltz.
Verdiente Ex-Wagner-Sänger sind unter ihnen, eine feine Geste. Und als der 91-jährige Franz Mazura (als Hans Schwarz) wütend mit seinem Gehstock poltert, weil Ritter Stolzing die frisch ersungene Meistersingerwürde ablehnt, gibt’s erfreute Lacher im Publikum. Dass sie immer noch bei Stimme sind, beweisen sie alle beim rauschenden Finale.

Meistersinger, Wolfgang Koch, Klaus Florian Vogt, Julia Kleiter, Foto Bernd Uhlig
Wolfgang Koch, Klaus Florian Vogt, Julia Kleiter. Foto: Bernd Uhlig

Großes Amüsement aber schon im 2. Akt bei der berlinisch ausufernden, aber keineswegs brutalen  Prügelei mitsamt Punks. Wohlgefälliges Erstaunen beim großen Festakt, zu dem die feine Gesellschaft in Kähnen auf der Spree vor der Kulisse des (wieder erstehenden) Stadtschlosses anreist (Bühnenbild: Jan Pappelbaum).

Höchst wach und gekonnt breitet Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin  den Sängerinnen und Sängern sowie dem stimmstarken Chor (einstudiert von Martin Wright) einen akkurat gewebten Wagner-Teppich unter die Füße. Der Auftakt gerät zwar reichlich laut, doch das schwebend musizierte Vorspiel zum 3. Aufzug wird die reine Wonne. Und kein Orkan zum Schluss, sondern eine passende musikalische Gefühlsaufwallung nach diesem gelungenen Meistersinger-Spektakel aus Berlin.

Ursula Wiegand
Weitere Aufführungen am 11., 15., 18. und 22. Okt 2015 

 

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