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BERLIN/ Philharmonie: LIEDERABEND CHRISTIAN GERHAHER

Berlin/ Philharmonie/ Kammermusiksaal: Liederabend Christian Gerhaher, 09.02.2014

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Christian Gerhaher. Copyright: Alexander Basta

Christian Gerhaher als Wolfram von Eschenbach 2012 im „Tannhäuser“ in der Deutschen Oper Berlin – das war einfach wunderbar. Entsprechend hochgespannt sind meine Erwartungen vor diesem Liederabend.

Doch der Auftakt, das „NOTTURNO“, fünf Sätze für Bariton und Streichquartett op. 47 des Schweizer Komponisten Othmar Schoeck, wird für mich zur einer Enttäuschung. Für dieses Stück, entstanden von 1931-33, unentschlossen pendelnd zwischen verblichener Romantik und vorsichtiger Atonalität, habe ich keinen Nerv.

Damit stehe ich offenbar nicht alleine. „Schoecks Musik ist bis heute etwas für Eingeweihte geblieben,“ ist im Programmheft zu lesen. Da half auch das 1931 von Hermann Hesse gespendete Lob nicht, und da hilft wohl ebenso wenig das Verständnis, das Heinz Holliger für dieses pechschwarze Notturno äußerte, das die Vertonung der überaus wehmütigen Nikolaus Lenau Gedichte zum Inhalt hat.

Dessen Schwermut und Depressionen – Lenau starb mit 48 Jahren in geistiger Umnachtung – prägen das gesamte Stück, litt doch Schoeck selbst unter Depressionen. Vergänglichkeit, Abschied, Einsamkeit und Tod sind die Themen – alles nur lähmendes, hoffnungsloses Dunkelgrau. Dementsprechend bleibt auch der Gesangspart zumeist eintönig fahl, und so bringt es nun Gerhaher. Ist dieses Notturno ihm ein Anliegen, um heutige Zuhörer zu „Eingeweihten“ von Othmar Schoeck zu machen? Dient diese 45minütige, ermüdende Schwermutsmusik als Zeitfüller oder als Kontrast zum Kommenden?

Erstaunlicherweise hat Schoeck dem Instrumentalpart, gespielt von vier Streichern, etwas mehr Farbigkeit verlieren. Mit Können und Engagement widmen sie sich später, dann zu sechst, den „Streicherfantasien“ zu einem Motiv von Johann Sebastian Bach, komponiert 1977 von Frank Michael Beyer.

Dass der aus Bachs c-Moll-Suite für Violoncello solo, BWV 1011, das Motiv G-Es-H-C-As als Leitschnur gewählt hat, lässt sich jedoch nur ansatzweise heraushören. (Wenn der Pianist Jacques Loussier mit seinem Trio Bachwerke verjazzt, ist Johann Sebastian weit näher.)

Nach der Pause dann die Lieder von Gabriel Fauré, eine wahre Erlösung von der ermattenden Winterstarre. Mit ihnen setzt Fauré, 40 Jahre lang Kantor und Chorleiter wider Willen, ein lustvolles Gegengewicht zu seinem Job. Bei ihm, zu später Stunde ein Salonlöwe, sind die Nächte nicht qualvoll, sondern voller Liebe und Leben. Auch Herbst und Winter haben ihre freudvollen Seiten. Und wie munter flattert in den sieben ausgewählten Liedern der Schmetterling in „LE PAPILLON ET LA FLEUR” op. 1 Nr. 1. Fast schelmisch begleitet von Gerold Huber am Flügel fliegt nun auch Gerhahers schöner Bariton empor. Endlich!

Bei „LES BERCEAUX” op. 23 Nr. 1 vermitteln Stimme und Piano deutlich die Meereswellen, die wie eine Wiege die Schiffe schaukeln. Nett verträumt erklingt „CLAIRE DE LUNE” op. 46 Nr. 2, doch zum Höhepunkt dieses Teils wird die Nr. 7, „NOTRE AMOUR“ op. 23 Nr. 2. Mit einer leidenschaftlichen Interpretation kann Gerhaher hierbei sein Können beweisen.

Zuletzt noch der Liederzyklus „La Bonne Chanson“ nach Gedichten von Paul Verlaine (Fassung mit Klavier- und Streichquintett-Begleitung von 1898), übrigens eine Auswahl von 21 Liebesgedichten von Verlaine. Dessen Sprachmelodie kommt hier allerdings ein klein wenig zu kurz, denn Gerhahers Französisch ist verbesserungsfähig. Dennoch strahlt bei diesen 9 Liedern sein Bariton in allen Facetten.

Voller Schwung spielen auch die Instrumentalisten (Wolfram Brandl und Christophe Horak Violine, Micha Afkham Viola, Bruno Delepelaire Violoncello, Peter Riegelbauer Kontrabass und der schon genannte Gerold Huber Klavier).

So passen diese „guten Lieder“ genau zu den Frühlingslüften in der Stadt und bringen den gesamten Abend zu einem ebenso guten Abschluss. Für mich haben allein Faurés charmante und empfindungsstarke Songs sowie Gerhahers brillante Darbietung dieser Lieder das Kommen gelohnt.

Ursula Wiegand

 

 

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