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BERLIN/ Philharmonie: KIRILL PETRENKO dirigiert Zimmermann, Lutoslawski und Brahms

Berlin / Philharmonie: Kirill Petrenko dirigiert Zimmermann, Lutosławski und Brahms, 26-01.2022

petrenko konzert mit den berliner philharmonikern am 26.01.2022. foto monika rittershaus
Foto: Monika Rittershaus

Es ist das erste Konzert aus einer Dreier-Aboserie, das am 26. Januar in der Berliner Philharmonie erklingt, doch das recht streng wirkende Programm hat die Musik- und Kirill Petrenko-Fans ebenso wenig am Kommen gehindert wie das ungemütliche Regenwetter.
Der große Saal ist gut besucht, und gleich beim ersten, nur 15 Minuten langen Stück „Photoptosis, Prélude für großes Orchester“ von Bernd Alois Zimmermann, einem Vertreter der Moderne, scheint sich dunkle Himmel etwas aufzuhellen.
Zimmermann hatte Farben im Sinn, Klangfarben, Farbfäden und Farbschichten, und die leuchten mitunter in der Musik auf. Dazwischen mischen sich aber auch Gerummel, Klirren, Scharren oder eine Art Gequassel. Mal sind fast reine Farben zu hören, dann wieder ein Gemisch. Gelegentlich meint man/frau sogar Vogelstimmen oder Regentropfen wahrzunehmen.

„Das Melodische ist völlig sekundär“, hatte Zimmermann zu „Photoptosis“ geäußert. Es sei „ein in die einzelnen Linien sukzessiv aufgelöstes Klanggeflecht.“ Allerdings hatte die Gelsenkirchener Sparkasse dieses Stück anlässlich eines Jubiläums bei ihm bestellt, und Zimmermann war klar, dass bei der Uraufführung am 19. Februar 1969 wohl kein Jubel ausbrechen würde.

„Vermutlich werden die Gelsenkirchener Sparkassenväter sehr erstaunt sein, was sie für ihr schönes Geld geboten kriegen“, sagte er, um – vielleicht grinsend – hinzuzufügen: „Aber das Schöne ist ja, dass auf diese Weise dann ein solches Stück zustande kommen kann.“  Dass es heutzutage dank der perfekten Farbmischungen durch Petrenko und den Berliner Philharmonikern gut aufgenommen wird, zeigt der kräftige Beifall danach.

Für die 25minütige „Symphonie Nr. 1“ von Witold Lutosławski legen sich Petrenko und das Orchester ebenfalls spürbar ins Zeug. Die vier relativ kurzen Sätze sind zumeist temporeich und werden auch so dargeboten. Schnauf- und Windgeräusche fallen auf, auch teils mächtige Klangentwicklungen. Das angeblich Misteriöse beim Allegretto im 3. Satz war jedoch kaum greifbar.  

Lutoslawski hatte diese Symphonie vor dem 2. Weltkrieg begonnen und konnte sie erst nach Kriegsende als „Gesellenstück“ fertigstellen. „Der Charakter der Symphonie ist heiter“, meinte der Komponist, obwohl sie „in den furchtbaren Kriegszeiten…realisiert wurde.“ Letzteres ist herauszuhören.

Insgesamt wirkt diese 1. Symphonie eher wie eine vitale Zusammenfassung vorheriger Musikstile und wird deshalb als „neoklassizistisch“ bezeichnet. Bei der Uraufführung 1948 in Kattowitz erhielt das Werk viel Beifall, und so ist es nun auch in der Berliner Philharmonie, wo sich Petrenko und die Seinen dafür eingesetzt haben.

Doch danach wird diese Betonung von Rhythmen und Tempo auch zur Richtschnur für die „Symphonie Nr. 2“ von Johannes Brahms. Immerhin steht die in D-Dur und wurde in glücklichen Sommertagen am Wörthersee und in nur vier Monaten komponiert. Für seine Erste hatte Brahms noch 23 Jahre benötigt.

„Der Wörthersee ein jungfräulicher Boden, da fliegen die Melodien, daß man sich hüten muß, keine zu treten!“  äußerte Brahms begeistert. In dieser angenehmen Umgebung hat er sich wohl auch weitgehend vom Titanen Beethoven freigeschwommen. Brahms Zweite ist die beliebteste seiner Symphonien und wird als pastoral, freundlich und heiter empfunden und nicht als  „liebliches Ungeheuer“, wie Brahms sie genannt hatte.  

Auch seine Worte „Ich habe noch nie so was Trauriges, Molliges geschrieben: die Partitur muss mit Trauerrand erscheinen“, mag dem von Natur aus melancholischen Brahms bei diesem Werk vermutlich niemand glauben. Schon beim „Gesangsmotiv“ gleich im 1. Satz, das mehrfach wieder auftaucht, ergeben sich Glücksgefühle.  

Dennoch scheint Petrenko einige Hemmungen zu haben, solche Gefühle und die weiteren Schönheiten dieser Symphonie auszumalen. Sportlich frisch wie die beiden vorangegangenen Stücke dirigiert er mit Ganzkörpereinsatz auch diese vom Sommer inspirierte „Pastorale“, und die Berliner Philharmoniker passen sich diesem Tempo selbstverständlich an. Bremst Omikron die genussvoll ausgebreitete Leichtigkeit aus?

Dennoch bringt Brahms Zweite trotz der Geschwindigkeit wieder Sonne ins Gemüt und macht Hoffnung auf bessere Zeiten. Genau das wird jetzt gebraucht. Das Publikum wirkt zuletzt echt glücklich und bedankt sich mit brausendem Beifall, der den Applaus für die beiden voran gegangenen Stücke weit übertrifft. Insgesamt ist es ein interessanter Konzertabend, und für den dritten Durchgang gibt es nur noch recht wenige Karten.   Ursula Wiegand  

 

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