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BERLIN/ Philharmonie: KIRILL PETRENKO dirigiert Mahlers „Neunte“

Berlin/Philharmonie: Kirill Petrenko dirigiert Gustav Mahlers Neunte, 15.05.2025

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Foto: Monika Rittershaus

Gustav Mahlers 9. Symphonie ist eine Herausforderung, für die Dirigenten und die Hörenden. Sie ist auch völlig anders als die anderen acht und eigentlich sehr tragisch. Dennoch wurde die Philharmonie am 14. und am 15. Mai von Menschen allen Alters gestürmt. Ob aber alle den eigentlichen Inhalt dieses Werkes verstanden haben?

Mahler (1860-1911), zuletzt schwer herzkrank, hat diese Symphonie nicht mehr korrigieren können, so wie er es bei den Vorgänger-Werken stets getan hatte, weiß Kirill Petrenko. Hören konnte Mahler seine Neunte auch nicht mehr, geschweige denn dirigieren. Sein musikalisches Testament zu interpretieren, sei eine besondere Herausforderung, betont Petrenko im Programmbuch. 

Da jedoch die Menschen unterschiedlich sind – die Hörenden, Musizierenden und Dirigierenden – kann das Resultat ebenso unterschiedlich sein. Und schon vorab lässt die Satzwahl bei Mahlers Neunter grübeln. 

Zu Beginn sogleich ein Andante comodo, lieblich und mit teils frühlingshaftem Waldessäuseln. Dann ein gemächlicher Ländler, der aber bald sehr derb, d.h. laut werden soll. Dem widmen sich Petrenko und die Berliner Philharmoniker mit der erforderlichen Bravour. 

Ähnlich entwickelt sich anschließend das zuletzt als „sehr trotzig“ bezeichnete Rondo-Burleske. Dabei hat Mahler vielleicht an seine Jugendjahre gedacht oder womöglich an seine anfangs glücklichen Jahre mit seiner Frau Alma. So also wird Mahlers Letzte auch zum Ratespiel. 

Schluss damit, mag der dann 50Jährige womöglich gedacht haben, denn der 4. Satz schildert, obwohl schon in Wien entstanden, einen kranken Mann, der sich zwar noch nach New York begibt, seine Neunte dort ins Reine schreibt und an der Met arbeiten soll und will.

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Foto: Monika Rittershaus

An sein baldiges Ende hatte er offensichtlich aber schon in Wien gedacht. Wie die Pharaonen baute er, allerdings musikalisch, rechtzeitig sein Grab. Zumindest der letzte Satz der Neunten ist bereits seine eigene Totenmesse. Das hat Petrenko erkannt, und die Berliner Philharmoniker haben es ebenso begriffen. 

Petrenko ist mit ihnen auf einem neuen Weg und widmet sich nun verstärkt auch den Gefühlen der Komponisten. Was schon neulich bei der in Berlin konzertanten „Madama Butterfly“ zu sehen und hören war, setzt sich nun sensationell bei Mahlers Neunter fort.

Alle Mitwirkenden denken jetzt offensichtlich nicht nur an ihre Noten, sondern auch an diejenigen, die das Stück in guten oder traurigen Zeiten komponiert haben. Wissen allein genügt nicht, Mitgefühl ist vonnöten. Die Geige von Konzertmeister Daishin Kashimoto steigt zuletzt auf die allerhöchste Höhe wie in den Himmel. 

Diese Darbietung war eine echte Sensation. Vor allem Kirill Petrenko ist es am Ende anzumerken, wie sehr er Mahlers Abschied verinnerlicht und den Hörenden offenbart hat.

Wäre eigentlich danach nicht Stille geboten? So reagiert das Publikum jedoch nicht. Das feiert heftig, durchaus zu Recht, Kirill Petrenko und die Seinen. Noch mehrmals zeigt er sich, als die Instrumentalisten die Bühne bereits verlassen haben. 

Dass ein solches sich Hineinversetzen in einen Menschen und dessen Werk auch Kraft kostet, ist Petrenko anzumerken. Doch er lächelt glücklich, verbeugt sich mehrfach und bedankt sich bescheiden beim begeisterten Publikum.    Ursula Wiegand

 

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