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Berlin/ Philharmonie: ATTILA konzertant

22.06.2013 | KRITIKEN, Oper

Berlin/ Deutsche Oper: Viva Verdi mit „ATTILA“, konzertant in der Philharmonie, 21.06.13


Liudmyla Monastyrska. Foto: Bettina Stöss

 Vermutlich hatten die meisten Musikfreunde wegen Erwin Schrott ein Ticket für diese kaum bekannte Verdi-Oper erworben, die wegen Bühnenarbeiten konzertant in der Philharmonie dargeboten wurde. Die wenigen, die wegen seiner Absage nicht gekommen sind, haben jedoch eine Wiederentdeckung und ein Belcanto-Fest vom Feinsten verpasst.

Denn unter den Händen von Pinchas Steinberg blüht dieses Werk – komponiert nach dem erfolgreichen „Nabucco“ – in aller ihm innewohnenden Schönheit auf, so dass sich wohl viele Zuhörer fragen, warum „Attila“ alsbald dem Vergessen anheim fiel.

War das Werk mit seinem indirekten Einigungsappell an die zerstrittenen Italiener – nach der umjubelten Uraufführung am 17. März 1846 am Teatro La Fenice zu Venedig – inhaltlich nicht mehr angesagt, als das Land 1861 – auf den Tag genau 15 Jahre nach dieser Uraufführung! – zum Königreich Italien aufgerufen wurde? Oder galt es mit nur einer Frauenrolle als zu maskulin?

In der Tat lohnen sich solche Ausgrabungen oft nicht, doch diese Verdi-Oper gehört auf den Spielplan! Ihre hineinkomponierte Dramatik, die Spiegelung des Geschehens durch exquisite musikalische Behandlung der Ereignisse und Gefühle, die Harmoniewechsel, die Variationen in der Instrumentierung – das ist der ganze Verdi.

Steinberg dirigiert das tadellos präsente Orchester der Deutschen Oper Berlin dem Sujet entsprechend temperamentvoll und teilweise zackig. Das Drama kündigt sich gleich anfangs im düsteren Fortissimo an und wird alsbald vom Chor (einstudiert von William Spaulding) klangmächtig aufgenommen. Im Verlauf der Handlung sind die Chöre immer wieder die treibende Kraft und lassen in der Gestaltung der Geschehnisse keine Wünsche offen.

Genau das und mehr als das gilt für Liudmyla Monastyrska als Odabella, für mich der absolute Star dieses Abends. Tolle Frau, tolle Stimme. Die steht tatsächlich „ihren Mann“! Ihr umfänglicher Sopran gibt alles an Empfindungen her, da sitzt jeder Ton, da stimmt jede Nuance. Ein Organ, das mühelos über Oktaven springt, doch auch der weichen, zärtlich gurrenden Töne fähig ist.

Frau Monastyrska ist die geborene Feindin mit entsprechender Mimik. In der Londoner Nabucco-Premiere war sie als Abigaille die Gegnerin des Eroberers Nebukadnezar (gesungen von Domingo). Hier agiert sie wie eine Rachegöttin. Denn Attila hat ihren Vater, den Herrscher von Aquileia, ermordet. Mit dem Schwert kämpft diese Amazone gegen den Hunnenkönig, dem soviel Mut imponiert. Sie darf einen Wunsch äußern und wünscht sich ein neues Schwert. Großmütig gibt er ihr seines. Das wird sie ihm letztlich ins Herz stoßen.

Und Roberto Tagliavini als Attila? Kurzfristig ist er für Erwin Schrott eingesprungen und nutzt seine Chance. Der ist weit mehr als ein Ersatzmann, das wird schnell deutlich. Der junge Bassist, der 2005 in Parma debütierte, erweist sich auch in dieser zweiten und letzten Attila-Aufführung als Interpret von Format.

Nachdrücklich und nuancenreich schlägt er aus seiner Rolle Funken, bringt überzeugend den kühnen Hunnenkönig als Geißel Gottes, aber auch als Ehrenmann (ja, ja), der sein Wort hält. Ein böser Traum kündet ihm sein Ende an. Jetzt spricht Angst, später Trotz aus seiner Stimme. Eine bravouröse Leistung, durch Gesten unterstrichen. Mehrfach erhält er Zwischenbeifall und Bravos.

Über solch eine vorzeitige Würdigung kann sich auch Massimo Giordano als Foresto freuen, der Landsmann und Geliebte von Odabella. Das Auf und Ab seiner Gefühle gestaltet er mit seinem „typisch italienischen“ Tenor, bringt Zärtlichkeit, Wut und Enttäuschung gleichermaßen tonschön zum Ausdruck.

Doch es ist nicht die Zeit für Liebe und Eifersucht, warnt Ezio, der nichts als sein Italien und den Sieg über Attila im Auge hat, was Dalibor Jenis mit virilem Herrscher-Bariton sattsam beglaubigt. Auch er wird schon vorab gefeiert.

Indessen hat der sieggewohnte Hunnenkönig einen Angsttraum. Ein alter Mann warnt ihn vor dem Angriff auf Rom und sagt ihm sein Ende voraus. Tagliavini singt das mit todesfahler Stimme, während Ezio und Foresto als Gäste (!) auf seinem Waffenstillstandsfest Gift in seinen Wein mischen. Doch Odabella warnt Attila. Nicht aus plötzlicher Zuneigung. Sie allein will Rache üben, ihr Schwert soll Attila töten.

Attila, nicht ahnend und voller Dankbarkeit, will seine Lebensretterin sogar zur Frau nehmen, aber sie entweicht ihm, Ezios Heere stürmen heran, und sie bohrt dem Getäuschten lustvoll das Schwert ins Herz. (Im Internet finden sich Hinweise, dass Attila in seiner Hochzeitsnacht mit der Gotin Ildikó an einem Blutsturz gestorben sei).

Solch ein medizinisches Ereignis wäre nicht sehr operntauglich, und so ist Attilas Ende hier dramatisch zugespitzt und wird großartig gesungen. Von drei gut aussehenden Sängern und einer schönen, überragenden Frau. Nur zwei sind echte Italiener, aber alle bieten Belcanto vom Besten und zelebrieren ein fabelhaftes „Viva Verdi“.

In den Nebenrollen behaupten sich Jörg Schörner als Attilas Vertrauter Uldino und Ante Jerkunica als Leone, der als Papst Leo, Bischof von Rom, Attila mahnend entgegentritt. Eine geschichtlich gesicherte Tatsache. Die Wendung hier lautet: Geißel Gottes darf Attila sein, Rom erobern darf er nicht.

Warum aber der Hunnenkönig den germanischen Gott Wotan verehrt, gehört zu den Ungereimtheiten im Libretto von Temistocle Solera und Francesco Masria Piave (nach einem Text von Zacharias Werner). Schwamm drüber. Diese Aufführung ist neben „Peter Grimes“ das Highlight der Saison, und nur das zählt.

Bravos, Begeisterung und „standing ovations“ überschütten schließlich alle Beteiligten, mit besonderer Phonstärke jedoch den Dirigenten, den Chor und seinen Leiter, Liudmyla Monastyrska und Roberto Tagliavini. Ihm gilt zu Recht der besondere Dank des Publikums. Der bescheidene Bassist lächelt fast verlegen und kann sein Glück kaum fassen. Womöglich ist das der Start in eine internationale Karriere.

Ursula Wiegand

 

 

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