Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN/ Komische Oper: PIERROT LUNAIRE – Depressionsdusche und Clowneskes mit Dagmar Manzel


Berlin/ Komische Oper: „PIERROT LUNAIRE“, Depressionsdusche und Clowneskes mit Dagmar Manzel, 05.10.2020

Wegen Dagmar Manzel, die an der Komischen Oper Berlin schon viele und ganz unterschiedlich Rollen innehatte, sind wohl fast alle zu dieser zweiten Vorstellung gekommen und haben wegen des Titels „PIERROT LUNAIRE“ vermutlich eine lustige, aufheiternde Clownsgeschichte erwartet.

Kritik - "Pierrot Lunaire" in Berlin: Dagmar Manzel glänzt in der  Dunkelheit | News und Kritik | BR-KLASSIK | Bayerischer Rundfunk
Dagmar Manzel. Foto: Monika Rittershaus

Doch anfangs ist genau das Gegenteil der Fall. Beim ersten der drei Monodramen wird der Saal dunkel, dann erfolgt ein krasser Knall, und auf dem  tiefschwarzen Vorhang erscheint nichts anderes als ein grell geschminkter Mund. Dem entweichen – zwischen den in starkes Licht getauchten roten Lippen und den weißen Zähnen – gehetzte Wortfetzen und Silben.

So spricht eine Frau, die es sehr eilig hat, die den herannahenden Tod fühlend, keine Sätze mehr formulieren kann. Nur manchmal durchbricht den Wortsingsang ein Schreien. „Was? – Wie? – Ich? – Nein! – Sie!“. Diese Frau – Dagmar Manzel – will nicht zugeben, dass Sie Bruchstücke aus ihrem eigenen Leben erzählt.

„Nicht ich“ heißt dieses Stück von Samuel Beckett, das am 22. Nov. 1972 in New York City uraufgeführt wurde und hier in deutscher Übersetzung zu erleben ist. Verständlicher wird es dadurch kaum, soll es wohl im Sinne Becketts auch nicht werden und wirkt wie ein archaisches Klanggebilde.

Im Programmheft ist zu lesen, dass Beckett bei den Proben zur Uraufführung den Kopf der Interpretin Jessica Tandy, die schwarz gekleidet in einer Box stand, sogar mit einem Gurt fixieren wollte, damit ständig nur der Mund angestrahlt würde.

Das aber lehnte die Schauspielerin ab und musste beim Text einen Teleprompter zu Hilfe nehmen. „Die Proben und die Aufführung von Nicht ich beschrieb sie als eine schreckliche Erfahrung“, steht wörtlich im Programmheft.

Ähnlich ergeht es wohl einigen Besucherinnen und Besuchern an diesem Abend. Becketts „Warten auf Godot“ mit Samuel Finzi und Wolfram Koch im Deutschen Theater Berlin ist so gesehen das reinste Lustspiel. Dagegen wird „Nicht ich“ zur Depressionsdusche, passt aber leider genau zu der Tatsache, dass das Umfeld der Komischen Oper, der Bezirk Berlin-Mitte, zum Corona-Risikogebiet erklärt wurde.

Bewundernswert ist jedoch Dagmar Manzel, die sich den schwierigen Text, der eigentlich keiner ist, angeeignet hat und ihn so facettenreich wie möglich darbietet. Sie allein trägt ohnehin den ganzen Abend, und so ist er von Barrie Kosky, Regisseur und Intendant in einer Person, gestaltet worden.

Opern-Kritik: Komische Oper Berlin – Pierrot Lunaire
Dagmar Manzel. Foto: Monika Rittershaus

Anschließend muss das Publikum mit Samuel Becketts „Rockaby“ von 1981 noch eine weitere düstere Sterbeszene ertragen. Im langen schwarzen, mit Perlen besetzten Festkleid früherer Tage sitzt nun Dagmar Manzel als alte Frau im Schaukelstuhl und wippt wie im Herzschlagrhythmus. Ihre Stimme kommt aus dem Off.

Das angebliche Öffnen und Schließen der Fenster, gefolgt vom Hinuntergehen in den Keller wird zum Mantra. Kein Blick, keine Geste unterbricht diesen Abschied von einem offenbar sehr einsamen Leben. Nie hat diese Frau einen Menschen aus den Fenstern im Haus gegenüber schauen sehen.

Eigentlich geht es um ein Baby, das oben in einem Baum schaukelt und dann zusammen mit seiner Wiege hinunterfällt. Ein makabrer Text. Nur wenn der Schaukelstuhl aufhört zu wippen, ist ein „mehr“ aus dem Mund der alten Frau zu hören. Sie will noch nicht sterben, findet sich aber später damit ab. „Ich finde es sehr beängstigend, das zu spielen. Und ich finde es unendlich einsam, das zu spielen“, gestand Billie Whitelaw, die Schauspielerin der Uraufführung.

Brauchen wir so etwas gerade jetzt? Doch das Publikum, vorwiegend bestehend aus Manzel-Fans, hält wacker durch und kann immerhin mit der an diesem Haus noch sehr beruhigenden Abstandswahrung von mindestens 1,50 Metern zufrieden sein. Andere Häuser praktizieren bereits die erlaubte Verkürzung auf 1,00 Meter mit der Folge, dass auch während der Vorstellungen Mund-Nasenschutz-Masken getragen werden müssen. Seitens der Kulturverantwortlichen war das wohl die falsche Lockerung zur falschen Zeit.

Doch wegen  „Pierrot Lunaire“ lohnt sich letztendlich das Ausharren. Es ist die Geschichte vom traurigen Clown, der vergeblich eine schöne Frau liebt und nur den Mond als Tröster hat. Endlich wird es auch auf der von Valentin Mattka gestalteten Bühne hell. Tatkräftig rollt Dagmar Manzel im burschikosen Matrosenanzug (Kostüme Katrin Kath) ein Bett mit einem kleinen Plüschteddy von hinten an den Bühnenrand, ist dann mal in oder unter demselben tätig.  

Endlich gibt’s auch Musik. Unter der Leitung von Christoph Breidler ertönt das Melodram op. 21 von Arnold Schönberg aus dem Jahr 1912, gespielt von fünf Instrumentalisten/innen der Komischen Oper. Der Komponist war zu jener Zeit noch kein radikaler Zwölftöner. Dagmar Manzel interpretiert die ins Deutsche übersetzten Gedichte von Albert Giraud im  variablen Hinauf-Hinab-Sprechgesang, mal frech und lustig, mal nachdenklich und traurig. Das wird zur Glanzleistung, so konnte sie sich bisher noch nie zeigen.

Schon lange wollte sie den Pierrot Lunaire (bekannt geworden aus dem französischen Film „Die Kinder des Olymp“) spielen, und Barrie Kosky, der schon viele Jahre mit ihr zusammenarbeitet, hat ihr diesen Wunsch gerne erfüllt. Als Gegengabe liefert sie ein kleines funkelndes Wunderwerk aus Schauspiel- und Stimmkunst.  Ursula Wiegand

Weitere Termine:  11., 13. und 20. Oktober sowie am 06. November 2020

 

 

Diese Seite drucken