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BERLIN/ Komische Oper: ORPHEUS – ein Volltreffer

20.10.2012 | KRITIKEN, Oper

Berlin, Komische Oper: „ORPHEUS“, ein Volltreffer, 19.10.2012

Von Ursula Wiegand

Ja, so muss ein Orpheus sein – jung, fit und mit prächtigen Bariton wie der in Heidelberg geborene Dominik Köninger. Der hat Bühnenpräsenz und Schauspieltalent, der verkörpert agil und glaubwürdig den Sänger, der nicht nur die schöne Eurydike erobert, sondern selbst Steine mit seinen Liedern zum Weinen bringt.

Sich zu entfalten, macht ihm Barrie Kosky, Regisseur und neuer Intendant der Komischen Oper Berlin, relativ leicht. Er verpasst Claudio Monteverdis erster Oper gleichen Namens, uraufgeführt 1607 in Mantua, ein musicalähnliches kunterbunt-frisches Outfit und reichert das Geschehen mit Ballett und allerlei Schabernack an.

Komparsen lassen bei den ersten Takten Tauben – an langen Stöcken mit Fäden befestigt – über den Köpfen der Zuschauer kreisen. Die klatschen erfreut und lassen sich gerne in die ferne Sagenwelt versetzen. Insgesamt wird das Geschehen in den pausenlos folgenden 2 ½ Stunden keine Minute langweilig, bleibt aber nicht an der Oberfläche. Schon die Todes-Marionette mit dem zarten Kopf, die Frank Soehnle von Anfang an und immer wieder über die Bretter führt, verweist auf die dem Stück innewohnende Tragik.

Auch den Liebesgott Amor, hier in der Rolle der Musik – eine Idee Koskys – kommt ins Spiel. Den gibt Peter Renz im roten Kleidchen und mit geschmeidigem Tenor. Die barocken Koloraturen gelingen ihm von allen am besten.

Amor hat hier ein leichtes Spiel. Mit Jubel, Trubel, Heiterkeit im strotzend tropischen Umfeld (Bühnenbild: Katrin Lea Tag) feiert eine aufgekratzte Gesellschaft die Hochzeit des jungen Paares. Es fehlt auch nicht an Tänzern in Fellhosen mit Schwänzen wie lüsterne Böcke und an hübschen Damen oben ohne (Kostüme: Katharina Tasch und Katrin Lea Tag). Glücklich schwenkt Orpheus die zarte Eurydike mit dem schönen Zwitschersopran (Julia Novikova) auf den Armen und singt dennoch mit kraftvoller Stimme. Doch der Tod ist unbemerkt von den Fröhlichen mitten unter ihnen.

Während sich Orpheus in lustiger Runde wie beim Junggesellenabschied vergnügt, kommt die bekannte Unglücksbotschaft: Eurydike, von einer Schlange gebissen, ist tot. Wie nun die Stimmung kippt, sich Entsetzen und Trauer in der Menschenmasse ausbreiten, ist überzeugend inszeniert, und wird auch in der Musik deutlich.

 Denn diese, lückenhaft überliefert ohnehin, stammt hier nicht allein von Monteverdi, sondern erhält durch die usbekische Musikerin Elena Kats-Chernin auch einen heutigen internationalen Sound. Sie setzt beispielsweise E-Gitarre, Akkordeon, Bandoneon, Cimbalon und Djoze ein. (Letztere ist ein orientalisches Instrument, hergestellt aus einer halben Kokosnuss, die mit einem Spieß versehen aufs Knie gestellt und mit einem Bogen gestrichen wird. Daher auch der Name Kniegeige).

Trotz dieser Zutaten hören wir dennoch Monteverdi und den noch von Renaissance-Madrigalen beeinflussten Klang seiner „Musik-Fabel“, die beim konzentriert aufspielenden Orchester der Komischen Oper unter dem jungen André de Ridder in besten Händen ist. Als hilfreich erweist sich in diesem Zusammenhang auch die deutsche Textfassung von Susanne Felicitas Wolf.

Orpheus, von der Todesmarionette umschlungen, ist nun allein, und sein Gesang erinnert in der Tonfolge tatsächlich an orientalische Trauerklänge. Begleitet vom hilfreichen Amor macht er sich auf, um die Geliebte aus der Unterwelt zurückzuholen. Die langen Passagen, mit denen er den Fährmann Charon (Stefan Sevenich) erweichen will, ihn über den Fluss Styx in den Hades zu lassen, gelingen Köninger anrührend und überzeugend.

In der Unterwelt appelliert Proserpina (gut gesungen von Theresa Kronthaler) erfolgreich an den Gatten Pluto (Alexey Antonov), Eurydike dem Orpheus zurückzugeben. Ein zweites Liebespaar im Hades!

Wie wir wissen, lässt sich Pluto erweichen, und Eurydike kommt herbei. Doch statt ihrer leuchtenden Augen, für die Orpheus schwärmt, trägt sie bereits starre Todesaugen. Ein perfekt gesetztes Zeichen dafür, dass ihr Leben und ihre Schönheit auf immer dahin wären, selbst wenn sich Orpheus nicht zu ihr umgedreht hätte.

Der ist jetzt noch mehr ein Verzweifelter, der rastlos, aber mit Power, von einer Bühnenseite zur anderen eilt und quasi das Publikum singend um Hilfe anfleht. Eine kleine Eurydike-Marionette, die ihm ewiges Leben verspricht, beruhigt ihn zärtlich. Er folgt der Geliebten in die Unterwelt und ertränkt sich im Styx.

Insgesamt ist dieser „Orpheus“ ein Volltreffer, und das Publikum bedankt sich mit begeistertem Applaus, vor allem auch bei den von André Kellinghaus geleiteten Chören des Hauses und dem Dirigenten. Verdiente Bravos belohnen Dominik Köninger.

Ursula Wiegand

Weiterer Termin im Rahmen von Barrie Koskys Monteverdi-Trilogie am 4. November.

 

 

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