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BERLIN/ Komische Oper: „ŒDIPE“ von George Enescu,  ein grandioser Saisonauftakt

Berlin/ Komische Oper: „ŒDIPE“ von George Enescu,  ein grandioser Saisonauftakt, 29.08.2021

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Jens Larsen, Leigh Melrose. Foto: Monika Rittershaus

Welch eine großartige Musik strömt sogleich durch die Komische Oper Berlin! Ungewohnte und vertraute Klänge mischen sich und nehmen sofort gefangen. Dieses faszinierende Klangbild hat der rumänische Geigenvirtuose und Komponist George Enescu in mehr als 25jähriger Arbeit entwickelt und daraus seine einzige Oper „ŒDIPE“ komponiert, die 1936 in Paris uraufgeführt wurde.
Vieles vereinigt sich in dieser Partitur: Volksliedhaftes aus Enescus Heimat, sanfte Moderne mit vierteltönigen Passagen, außerdem Spätromantisches mit Impressionismus-Flair, vermutlich aufgesogen während seiner Studienjahre und Aufenthalte in Paris. Immer wieder fällt auch das archaische Musikerbe Südosteuropas auf und passt genau zu diesem Drama aus dem antiken Griechenland, geschrieben von Sophokles um 425 vor Christus.  

Denn hinter der dem Operntitel „ŒDIPE“, verbirgt sich Ödipus, der König von Theben, und dem kann man/frau in Berlin jetzt mehrfach begegnen. Die Deutsche Oper hat mit „Greek“ gerade eine recht freche Überschreibung auf ihr Parkdeck gestellt. Das Deutsche Theater Berlin hält sich dagegen eher ans klassische Original, ohne jedoch auf Musik zu verzichten. Die Schaubühne startet am 19. September sogar mit einer Uraufführung von Ödipus.   

Der junge russische Regisseur Evgeny Titov geht an der Komischen Oper einen eigenen Weg und verwendet die nach Sophokles gefertigte Dichtung von Edmond Fleg für Enescus, „Tragédie lyrique“ genannte Ödipus-Version. Markant läutet sie die letzte Spielzeit von Barrie Kosky an diesem Haus ein.

Pandemiebedingt haben Titov und Chefdirigent Ainārs Rubiķis dieses Werk auf knapp 2 pausenlose Stunden gekürzt. Als Besonderheit umfasst es jedoch das ganze Leben von Ödipus, von der Geburt bis zum Tod.

Schon beim Auftakt sitzt der weiß gekleidete Ödipus links vorne auf der Bühne. Rubiķis lässt die Musik aufrauschen, fast überwältigt er – gemeinsam mit dem Orchester des Hauses das Publikum in dem nach Schachbrettmuster besetzten Saal. Aus dem zweiten Rang singt der Chor verstärkt durch das Vocalconsort Berlin. Auch der Kinderchor ist im Einsatz. An musikalischer Vielfalt ist wirklich kein Mangel.

Überwältigend in seinem Können ist ebenfalls der britische Bariton Leigh Melrose in der Titelpartie, ein Spezialist für die Opern des 20. Jahrhunderts. Von Anfang bis Ende trägt er dieses Werk mit seiner facettenreichen Stimme und seiner immensen Schauspielkunst.

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Leigh Melrose. Foto: Monika Rittershaus

Zwei Bässe aus Osteuropa fallen ebenfalls auf: Vazgen Gazaryan und Shavleg Armasi. Das heimatlich Authentische ist noch herauszuhören. Diese beiden kraftvollen Bässe passen bestens zum düsteren Geschehen in Enescus Oper. Der Bariton Joachim Goltz als Creon hat in dieser verknappten Variante nur wenig zu singen. Generell sind die Gesangsleitungen aller Beteiligten auf einem sehr lobenswerten Niveau.      

Das  Werk beginnt mit einer stöhnenden, sichtlich hochschwangeren Frau auf der äußerst kargen, mit grauen Aluminiumplatten und einer Grube ausgestatteten Bühne (Bühnenbild Rufus Didwiszus).  Es ist die Königin Jocaste, verkörpert von der Mezzosopranistin Karolina Gumos, die hier, zuletzt abgeschirmt von den Thebanern, ein Kind entgegen dem Götterwillen zur Welt bringt. Den Ödipus.  

Das Volk jubelt, doch es ist ein sonderbares Baby mit einem Altmännerkopf, der aber niemandem aufzufallen scheint. Ein früher Hinweis auf sein Schicksal, das ihm sogleich von dem alten blinden Seher Tirésias, vom Bass Jens Larsen, mit grauslichem Ernst vorausgesagt wird: dieser Junge wird später seinen Vater umbringen und seine Mutter heiraten.

Allgemeines Entsetzen, auch beim Königspaar Jocaste und Laios (Christoph Späth). Der gerade noch stolze Vater will den Kleinen sofort töten lassen. Der Junge wird ausgesetzt, damit die Tiere das tun. Doch ein Hirte findet ihn und bringt dieses Baby an den Hof von Korinth, wo Königin Merope (Susan Zarrabi), annehmend es sei ihr leiblicher Sohn, ihn liebevoll aufzieht.

Als Gerüchte aufkommen, wandert Ödipus nach Delphi, wo ihm das Orakel sein bisher unbekanntes Schicksal offenbart. Erschreckt flieht er aus Korinth, um seine vermeintlichen Eltern zu schonen. Unterwegs tötet er einen Angreifer – es ist sein ihm unbekannter Vater – und besiegt sogar die Schicksalssphinx. Beim Herablassen eines langen Rollos, vielleicht einer Himmelsleiter, erscheint sie in Gestalt von Katarina Bradić, die ähnlich wie die Turandot alle Männer umbringt, die ihre Frage nicht beantworten können.

Bei ihr lautet diese, mit selbstbewussten Mezzo vorgetragen: „Was ist größer als das Schicksal? „Der Mensch“, ruft Ödipus mehrmals und hat damit die Sphinx besiegt. Das Rollo faltet sich wieder zusammen und wird zur Bühnendecke hochgezogen. Ödipus fühlt sich befreit vom Fluch, doch das ist ein Irrtum. Sein Schicksal nimmt weiter seinen unerbittlichen Lauf.

In dem vom Blut des Vaters bekleckerten Hemd kommt Ödipus in Theben an. Königin Jocaste, laut Text die „mit den zarten Armen“, erscheint als aparte Witwe im eleganten schwarzen Spitzenkleid (Kostüme: Eva Dessecker). Der junge stattliche Fremde gefällt ihr sofort, lüstern hebt sie den Rock und spreizt ihre langen schlanken Beine.

Schnell wird geheiratet, und das von der Pest geplagte Volk sieht in Ödipus den Retter. Sehr selbstbewusst gibt sich dieser König, und ebenso klingt nun der Bariton von Leigh Melrose.

Solange bis wieder der alte blinde Tirésias auftaucht und vor dem Volk Ödipus für die Pest verantwortlich macht. Er habe vor Jahren seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet. Vier Kinder sind aus dieser Ehe hervorgegangen. Dass Ödipus das unwissentlich tat, spielt überhaupt keine Rolle.

Wütend wirft Ödipus den Seher rüde zu Boden, Jocaste begeht Selbstmord, und Ödipus reißt sich verzweifelt beide Augen aus, um sich zu bestrafen. Doch selbst das befreit ihn nicht von seinen Schuldgefühlen.

Von seiner Tochter Antigone, der Sopranisten Mirka Wagner, liebevoll geführt, macht sich nun Ödipus wankend auf den langen letzten Weg nach Kolonos bei Athen, wo er im heiligen Eumenidenhain um die Erlösung von seinem leidvollen Leben bitten will.

Der Eintritt wird ihm verweigert. Dort gelangt er jedoch zu der Erkenntnis, dass der ewige, sinnlos erscheinende Kampf gegen das Schicksal Ziel und Bestimmung des Lebens sei. Regisseur Titov drückt es im abgedruckten Interview so aus: „Der aussichtslose, aber beharrliche Kampf gegen das eigene Schicksal ist per se ein Sieg.“ Diese zuletzt errungene Überzeugung lässt Ödipus friedlich sterben.

Fazit: Intendant Kosky hat mit diesem sehr selten gespielten Werk einen Saisonbeginn mit Anspruch gewählt. Erstmals seit 20 Jahren ist es wieder in Berlin zu erleben. Vom zu recht begeisterten Publikum wird es mit heftigem Beifall bedacht. Weitere Termine am  2., 7., 11. und 26. September.

Ursula Wiegand

 

 

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