Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN / Komische Oper im Schillertheater: IN FRISCO IST DER TEUFEL LOS – Heiteres Musiktheater in vier Akten 1962

BERLIN / Komische Oper im Schillertheater: IN FRISCO IST DER TEUFEL LOS – Heiteres Musiktheater in vier Akten 1962; 30.12.2025

„Seemann, hast Du mich vergessen“: Ost-Berliner West-Coast-Blues im windigen Immobilienmilieu

jpoi
Copyright: Monika Rittershaus

Das war es also, das Heitere Musiktheater der DDR. Begriffe wie Operette oder Musical im engeren Sinn verbieten sich angesichts des irgendwie hantigen Mischmaschs aus üppigem Big Band Sound, deutschhaspelnd imitierten Broadwaysongs, mexikanischen Rhythmen, Stepptanz und immer wieder sehr deutsch klingenden chorischem Rostock-Ostseemannsgarn.

Es war, bitte nicht zu vergessen, die Zeit des Mauerbaus (August 1961), von der wie hier sprechen. Die Vorgeschichte des Guido Masanetz Hits „In Frisco ist der Teufel los“ reicht allerdings ins Jahr 1956, als die Vorläuferversion „Wer braucht Geld?“ über die Bühne des Metropol Theaters ging. Dann überarbeitete Maurycy Janowski das Libretto von Otto Schneidereit und fertig war dieses bis 1989 in über 70 Inszenierungen in der DDR, aber auch der Slowakei, Ungarn und Polen über 1000-mal aufgeführte und damit ungemein erfolgreiche Stück.

Inhaltlich galt es – wie Komponistenwitwe Sibylle Masanetz anschaulich zu schildern weiß – einen großen Bogen um die Gegenwartsstoffe aus dem sozialistischen Alltag zu machen. Also finden wir uns in den Begehrlichkeiten rund um das Hotel Nevada im Hafenviertel von San Francisco und die unsympathische amerikanische Immobilienhai-in Xonga Miller, die sich auch noch das letzte Grundstück am San Franciscoer Hafen einverleiben will.  Aber auch knifflige Erbschaftsfragen werden abgehandelt, denn das ach so kapitalistische Recht kennt außer dem Thema Erbschaftssteuer (das hier ausgespart wird) allerlei Tücken in Form von verschuldeten Liegen- und Verlassenschaften. Eine bedingte Erbantrittserklärung gab es damals offensichtlich noch nicht. Westliche Dekadenz eben.

Der unerwartete Erbe des Hotels ist der Bootsführer Anatol Brown, der aus dem Hotel ein Heim für alte Matrosen und Seemänner machen will. Dazu muss er aber bis Mitternacht 10.000 Dollar auftreiben, um die Gläubigerin X. Miller auszuzahlen. 

Da es ein DDR-Stück à la Hollywood ist, geht es natürlich moralisch sauber gut aus. Und attestiert damit dem systemisch so kritisierten Westen ein gar positives Zeugnis gesellschaftlichen Zusammenhalts. Denn die Spenden sprudeln in solidarischer Eintracht. Das Pfand ist gelöst. Daher darf Klabautermann Jonas als erster sein neues Zimmer beziehen. Anatol Brown bekommt seine süße Bardame Virginia, die Bürgermeisterin Chica ihren Steuermann Kay und der zwielichtige Schuft Ben Benson macht bei so viel allgemeinem Wohlwollen gute Miene zum „bösen“ Spiel.

Insgesamt erweist sich „In Frisco ist der Teufel los“ als gar harmloser Kalauer auf gesellschaftskritische Fragen. Die adressierten Themen wären gerade heute wieder aktuell, sind aber in Form einer solch unbedarften Farce kaum mehr verhandelbar.

Damit das ganze Ausgrabungsunterfangen nicht zur bloßen musealen Übung gerät, hat die Komische Oper im geschickten (halb)szenischen Arrangement von Martin G. Berger und mit Hilfe der Dramaturgin Sophie Jira die Figuren zeitgeschichtlich aktualisiert. 

jpo
Copyright: Monika Rittershaus

Da wird vor allem aus dem Cruella-Verschnitt Xonga Miller eine machtgeile, und dennoch verhärmt-verdruckst Anatols Erotik herbeisehnende Rechtsaußenfrau nach Muster der Elons und Donalds dieser Welt. Christoph Marti darf hier wieder eine seiner glamourösen Frauengestalten auf die Bühne hieven, wenngleich sich die arrogante Macht des Geldes stimmlich nicht mehr widergespiegelt findet. In einem kurzen Auftritt als Irrenarzt Dr. Spinner diagnostiziert Marti bei Anatol die unheilbare Krankheit eines „empathischen Idealisten“. Natürlich gehören solche Leute aus Sicht eines knallharten Kapitalisten oder ihrer weiblichen Pendants weggesperrt.  

Am ehesten treffen den richtigen leichtgängigen Musical-Ton Alexander von Hugo als Anatol Brown und Sophia Euskirchen als kecke Virginia. Tobias Koch darf als Kay die Steppnummer beim Schlussapplaus als Encore wiederholen. Alma Sadé gibt die bürgerlich anständige Chica mit streng toupierter Frisur und Christoph Späth als Kabinettstück den schmierigen, mafios durchtriebenen Ben Benson, der Xonga Miller hörig aus der Hand frisst. Hans Gröning als rauer Seemann Jonas, Yauci Yanes Ortega, Jan-Frank Süße und Sascha Borris als erster, zweiter und dritter Irrenwärter ergänzen ein spielfreudiges, eher darstellerisch denn sanglich leuchtkräftiges Ensemble.

Kai Tietje dirigierte das in großer Formation angetretene Orchester und den diesmal eher schlampig agierenden Chor der Komischen Oper mit Schwung und Witz. Kurzer, heftiger Applaus.

Fotos: Monika Rittershaus

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken