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BERLIN/ Komische Oper: DIE ZAUBERFLÖTE – ganz zauberhaft. Premiere

26.11.2012 | KRITIKEN, Oper

Berlin, Komische Oper, Premiere. „Die ZAUBERFLÖTE“ ganz zauberhaft, 25.11.2012

Mozart im Doppelpack am letzten Wochenende in Berlin – und welch gravierende Unterschiede! Nach dem lendenlahmen Versuch, eine Jugendoper von Wolfgang Amadeus zu beleben, bringt nun die Komische Oper mit einer neuartigen märchenhaften Version der „Zauberflöte“ ein wahres Wunder zustande.

Möglich macht das die britische Theatergruppe „1927“, bestehend aus Suzanne Andrade und Paul Barritt. Mit ihren fantasievollen Stücken touren die beiden jungen Leute bereits durch die ganze Welt. Vor rd. drei Jahren hat Barrie Kosky ihre erste Show gesehen und war dermaßen animiert, dass ihm sofort der Gedanke kam, „1927“ für die „Zauberflöte“ zu engagieren.

Warum „1927“? Der Name bezieht sich auf die Premiere des Tonfilms in den USA, damals eine Sensation mit Zukunftswirkung verglichen mit den bis dato gespielten Stummfilmen. Die hiesige Inszenierung von Suzanne Andrade und Barrie Kosky entwickelt daraus eine spritzige Mischung aus Stumm- und Tonfilmelementen und einen insgesamt kunterbunten, herzerfrischenden Opernabend.

Comic und Kino mit Mozart-Musik. Das Publikum gluckst schon in den ersten Minuten vor Vergnügen, doch auch die dem Werk innewohnende Tragik des Alleinseins wird keinesfalls übertüncht. Diese Version ist keine einzige Minute langweilig, auch nicht für diejenigen, die diese meistgespielte deutsche Oper schon oft erlebt haben.

Vor einer großen Leinwand, die die gesamte Bühne ausfüllt, betätigen sich die Sänger und nehmen darstellerisch ihre Chancen mit „Spaß an der Freud’“ umfassend wahr. Oft stehen sie dabei auf kleinen Podesten hoch vor der Leinwand.

Auf der ziehen ständig Blüten, Girlanden, sanfte Fische, Plappermäuler, böse Höllenhunde und tanzende Noten vorüber, ohne dass es zu unruhig wird oder von der Musik ablenkt. Im Gegenteil, alles schwebt genau im Takt, mal lustig, auch mal bedrohlich. Mozart heutig, mit Feingefühl und Humor.

Ein recht kühner Kunstgriff sei ebenfalls erwähnt: Das Schweigen des Orchesters an einigen Stellen. Dann wird Mozart-Musik live auf einem Flügel gespielt. In diesen intimen Momenten können sich die Arien besonders schön entfalten.

Statt der Dialoge, die bei konservativen Aufführungen recht altbacken wirken, stehen nach Stummfilmart Riesenbuchstaben auf der Leinwand, z.B. „Wo bin ich?“ oder „wer bist Du?“ So bleibt das Geschehen flott in Fahrt.

Schon die drei Damen der Königin der Nacht gewinnen das Publikum auf Anhieb. Gekleidet in Kostümen und runden Hütchen – eine mit der Zigarettenspitze in der Hand – verkörpern sie die Zwanziger Jahre in Berlin (Bühne und Kostüme: Esther Bialas). Die pointierte Gesangsleistung von Ina Kringelborn, Karolina Gumos und Maija Skille ist ebenfalls lobenswert.

Die drei erlegen bekanntlich die böse Schlange und bewachen den vor Schreck ohnmächtig gewordenen Tamino. Den singt der junge Peter Sonn kraftvoll und mit dennoch lyrischem Timbre, kann auch schauspielerisch seine Liebe zu Pamina und seine Tapferkeit bei den Prüfungen verdeutlichen.

Als Königin der Nacht schwebt Julia Novikova von der Decke über der Bühne, kostümiert als böses Insekt mit langen, bis auf den Boden reichenden Spinnenbeinen, die Tamino und selbst ihre Tochter Pamina bedrängen und ängstigen. Noch mehr Angst erleidet die Kleine, als die Mutter später mit Messern um sich wirft, mit denen sie Sarastro töten soll (eine rasante Animation!). Maureen McKay singt und spielt dieses junge Mädchen bestens, macht stets Liebe, Furcht und Verzweiflung deutlich. Das „Ach, ich fühl’s, es ist verschwunden…“, als sie wegen Taminos Schweigen an seiner Liebe zweifelt und sich das Leben nehmen will, geht den Zuhörern spürbar zu Herzen.

Den Sarastro gibt Christof Fischesser mit entsprechend würdiger Statur und kräftigem Bass. Allerdings verliert seine Stimme beim Abstieg in die tiefsten Tiefen merklich an Volumen. Auch Stephan Boving als gieriger Monostatos bietet darstellerisch mehr als gesanglich. Sein Organ klingt zumindest an diesem Abend zu zart für einen Bösartigen.

Ganz anders der Chor, einstudiert von André Kellinghaus. Diese Riege orthodoxer Saubermänner, gekleidet in langen dunklen Mänteln und hohen Zylindern, singt so bedrohlich, dass die Wände wackeln und lehren das Liebespaar das Fürchten.

Motor der Handlung ist jedoch Papageno, hier als Clown geschminkt und gekleidet. Den verkörpert mit Witz und der typischen Clownsattitüde Dominik Köninger.

Schon kürzlich hat er in Monteverdis „Orpheus“ mit schönem Bariton und Schauspielkunst auf sich aufmerksam gemacht. Nun bietet er als „Hanswurst“, eine ebenso überzeugende Leistung. Stets hören und sehen ihm alle gerne zu. Ein Kabinettstückchen ist der vergebliche Versuch des Hungrigen, rechtzeitig das mehrmals vorbeischwebende Brathühnchen zu packen. Seit dieser Saison gehört Dominik Köninger zum Ensemble, aus heutiger Sicht ein echter Glückgriff.

An der Komischen Oper haben ohnehin die jungen Kräfte ein Übergewicht, eine zukunftsorientierte Personalpolitik. Das gilt auch für Henrik Nánási, den neuen Dirigenten. Der hat, wie ich von meinem Platz aus beobachten kann, den Mozart in Herz und Hirn und das Orchester – stets ein Pluspunkt des Hauses – gut im Griff. Nur einmal gibt es ein kleines Durcheinander, als die drei Jungs vom Tölzer Knabenchor zu geschwind aus luftiger Höhe starten. Doch schnell ist alles wieder im Lot.

Zuletzt jubelt, kreischt und trampelt das Publikum vor Begeisterung, wie ich es noch nie an diesem Haus erlebt habe. Alle Mitwirkenden werden enthusiastisch gefeiert, am Allermeisten und völlig zu Recht das Regieteam!!! Ein absolutes Novum. Suzanne Andrade und Paul Barritt strahlen, und mit strahlenden Gesichtern verlassen die Besucher die Stätte dieser Beglückung.

Ursula Wiegand

Weitere Termine: 29.11., 08., 14., 22.,26.12 sowie 04. und 25. Jan. bis in den Juli nächsten Jahres.

 

 

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