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BERLIN/ KOMISCHE OPER: DIE SCHÖNE HELENA – Operette von Jacques Offenbach

18.10.2014 | KRITIKEN, Operette/Musical

Berlin/ Komische Oper: „DIE SCHÖNE HELENA“ von Jacques Offenbach, 17.10.2014

Vor wenigen Tagen hat der Stiftungsrat der Stiftung Oper den Vertrag mit Barry Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin, vorfristig bis zum 31. Juli 2022 verlängert. Das ist gut so, hat er doch dem Haus einen ungeahnten Aufschwung verliehen. Mit „DIE SCHÖNE HELENA“ bringt er nun als neuen Knüller das Erfolgsstück von Jacques Offenbach, mit dem der vor genau 150 Jahren in Paris Furore machte.

Kosky führt selbst Regie und spickt das Stück mit zahllosen Einfällen und Absurditäten, mit noch mehr kunterbuntem und frechem „Brimborium“ als bisher schon.

Nach den Texten von Henri Meilhac und Ludovic Halèvy, Deutsch von Simon Werle, spult sich das Geschehen flott und opulent ausstaffiert (Kostüme: Buki Shiff ab. Hauptmobiliar ist ein breites Sofa, und das dient nicht nur ganz bestimmten Zwecken (Bühne: Rufus Didwiszus). Hier nehmen auch gelegentlich die Gestalten aus der griechischen Sagenwelt Platz, wobei das Skript jedoch der totale Nonsens ist.

Und Hut ab: Kosky kann sämtliche Rollen aus dem eigenen Ensemble überzeugend besetzen. Auch Silvano Marraffa als Dance-Captain gehört dazu. Seine 8-Mann-Tanzgruppe, anfangs in Lederhosen mit nackten Pobacken, ist allein schon ein allseits bejubelter, immer wieder auftretender Stimmungsbringer.

Höhepunkt in diesem Bereich ist das Rollschuhballett, und da macht auch Kalchas mit, der künstlich verfettete Großaugur des Jupiter, Stefan Sevenich. Atemlos hastet der Dicke den flotten Jungs hinterher und fällt auf seinen dicken Bauch. Ein Sänger/Schauspieler erster Güte und das Herz der gesamten tolldreisten Aufführung.

Großes Gelächter, wenn er anfangs den Donnergott herbeiruft. Sein Orakel ist ein Uralt-Grammophon mit großem Trichter, aus dem tatsächlich, aber sehr schräg, die Donner-Szene aus Wagners Rheingold erklingt.

Stellen aus Tristan und Isolde oder den Wesendonck-Liedern erklingen ebenfalls, wenn Helena später einige Platten auflegt. Die aber wirft sie als untauglich für ihr Amüsement in die Ecke, was Lacher hervorruft. Danach betritt sie sozusagen nichts ahnend die teure Halle (Tannhäuser). Alles deutliche Anspielungen auf Offenbachs Wagner-Hass, der auf Gegenseitigkeit beruhte. Zwei allerbeste Feinde. Doch wenn das Schicksal naht – la fatalitée – erklingen die ersten Takte aus Beethovens Fünfter.

Davon abgesehen sorgt der Hausdirigent Henrik Nánási mit dem verkleinerten Orchester der Komischen Oper dafür, dass Offenbachs clevere Musik in all’ dem Tohuwabohu nicht unter die Räder kommt und überdies den Sängerinnen und Sängern Raum zur Entfaltung bleibt.

Gesungen wird durch die Bank gut, geschauspielert teilweise noch besser. Neben Stefan Sevenich ist das vor allem Cornelia Zink als schicke und unglaublich lassive Verführerin des jungen Paris (Sohn des Priamos). Da zieht sie geschmeidig sich räkelnd alle Register einer Frau, die sich mit ihrem ältlichen, hier im Rollstuhl sitzenden Gatten (Peter Renz) total langweilt und einen Jüngeren sucht. Ihr Partner, der junge und charmante Tansel Akzeybek, hier mit Cowboy-Hut, hat’s nach anfänglicher Schüchternheit auch faustdick hinter den Ohren. Als Juror bei einem Göttinnen-Schönheitswettbewerb hat er die Venus gewählt. Mit ihrem Apfel in der Hand betört er nun Helena.

Kalchas, der Menelaus listig auf Reisen schickt, verhilft den beiden zu einer Liebesnacht (auf dem erwähnten Sofa), doch unerwartet platzt Helenas Gatte wieder herein. Der Clou: das Volk gibt nicht Helena, sondern ihm die Schuld an den Kalamitäten. Unverhofft zurückzukommen – das schickt sich halt nicht. Dennoch – Paris muss weg.

Danach erholen sich Eheleute im Seebad, doch der Haussegen hängt weiter schief. Begleitet vom Bandoneon (Juri Tarasenok) singt nun Cornelia Zink den Song von Edith Piaf: „Je ne regrette rien“, nicht so durchschlagend wie jene, aber immerhin. Sie outet sich so als die selbstbewusste Frau, die sich den passenden Partner alleine aussucht. Menelaus, nun dem Rollstuhl entwichen, antwortet ebenfalls mit Jacques Brel. Wehmütig klingt sein „Ne me quitte pas“. (Zutaten von Kosky).

Doch das nützt ihm nichts. Der schlaue Paris kommt als weiterer Augur verkleidet wieder und bewegt den tumben König dazu, seine Helena für eine Opferzeremonie auf eine nahe gelegene Insel reisen zu lassen. Als sich der junge Mann aus dem Priestergewand schält und frohlockend zu erkennen gibt, ist es schon zu spät. „Ne me quitte pas,“ singt Menelaus seiner Helena hinterher, die nur locker winkt. Jetzt verdient der traurige Peter Renz eigentlich unser Mitleid und unsere Sympathie.

Die weiteren Interpreten: Als Orest sehen und hören wir Karolina Gumos , als Agamemnon Dominik Köninger (gut!). Ajax I und II werden von Tom Erik Lie und Philipp Meierhöfer gesungen, Achill ist Uwe Schönbeck.

Zuletzt heftiger Beifall für diese turbulente, frech-frivole Offenbach-Adaption, die bis in den Februar weiter auf dem Spielplan steht.  

   Ursula Wiegand

 

 

 

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