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BERLIN/ Haus der Berliner Festspiele: GASTSPIEL NEDERLANDS DANS THEATER

30.10.2015 | Allgemein, Ballett/Tanz

Berlin/ Haus der Berliner Festspiele:  Gastspiel Nederlands Dans Theater, 29.10. 2015

Liebe und Obsession, Scheitern und Entschwinden, Verlieren und Verzweifeln – noch nie habe ich das mit mehr Intensität und so hautnah und packend erlebt wie beim Gastspiel des Nederlands Dans Theater im Haus der Berliner Festspiele. Erstmals seit 15 Jahren sind diese Ausnahme-Boten der Moderne wieder hier und zeigen die Immer-Menschheitsthemen in heutigen Ausdrucksformen mit allen Körperfasern und oft fast artistischem Können.

NDT, Shoot the Moon, Foto Rahi Rezvani
„Shoot the Moon“. Copyright: Rahi Rezvani

Doch nichts gerät seelenlos und nur sportlich. Sensible Zuschauer/innen leiden mit den Interpreten/innen bei „Shoot the Moon”, uraufgeführt im April 2006. Sogleich entfaltet das Stück einen Sog sondergleichen. Junge Menschen greifen mit ihren Gefühlen nach den Sternen und zerstören indirekt nicht nur den Mond als Romantik-Metapher schlechthin. Vielmehr zerstören sie ihre eigenen Illusionen von Zusammensein und schließlich alle eigenen Hoffnungen.

Die beiden Hauschoreografen Sol León und Paul Lightfoot, zwei ehemalige Startänzer, die auch im Leben ein Paar sind, platzieren die Interpreten/innen in sich drei sich drehende, konservativ tapezierte Zimmern. Begleitet durch die eher sanfte Musik von Philip Glass (Movement II aus „Tirol Concerto für Klavier und Orchester“) eskalieren  in dieser angeblich bürgerlichen Gemütlichkeit die Konflikte. So wie sich die Räume drehen, verändern sich die Lebenssituationen der drei Paare. Jede und jeder scheint entweder anfangs das Miteinander zu suchen, auch den Weg nach draußen, daran zu scheitern oder jede Bindung sofort abzulehnen.

Mit Körpereinsatz bis in die flatternden Fingerspitzen, mit teils angstvoll aufgerissenen Mündern, mit wild rotierenden Armen sind es vor allem die Männer, die sich gegen das Verharren in der Zweisamkeit wehren. Die Frauen erscheinen eher als die Verlierer. Die fabelhaften Pas de deux, ganz anders als gemeinhin getanzt, scheitern gewollt beim ersten oder wiederholten Versuch. Manneskraft contra wunderbar biegsamen Frauenkörpern.

Mal sitzt einer in sich gekehrt auf der anderen Seite der Fensterbank, die innere Distanz zur Partnerin verdeutlichend, die sehnsuchtsvoll nach ihm die Arme ausstreckt. Ein anderer flüchtet nach nervösen Ganzkörper-Zuckungen mit einem eleganten Sprung durchs Fenster. Enttäuschte, traurige Frauen zahlen tapfer und mit höchster Tanzkunst die Zeche, blicken vergeblich den entschwindenden Partnern hinterher. Liebe und Zweisamkeit sind zum Scheitern verurteilt, ganz ohne Schuldvorwürfe. So ist es halt, das Leben. Verluste – gegenwärtig, glaubhaft und atemberaubend in 23 Minuten dargeboten. Danach riesiger Jubel.

NDT, Thin Skin, Foto Rahi Rezvani
„Thin Skin“. Foto: Rahi Rezvani

“Thin Skin” heißt das 2. Stück, eine Choreografie von Marco Goecke vom Januar 2015, der auch Bühne und Kostüme entworfen hat. Stark tätowiert, die dünne Haut unter solch einer Schutzschicht versteckt, zeigen die Tänzerinnen und Tänzer offenbar den Stress der heutigen Zeit. Speziell die Männer zittern und zappeln, Kopf, Arme und Finger scheinen ein rasantes Eigenleben zu führen.

Tanz und Artistik verschmelzen, für eine ruhigere Partnerschaft bleibt in diesem ebenfalls 23 Minuten dauernden Bühnenleben keine Zeit. Laufen, hetzen, springen, sich krümmen und verdrehen – sind sie sämtlich Opfer der modernen Sucht, alles zu tun, nichts zu versäumen und allen Anforderungen und Überforderungen gerecht zu werden?

Das Stück und seine mitunter aggressive Musik sind eine Hommage an die legendäre Jazz-Sängerin Patti Smith. Ebenso atemlos, wie sie einige Songs interpretierte, werfen sich vor allem die Männer überaus gekonnt, manchmal wie Boxer das Gesicht schützend, in den tänzerischen Wahnsinn. Der Begeisterungspegel des zu mehr als 50 Prozent jungen Publikums (!) schlägt anschließend noch stärker aus.

NDT, Stop Motion, Foto Rahi Rezvani
Stop Motion“. Copyright: Rahi Rezvani

Zuletzt das wunderbare  “Stop-Motion”, wiederum von Sol León und Paul Lightfoot vom Januar 2014. Von den beiden stammt auch das Konzept für das berührende Video, gestaltet von Rahi Rezvani.  Es zeigt in Slow Motion Lightfoots Tochter Saura, zuerst in einem dunklen Prinzessinnen-Gewand, später in einem schwarzen Kleid. Eine offenbar Einsame, die sich nach Tränen in den Augen auflöst und wie ein Adler davonfliegt. Ihr ist dieses Ballett auch gewidmet.

Um das Sich-Auflösen, um Abschied und Transformation geht es auch in der eigentlichen Choreografie, begleitet von Max Richters melancholischen Songs. Sieben Damen und Herren machen in raffiniert sanften, großartigen Darbietungen deutlich, wie sehr sie alle am Leben und an der Liebe hängen, und wie schwer das Loslassen (das Nirwana der Buddhisten)  für die hier Lebenden ist. Ein anspruchsvolles Stück, ein ebensolcher Schluss.

Nach kurzem Besinnen dann begeistertes Gekiekse und hochverdiente „Standing Ovations“. 

Ursula Wiegand

Weitere, schon lange ausverkaufte Termine mit etwas anderem Programm am 30. und 31. Oktober.

 

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