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BERLIN / Deutsche Staatsoper: DIE SCHWEIGSAME FRAU

„Wie schön ist doch die Musik“ –
Richard Strauss‘ Die schweigsame Frau
an der Deutschen Staatsoper unter den Linden, Vorstellung vom 24. Juli 2025

Fein und leise erklingen die Klänge des Potpourris der schweigsamen Frau durch die ausverkaufte Lindenoper. Eine tiefe Ruhe und Entspanntheit strahlt die Musik aus, doch langsam und von Takt zu Takt mehr, schleicht sich Unruhe, ja Störung, in die Harmonie und Leichtigkeit. Klangliche Dissonanzen und mit ihnen die musikalische Moderne einerseits. Jene Neuerungen, die nun in das beschauliche Leben des Sir Morosus platzen, andererseits. Und durch Jan Philipp Glogers Inszenierung wird noch ein weiterer, dritter Faktor hinzugefügt: Auf der schwarzen Gaze sehen wir die (nachgestellte?) Suche nach Wohnungen in Berlin auf einer dominierenden Internetplattform. Die üblichen Preise und dazugehörige Euphemismen zeigen schnell die prekäre Wohnungslage in Deutschlands Hauptstadt: 35 qm für 1.800 €, manche als „Wohnungen für Tüftler“ ausgewiesen, andere wiederum auf drei Monate Laufzeit befristet. So zeigt sich uns zu Beginn des ersten Aktes dann auch eine sehr geräumige, mehr als 4 Zimmer umfassende Altbau-Wohnung im Berliner Westen, welche als Residenz des Morosus dient. Sein Neffe Henry wird folgerichtig hier in der geräumigen Wohnung seines Onkels mitsamt seiner Theater-Truppe um Unterkunft ansuchen. Herr Gloger verfällt nun dankenswerterweise nicht darauf, billig zu politisieren und langweilige, abgedroschene „Kapitalismuskritik“ anzubringen. Im Gegenteil: Er platziert die Geschichte im Hier und Heute und versieht sie mit zusätzlichen Details, die dem Charakter des Stückes nicht widersprechen, sondern es als Komödie weiter ausbauen.

Zahlreiche geistreiche Einfälle kommen hier zum Tragen, da ist zunächst einmal die klug genutzte Bühne von Ben Baur, welche die Wohnung von Sor Morosus nach rechts und links fahren lässt, um ihre Größe in der Gesamtheit zeigen zu können. Im Fenster sehen wir die Leuchtschrift des Berliner Bärs aus dem Logo von Berliner Pilsner, während des Scheidungstribunals hält die Altbauwohnung dann sogar als Gerichtssaal her, gekonnt ausgeleuchtet durch Tobias Kraus und mit expressionistischen, an die Stummfilm-Ära erinnernden, schwarz-weiß gehaltenen Kostümen von Justina Klimczyk umgesetzt. Überhaupt sind die Kostüme hier grandios gelungen, denn eben nur zu Beginn wird hier triste Alltagskleidung aufgefahren (die allerdings eine sehr realistische Berliner Realität widerspiegelt, auch und gerade in Bezug auf Berliner Künstler – oder solche, die es gerne wären). So wird die Hochzeit von Sir Morosus und Aminta von zwei überdimensionalen Herzfiguren mit der Aufschrift „just married“ flankiert, der Priester ist zwar mit einer Stola versehen, verdeutlicht dabei die Scharade durch einen Elvis-Presley Anzug inklusive Tolle und Sonnenbrille. Während der Gesangsstunde wird nicht nur ein Cembalo hineingetragen, sowohl die Tänzer als auch Morbio und der verkleidete Henry treten in barocken Kostümierungen auf. Henry trägt während der Referenz auf Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ (auch hier handelt es sich wie bei den folgenden Passagen der Gesangsstunde um Pasticcios) ein großes Schild vor sich mit der Aufschrift „Achtung Oper!“ welches dann beim musikalischen Wechsel zu größeren Dissonanzen schlicht umgedreht wird und die Aufschrift „Achtung: Regie Theater!“ trägt, während nun alle Anwesenden zusätzlich mit seltsamen Masken und absurden Posen ausstaffiert sind.

Die Parallele zum musikalischen Vorgehen Strauss‘ wird besonders dann bewusst, wenn nach der fingierten Hochzeit die herbeigerufenen Passanten von der Straße als Wutbürger ausstaffiert werden und mit Transparenten wie „Cancel Morosus“ auftreten. Herr Gloger und sein Team schaffen nicht nur zahlreiche Lacher. Sie teilen Spitzen in alle Teile der Gesellschaft aus, um dort existierende Klischees und Ismen ihrer Lächerlichkeit preiszugeben. Wie es Strauss eben mit seiner Musik und den komponierten Referenzen tut, erlaubt sich auch Herr Gloger uns als Zuschauern, ebenso wie seiner eigenen, theaterschaffenden Zunft den Spiegel vorzuhalten. Wir erleben also Mehrdeutigkeit auf vielen Ebenen, denn Sir Morosus beschwert sich durch die Transponierung der Geschichte in das Berlin von heute nicht nur über den Lärm in den Straßen Londons des originalen Schauplatzes, sondern auch jenen von Berliner Hipstern und sonstigen Subkulturen, die nunmehr seit Dekaden die Stadt Berlin für nicht enden wollende Party Exzesse gekapert haben. Durchdacht wird somit der Konflikt zwischen entgegengesetzten Lebensmodellen aufgezeigt, der nicht minder aktuell im heutigen Kulturkampf tobt.

Peter Rose ist dabei eine ideale Besetzung für den Morosus, da es ihm einerseits brillant gelingt, den zurückgezogenen ehemaligen Haudegen zu verkörpern, der nun jedweden Lärm scheut. Angeblich aus gesundheitlichen Gründen, die aber, wie wir am Ende sehen werden, wohl nur vorgeschoben sind. Denn das ist die andere Seite der Medaille: Morosus ist ein fast schon verbitterter Mann, der sich vollständig aus dem Leben zurückgezogen hat und dessen Misanthropie die Kontrolle über ihn gewonnen hat.  „Ein alter Mann ist nur ein halber Mann, denn halb bloß steht er in der Zeit, sein best‘ Teil ist Vergangenheit.“ wird so zum tief berührenden Seelen-Striptease, zum Moment in dem Morosus Einblick in eine tatsächliche Gefühlswelt offenbart, welche vor allen Dingen von Einsamkeit und Angst vor einem traurigen Tod getrieben ist. Dadurch offenbart sich die zentrale These des heutigen Abends, die durch Jan Philipp Gloger zurecht aufgegriffen wird: Trotz all des lustigen Drumherums und all der heiteren Turbulenz, geht es um Einsamkeit im Alter und die Frage, was Glück im Laufe des Lebens eigentlich bedeutet.

Herrn Roses tiefer und voluminöser Bass erinnert in zwei Passagen nicht nur an den Ochs im Rosenkavalier, sondern zeugt auch von exzellenter Sangeskunst. Seine „Ah“ zum Ende des zweiten und dritten Aufzuges sind von monumentaler Tiefe. Doch scheint dabei zum Ende des zweiten Aufzugs verletzliche Zartheit, ja fast schon kindliche Verletzbarkeit hindurch. Während nach dem „Happy End“ des dritten Aufzuges und der Selbsterkenntnis Morosus seine langsam ausklingenden Worte „ah“ diesmal inneren Frieden und umfassendes, in sich ruhendes Glück verheißen. Peter Rose macht somit eine Transformation deutlich, eine Katharsis, die es dem zentralen Charakter ermöglicht, uns auch die Quintessenz nahezubringen: Ein Plädoyer für die Familie und gemeinschaftlichen Zusammenhalt.

Die zunächst dominierende Misanthropie des Morosus wird klug durch Barbier Schneidebart beiseitegeschoben. Als Largo Factotum und deutliche Referenz zu Rossini weckt er gekonnt die Lebensgeister des Admirals a.D., nicht ohne seinen eigenen Nutzen dabei mitzuberücksichtigen. Es ist nicht nur ein gewitzter Kerl, den Samuel Hasselhorn hier auf die Bühne bringt. Vielmehr ist er eine Art Conférencier, der uns durch die zahlreichen Sprechpartien an der Hand nimmt und uns durch das turbulente Geschehen, aber auch durch die Irrungen des heutigen Alltags führt, die auf der Bühne gespiegelt werden. Iris Vermillion als Haushälterin passt das so gar nicht ins Konzept, da sie seit langem darauf hofft, von Morosus berücksichtigt zu werden, gleichwohl wird sie schlichtweg beiseite geschoben von diesem Barbiere, der keinerlei Störgeräusche bei seinem Vorhaben duldet. So gehen die Ereignisse ihren geplanten Gang und jenes lebensfrohe Leuchten, welches Schneidebart in Morosus wecken will, wird tatsächlich in seinem Neffen Henry widergespiegelt, denn Siyabonga Maqungos Stimme ist von beachtlicher Strahlkraft. Auch wenn sie stellenweise ein leicht metallenes Timbre aufweist, gelingt es Herrn Maqungo ohne jegliche Ermüdungserscheinungen diese hochgradige Partie tadellos umzusetzen und dabei ein hohes Maß an Vergnügen zu transportieren. Tatsächlich kann man hier eine Verkörperung von Lebens- und Sangesfreude sehen, die in diesem Maße selten auf der Bühne zu erleben ist.

Als abschließendes Element in dieser Dreiecksgeschichte (oder ist es doch ein Viereck?), agiert Brenda Rae ohne jedwede Schwierigkeit in der Partie der Aminta. Auch wenn diese als vorgetäuschte Frau des Morosus nahezu grausam agieren muss, gelingt es Frau Rae eine feinfühlige und liebevolle Frau zu skizzieren, die keineswegs boshafte Züge aufweist, wie es beispielsweise die Norina in Don Pasquale tut (ein weiteres Werk, auf das in der schweigsamen Frau referenziert wird). Hinzu kommt, dass sie über eine extreme Koloraturfertigkeit verfügt und auch schnellere Intervallsprünge bis in die Höhenlagen absolut sauber und ohne jedwede Anspannung meistert. „Nicht an mich, an mich, Geliebter denke“ wird somit zu einer elegant fließenden, meisterlich verschachtelten Fuge, die nobel durch den Saal zu schweben scheint. Nicht umsonst ist mit Brenda Rae als eine Meisterin der Belcanto Koloratur auf der Bühne zu sehen, insbesondere im „Bekenntnis“ Amintas kann Frau Rae eben jene Elemente des Belcanto, die Strauss hier komponierte voll und ganz zu strahlender Schönheit bringen „Wollet gütigst mir verzeihen, was Euch jene angetan“.

Herausragend ist an diesem Abend auch Serafina Starke als Isotta, deren hochkarätiger Sopran im Charakterstück während des Auftritts der Komödianten besonders zur Geltung kommt. Ihr gelingt es im Prestissimo nicht nur virtuos zu singen und die klare rhythmische Struktur der Passage stets präzise zu bewahren. Hinzu kommt der besondere Reiz ihrer Stimme, die durch ihr changierendes Timbre auch schimmernde Dunkelheit andeutet. Dadurch erzeugt sie genau jene Eleganz und Koketterie, die Strauss für die wichtige Ensemblefärbung in Gänze vorsah. Mehr noch: Frau Starke beweist stimmliche Agilität und Leichtigkeit, große Textverständlichkeit sowie rhythmische Sicherheit – eine Empfehlung für eine Sophie und in späterer Entwicklung vielleicht auch für eine Feldmarschallin. Zumindest steht sie bereits als Zweitbesetzung für die Olympia an der Lindenoper auf dem Besetzungszettel und kann dort vielleicht schon bald ihre technischen Qualitäten weiter ausspielen. So oder so, transportiert sie den koketten Charakter ihrer Rolle am heutigen Abend erfolgreich ins Publikum: „Ich würde lachen, von früh bis spät, immer nur lachen, Schabernack machen…“!

Auch das Ensemble kann durch kluge Markpunkte diesen Abend vervollständigen, Rebecka Wallroth hat sichtbaren Spaß an der Rolle der Carlotte, insbesondere wenn es darum geht, die einfältige Landjungfer zu geben, Manuel Winckhler gelingt es italienische Grandezza als Cavaliere Vanuzzi auf die Bühne zu bringen, obschon er mit Trainingshose und Baseball Cap ausstaffiert ist. Als Morbio ist es schließlich Dionysios Avgerinos (ebenso wie die drei vorgenannten ein Mitglied des internationalen Opernstudios der Lindenoper), der mit Lust am Spiel während der Gerichtsszene hervorsticht.

Ein reichhaltiger, hochkarätig besetzter Abend also und es ist klar, dass es Christian Thielemann ein Leichtes ist, mit diesen Stimmen einen Bilderbuch-Strauss zu dirigieren. Die Leichtigkeit, die sich durch den gesamten Abend zieht und selbst während komplexer und dissonanter Stellen jedwede Schwere aufhebt, ist einmal mehr bemerkenswert. Gemeinsam mit der Staatskapelle und dem gesamten Ensemble auf der Bühne entwickelt sich an diesem Abend eine Lust am Musizieren, dass es nur so spritzt – voller Energie und Witz. Niemals klingt auch nur ein Ton primitiv, profan oder gar falsch, stets scheinen kluge Betonung und äußerste Präzision hindurch und erzeugen jenes musikalische Funkeln, welches Strauss‘ Musik so sehr ausmacht. Jede Dissonanz wird gezielt und genussvoll zu einem weiteren Höhepunkt ausgereizt, um schließlich durch große, tragende Streicher-Bögen harmonisch aufgelöst zu werden. Dieser Abend ist zutiefst durchdacht, ja durchdrungen. Jeder musikalische Schmäh sitzt, trifft ins Schwarze und lädt uns als Publikum in die Herrlichkeit der musikalischen Gedankenwelt von Richard Strauss ein, wir werden entführt in ein farbenfrohes Universum des Klangs voller Referenzen in die Musikgeschichte voll zahlreichen Andeutungen und Augenzwinkern.

Strauss schuf mit der schweigsamen Frau ein Werk, das auf die Geschichte der Musik referenzierte. In der Hochzeitsszene erleben wir nicht nur ein Theater im Theater, sondern parodistische Anklänge falscher Gregorianik, modale Skalen und die Überzeichnung höfischer, als auch kirchlicher Zeremonien. Beim Auftritt der Komödianten als auch zu Beginn des dritten Akts erleben wir Imitationen barocker Rezitative, Generalbass-Anklänge und Gavotte-Rhythmen. Das ganze Werk hindurch tauchen immer wieder Elemente des Belcanto auf, jedoch als Spielmittel der Stilisierung der Charaktere, nicht als Ausdruck der Emotion wie bei Bellini und Donizetti. Harmonik und Phrasenstruktur der schweigsamen Frau erinnern an Mozart, genauso wie die Beziehung zwischen Aminta und Henry an die Beziehung zwischen Susanna und Figaro. Die breiten Orchesterwogen, Chromatik, Leitmotive und Texturfülle sind schließlich Zitate von Strauss eigenem, spätromantischem Werk. Er selbst sah sich in der Tradition der großen Komponisten und schrieb: „Es ist schwer, Schlüsse zu schreiben. Beethoven und Wagner konnten es. Es können nur die Großen. Ich kann’s auch“. Niemand kann genau dieses Selbstverständnis des Richard Strauss musikalisch so sehr lebendig machen wie Christian Thielemann, der in der Berliner Staatskapelle offensichtlich einen kongenialen Partner gefunden hat, deren Zusammenarbeit Großartiges erwarten lässt.

Fein und leise erklingen die Klänge der letzten Takte. Sanft und ruhig finden sie zum Ende dieses „verrückten Tags“ des Sir Morosus. Nach all den Irrungen hat dieser wieder zum Frieden des Alltags gefunden und auch ein bisschen mehr zu sich selbst als logische Konsequenz und Errungenschaft der gemeisterten Höhen und Tiefen. Zum Selbst des Protagonisten. Zum Selbst des Wirkens von Richard Strauss. Zum Selbst von uns als Zuschauern. In sich ruhend, milde lächelnd und zufrieden – „Wie schön ist doch die Musik“! 

 

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