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BERLIN/ Deutsche Oper: DER ZWERG von Alexander von Zemlinsky

31.03.2019 | Allgemein, Oper


Elena Tsallagova. Foto: Monika Rittershaus

Berlin/ Deutsche Oper: „DER ZWERG“ von Alexander von Zemlinsky, 30.03.2019

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“. 

Fast unerwartet eindrucksvoll, berührend und bestens gesungen – so der Eindruck der Autorin, die nicht zur Premiere von Zemlinskys „Der Zwerg“ in der Deutschen Oper Berlin anwesend sein konnte, aber sehr unterschiedliche Berichte gelesen hat. Nur die „Begleitungsmusik zu einer Lichtspielscene für Orchester op. 34“(1930) von Arnold Schönberg  – als Prolog und mit Darstellern bestücktes Füllsel der rund eineinhalbstündigen Oper hätte man gut und gerne weglassen können.

Gewiss, das Publikum amüsiert sich über Adelle Eslinger-Runnicles und Evgeny Nikiforov am Flügel, die die 20jährige Alma Schindler (die spätere Alma Mahler usw.) sowie den 29 Jahre alten Komponisten Alexander von Zemlinsky reichlich übertrieben (vielleicht auch realitätsnah) imitieren.

Wie erst geschmust wird, obwohl sie, seine Schülerin, ihn beim ersten Sehen als „Caricatur“ bezeichnet hatte, es dann aber zwischen den beiden doch funkte. Ihr Interesse an ihm erlahmt/e bald. Schon stößt sie ihn mehrfach heftig weg, so dass er über den Boden rollt. Der schlanke Pianist Evgeny Nikiforov ist übrigens nicht hässlich, sondern nur so geschminkt.

Das also als Zutat, die wohl niemand braucht und den nahtlosen Übergang in Zemlinskys Einakter eher stört, zumal der junge Regisseur Tobias Kratzer das Thema Frau und Mann hier sehr passend zwischen jugendlichem Überschwang, Frivolität und menschlicher Grausamkeit angesiedelt hat. Das Libretto von Georg C. Klaren nach dem Märchen „The Birthday of the Infanta“ von Oscar Wilde“ wird so schlüssig ins Heute überführt.

GMD Donald Runnicles hat diese Kurzoper sogar zur Chefsache gemacht und lässt mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin alle musikalischen Finessen der Partitur erklingen, die allen Personen und Szenen Leben einhaucht.  Oder den Tod ankündigt.  


Elena Tsallagova und Ensemble. Foto: Monika Rittershaus

Hauptperson ist zunächst die wirklich bildschöne Infantin Clara im goldfarbenen Glitzerkleid, ein lebendiges, verwöhntes Girlie. Zu Elena Tsallagova passt  diese Rolle in Gestalt und Stimme Haargenau. Mit kraftvollem Sopran interpretiert sie diese Partie genau so punktgenau, wie es dem Charakter dieser Clara entspricht: glasklar, schillernd und herber als in anderen Partien klingt hier ihre Stimme.

Anfangs steht sie auf einer Balustrade (Bühne, Kostüme: Rainer Sellmaier), um ihren 18. Geburtstag schon vorab mit den Freundinnen und den Frauen des Volkes zu feiern.  (Damenchor der Deutschen Oper Berlin, einstudiert von Jeremy Bines). Die preisen ihre Schönheit, doch daran hat die Selbstbewusste eh keinen Zweifel.

In voller Aufregung bei den Vorbereitungen sind Philipp Jekal als Estoban mit angenehmem Bariton, Emily Magee als die sie bemutternde Ghita sowie  die Zofen Flurina Stucki, Amber Fasquelle und Maiju Vaahtoluoto, ergänzt um zwei Mädchen So Young Park und Kristina Häger.

Doch nur Ghita erweist sich als eine Frau mit Herz, übrigens eine Wagner erfahrene Sopranistin, der Lyrik nicht fremd ist. Sie ist die einzige, die in dem singenden Zwerg – ein Geburtstagsgeschenk des Sultans (!) – den unschuldig leidenden Menschen erkennt. Auf sie trifft der Ausspruch von Antoine de Saint-Exupéry im Kleinen Prinzen zu: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“. 

Denn der Kleinwüchsige – sehr überzeugend von Mick Morris Mehnert verkörpert weiß bekanntlich nicht, dass er so winzig, verwachsen und hässlich ist, in den Augen der Gesunden also eine „Caricatur“ darstellt. Seinetwegen hat man alle Spiegel verhüllt. Stimmlich vertritt ihn, sich mehr und mehr steigernd, der britische Tenor David Butt Philip.

Clara scheint sich zunächst mit dem sonderbaren Zwerg sogar ein bisschen anzufreunden, betrachtet aber die Konversation mit ihm wie eine Theateraufführung, um bald wieder ihr wahres, flatterhaft-mitleidloses Wesen herauszukehren. Sie nimmt ihn tatsächlich als Spielzeug, heuchelt Sympathie, erwidert sogar positiv auf sein Liebesgeständnis, tanzt mit ihm und schenkt ihm eine weiße Rose.

Immer wieder wird dieser schließlich Enttäuschte und bis zum letzten Atemzug auf Claras Liebe hoffend  (von David Butt Philip vertreten) singen: „Sie hat mir eine weiße Rose geschenkt“.  Doch eine weiße Rose ist doppeldeutig. Sie wird sowohl in Hochzeitssträußen als auch als Grabschmuck verwendet. Für ihn wird sie zur Todesbotschaft, derweil Clara, die er in seine Liebe hüllen wollte, schon längst zur munteren Geburtstagsfeier entschwunden ist.  

All’ das kumuliert in den letzten Szenen, die David Butt Philip alleine vor einer Glaswand bestreitet. Die mitleidige Ghita hat es zuvor nicht übers Herz gebracht, ihm einen Spiegel vors Gesicht zu halten, so dass der“ Zwerg“ meint, nur von Phantomen verfolgt zu werden,  wenn er sich etwas unklar in dieser Glaswand sieht.

Nur allmählich wird ihm voller Erschrecken klar, dass er wirklich so hässlich aussieht. David Butt Philip macht das mit solcher Eindringlichkeit in Spiel und Stimme, mit solcher Verzweiflung, dass Sensiblen fast das Herz gefriert. Wie atemlos das Publikum zuhört und zuschaut, ist deutlich zu spüren.

In 90 Minuten wird hier also alles, was diese Oper ausmacht, gesagt, gespielt, durchlitten und großartig gesungen. Saint-Exupéry hat es in „Wind, Sand und Sterne“ so formuliert: „Vollkommenheit entsteht offensichtlich nicht dann, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.“ Und das ist bei diesem Musiktheater, wenn es so realisiert wird wie jetzt in diesem Haus, der Fall.

Zuletzt ist es allein Ghita, die mit dem Herzen sieht und den toten Zwerg (nun wieder Mick Morris Mehnert), dieses weggeworfene, an seiner Liebe zu Grunde gegangene Spielzeug, voller Trauer als Mitmenschen streichelt.

Das Publikum hat verstanden und spendet tosenden Beifall, den meisten verdientermaßen für David Butt Philip und Emily Magee sowie für Donald Runnicles und das Orchester der Deutschen Oper Berlin.   

Letzte Termine am 7.4. und 12.04.   

Ursula Wiegand   

 

 

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