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BERLIN: CARAVAGGIO mit Vladimir Malakhov

30.05.2014 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Berlin/ Staatsballett: „CARAVAGGIO“ mit Vladimir Malakhov, 29.05.2014

 Wie sich die Zeiten und Beurteilungen ändern! Bei der Premiere im Dezember 2008 bebte die Staatsoper zuletzt vor Buhrufen und Tumulten, doch nach dieser 45. Aufführung (nun im Schillertheater) will der Beifall gar kein Ende nehmen. Alle, wirklich alle wollen Vladimir Malakhov, die übrigen Solisten und die Compagnie kaum von der Bühne lassen. Malakhov erscheint über diese anhaltend lauten Lobesäußerungen echt überrascht zu sein. .

Vermutlich spielt es eine Rolle, dass er dieses Stück vor dem Ende seiner Tätigkeit in Berlin  zum vorletzten Mal tanzt. Der Applaus dürfte wohl auch als Dank für seine zehnjährige Arbeit mit dem Staatsballett Berlin zu verstehen ist. In dieser Zeit hat die Truppe Weltniveau erreicht.

Doch noch etwas anderes scheint zu zählen: nach all’ den Zuckerbäckerstücken und Belanglosigkeiten, die seither deutlich überwogen, ist „Caravaggio“ eine wahre Erfrischung, selbst wenn dieser krasse Vertreter des italienischen Frühbarock vom Choreographen Mauro Bigonzetti ziemlich weichgespült wurde.

Womöglich in der Annahme, dass sich extreme Ausschweifungen für ein Staatsballett nicht ziemen, vielleicht auch wegen Malakhov, der anders als das Original schon vom Typ und Tanzstil her kein Revolutionär bar aller Hemmungen ist.

So ist in dieser Darbietung weiterhin nichts dreckig, frivol, wollüstig und fast gotteslästerlich, wie es die Gemälde von Caravaggio (Michelangelo Merisi) vielfach waren und dennoch von seinem Mäzen und Gastgeber, Kardinal Francesco del Monte, gesammelt wurden. Stadtbekannte Huren mutierten unter seinen Pinselstrichen zu Heiligen und lösten damals einen Sturm der Entrüstung aus. Hier gibt lediglich das purpurne Kleid von Sebnem Gülseker einen vorsichtigen Hinweis darauf, dass sie nicht nur als Wahrsagerin ihr Geld verdient (Kostüme Kristopher Millar & Lois Swandale).  

Malakhov tanzt diese Hauptrolle, und von der Beanspruchung her ist es wirklich eine. Er zeigt sich leistungsfähig, ausdauernd und beweglich. Mit Körperdrehungen, mit oft fast insektenartig verschränkten Gliedmaßen, einprägsamen Gesten und seinem Gesichtsausdruck gibt er den Caravaggio als Schmerzensmann, nicht als Raufbold und skandalträchtigen Künstler.

Provokationen finden also nicht statt. Doch diese „cleane“ Rollenanlage ist akzeptabel und lässt sich gut ansehen. Eine durchgehende Geschichte wird vom Regisseur eh nicht erzählt. Nur bei der Fokussierung der Scheinwerfer auf die Figuren (Bühne und Licht: Carlo Cerri) zeigt Bigonzetti ansatzweise den originalen Caravaggio, den Maler des Lichts, das plötzlich wie ein Pfeil die Dunkelheit durchstößt.  

Fröhlich-sittsam gibt sich das feiernde Volk, wobei diese Massenszenen nicht so stereotyp arrangiert sind wie in den meisten klassischen Balletten. Die beiden ständig Weintrauben futternden und verteilenden Männer – Alexander Korn und Marian Walter – amüsieren sich  aufs Beste und tanzen diese alberne Zutat mit Schwung und Können.

Die Frauen, die als Caravaggios Musen/Begleiterinnen oder Verführerinnen agieren und ganz fabelhaft tanzen, sind Elena Pris und Elisa Carrillo Cabrera. Da geht es mitunter sogar  ruppig zu, wird doch Caravaggio (Malakhov) auch mal ein Fuß in die Brust gerammt.

Als Gegenpol, ganz hinreißend zärtlich, das Liebespaar Nadja Saidakova und Michael Banzhaf, die schließlich mit dem unglücklich wirkenden, liebebedürftigen Caravaggio ein Trio bilden. Eine Tanzleistung, die sofort mit Zwischenbeifall quittiert wird.

Im 2. Akt steigt dann des Malers viriles Alter Ego – Leonard Jakovina – aus einem Bilderrahmen. Dennoch bleibt selbst das ohne gewagte homo-erotische Anspielungen wie in Caravaggios Gemälden „Lautenspieler“ und gar beim „Hl. Johannes der Täufer“. Andererseits sind es nun die Damen, die den Maler körpernah bedrängen oder beschützen.  

Als erneuter Höhepunkt ein großartig-dramatischer Pas de six, zelebriert von Malakhov, Jakovina, Banzhaf sowie den Damen Pris, Saidakova und Carrillo Cabrera. Intensive Tanzkunst, zurecht mit heftigem Applaus gewürdigt.  

Das Idyll währt nicht lange, wird doch Caravaggio bekanntlich zum Mörder. Malakhov mimt keinen Angriffslustigen. Er taucht nur die Hände in eine Schale voller Blut. Das genügt, um ein leichtes Gruseln hervorzurufen, denn dieses Blut tötet. Zuletzt liegt er am Boden, sein Körper bildet ein Kreuz mit dem der Partnerin. Ein Mörder mit Jesus-Anmutung.

Dieses farbstarke, perfekt dargebrachte Tanzspiel ist getaucht in ein von Bruno Morettis geschaffenes Monteverdi-Medley, erneut dirigiert von Paul Connelly. Dass einige Bläser der Staatskapelle Berlin anfangs nicht immer den Ton treffen, lässt mich schmunzeln. 2008 war es ähnlich, nur das Publikum reagiert an diesem Abend rundherum begeistert.

Letztmalig tanzt Vladimir Malakhov am 13. Juni diese Rolle.    

Ursula Wiegand     
 

 

 

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