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BERLIN/ Berliner Ensemble: DER ZERBROCHNE KRUG

28.12.2014 | Allgemein, Theater

BERLIN/ DER ZERBROCHENE KRUG Berliner Ensemble 27.12.2014

Klaus Maria Brandauer begeistert als saftig dämonischer Dorfrichter Adam

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Klaus Maria Brandauer als Dorfrichter Adam. Foto: Jim Rakete

 Der Eiserne Vorhang hebt sich: Hühner gackern, die Mädge Margarete (Karla Sengteller) und Liese (Antonia Bill) versuchen Ordnung in das ländliche niederländische Haus zu bringen. Mit sardonischem Gesichtsausdruck salbt der zynische Machtphäake Adam sein zerschundenes Knie. Gestürzt sei er aus dem Bett und über sich selbst, wie er seinem maliziösen Schreiber Licht (genial Michael Rotschopf) versichert. Noch weiß dieser herabgekommene versoffene verschorfte Dorfrichter nicht, dass er bald selber vor dem inspizierenden Gerichtsrat Walter einen Prozess leiten wird, in dem er sich selbst überführen muss. Einen Krug der Frau Marthe Roll (Tina Engel) zerbrochen zu haben wird Klage erhoben. Bei der nächtlichen Flucht aus der Kammer von Eve (Katharina Susewind) hat wohl ein richtiger oder Möchtegernliebhaber nicht ganz geschickt den Tatort verlassen.

 Die ganze Bühnenästhetik (Ferdinand Wögerbauer, Kostüme Anna Maria Heinrich) dieser historisierend präzisen Regiearbeit von Peter Stein aus dem Jahr 2008 scheint einem Blick in die französische Genremalerei de 18. Jahrhunderts geschuldet. Jean Jaques Le Veaus Kupferstich „Le juge ou la cruche cassée“ sowie nach dem fluchtartigen Fenstersturz des Richters David Teniers‘ Winterlandschaft stehen Pate für die Dorfstube und schneebedeckte Felder, wo sich final alle Figuren des Stücks in einem trostlosen Reigen verlieren. Eine ländliche Schein-Idylle, in der ein alter Mann seinen Johannistrieb wohl schlecht im Zaume hält. Eine Gemälde auf dem Theater, von Peter Stein in eine reale Filmathmosphäre übersetzt.

 Ankerpunkt der Aufführung ist die wahrlich unverdorbene und daher so naive und für einen alternden Weiberheld wie Adam anziehende Eve bringt ja auch den Gerichtsrat Walter  (Martin Seifert) nicht schlecht aus der Fassung. Schauspielmagier Klaus Maria Brandauer zieht alle Register, um dieser Gerichtsklamotte  aus der Feder des Heinrich von Kleist das richtige Licht einzuhauchen. Der Dialektiker Kleist als ein John Grisham des 19. Jahrhunderts? Eher ein Alchimist der Worte, der Antikisches (Ödipus), Biblisches (Eva), Höllisches (Kriegerisches (Napoleonische Kriege), Banales (Dorfalltag) zu einem Theater Hit gar fein gemischt hat.

 Und wenn ein lebendes Monument wie Brandauer in der Hauptrolle zur Verfügung steht, kann der Zuschauer erleben, was ein rechtes Lustspiel ist. Taktierend, verführerisch, schelmisch belzebübisch, wortreich biegsam, genießerisch lockend, drohend ungestüm, lächelnd abgebrüht lässt dieser Brandauersche Dorfrichter nichts unversucht, die Schuld von sich ab- und auf den tölpisch dumben Ruprecht (Roman Kanonik), Sohn des Bauern Veit Tümpel (Detlev Lutz), zu lenken. Aber selbst der beste Käse und Wein helfen nichts, wenn die Richter-Perücke im Spalier vor des Jungfers Eve Fenster hängt und die von der Türklinke geschlagenen Wunden am kahlen Schädel Adams eindeutige Beweise liefern. Ein köstliches Kabinettstück liefert Ilse Ritter als naiv-raffinierte Zeugin. Ihre Frau Brigitte ist  das „Kenn-mich -nicht-aus“ neugierige Nachbarsluder, der nichts entgeht, was so im Garten der Marthe Rull vor sich geht.

 Außer Eve ist die gesamte im Gerichtssaal versammelte „feine“ Dorf-Gesellschaft verrottet. Als Sinnbild ordnet der vierkantig vertrottelte Gerichtsbüttel grob (Michael Klinkel liefert eine feine Charge dazu) das was er kann. Intrigante Karrieristen wie der Schreiber Licht, die geizig empörte Spießerin Rull, der machohaft-brutale Ruprecht wie Massetto aus Don Giovanni. Und die Moral von der Geschichte: Eve, hättste lesen gelernt, wär Dir das nicht passiert. Dann hätte Dir dein sauberer zudringlicher Verehrer Adam nicht den Konskriptionsbrief Rupprechts gespickt von Unwahrheiten vorlesen müssen. Und Du hättest nicht geglaubt, dein Liebster muss auf eine ferne Insel der Menschenfresser. Und der Richter hätte Dir nicht einreden können, dass es es „richten“ könne, wenn Du machst was er will…. Tja, aber dann hätten wir keine Komödie und Schauspieler wie Brandauer kein so prächtiges Vehikel für sein heißes Bühnenblut.

 Das Berliner Ensemble erinnert an diesem Wintertag in Berlin ein wenig an die Atmosphäre des Burgtheaters aus alten Tagen. Prall gediegenes Theater und ein Publikum, das es zu schätzen weiß.

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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