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BEL CANTO: LA VOIX DE L‘ALTO

17.03.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

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BEL CANTO: LA VOIX DE L‘ALTO

Antoine Tamestit, Cédric Tiberghien

harmonia mundi CD

Opernparaphrasen und virtuose Schaustücke für Viola und Klavier

Diese Diva kennt keine Tagesverfassung, sie kann sich nicht erkälten, ist immer prächtig bei Stimme und hat das Geheimnis der ewigen Jugend gepachtet. Sie singt voller Sehnsucht und Passion, spinnt endlose Phrasen und blüht in den vertracktesten Verzierungen nochmals auf. Die Rede ist von der Bratsche, einem Instrument, das sich erst spät aus dem übermächtigen Schatten der Violine gelöst hat. 

Und es gibt heute einen Virtuosen auf dem Instrument, der wahre Wunder aus seinem Füllhorn, der Stradivarius „Mahler“ aus dem Jahr 1672,  zaubert. Der Franzose Antoine Tamestit, ist im zeitgenössischen Repertoire (Uraufführung des Violakonzertes von Jörg Widmann) genauso zu Hause wie in der Barocke oder eben der französischen Romantik, wie er dies mit dem vorliegendem Album unter Beweis stellt. Nach Hector Berlioz, welcher der Viola das Solo in „Harold en Italie“ anvertraut hat, waren es vor allem Jaques-Fereol Mazas und Henri Vieuxtemps, die sich an dem üppigen tiefen Klang der Viola berauschten. Vieuxtemps, ein belgischer Geiger, dessen „Sonate pour piano et alto Op. 36“, seine „Élegie pour alto avec accompagnement de piano Op. 30“ sowie das „Capriccio pour alto seul Op. 55“ den harten Kern der CD ausmachen, weiß wie kaum ein zweiter alle klanglichen Facetten der Bratsche beeindruckend zur Geltung zu bringen. 

Jaques-Fereol Mazas, ein Pariser Virtuose des 19 Jahrhunderts, legt, wie im wunderbaren „Le Songe“, Élegie sur La Favorite de Donizetti mitreissend Faktur wird, höchsten Wert auf Sanglichkeit und reiche Expressivität. Die Cavatine des Fernand aus dem 4. Akt „Ange si pur, que dans un songe j‘ai pu trouver“ ist des beredter Zeuge. Antoine Tamestit hat selbst drei Arien für Viola und Klavier bearbeitet, sie bilden sozusagen das Rückgrat des Titels der CD, nämlich die Arie der Marie „Il faut partir“ aus Donizettis „La fille du régiment“, die Arie der Léonore aus La Favorita „O mon Fernand“ sowie die „Casta diva“ aus Bellinis Norma. Cédric Thiberghien, ebenso aus Paris stammend, ist mehr als ein bloßer Begleiter, er ist in allen Nummern des Albums kongenialer Partner. Im Wechselspiel der Genien erhöht er mit seinem Klavierspiel nochmals den Reiz der Viola, die zusammen ein echtes Traumpaar abgeben.

Die auch klangtechnisch ganz hervorragende CD enthält noch das „XVe Prélude pour alto seul“ von Casimir Ney, vulgo Louis-Casimir Escoffier. Casimir Ney hatte 24 Präludien für Viola solo geschrieben, solistisch virtuose  Höhenflüge, die „denjenigen Paganinis für die Violine in nichts nachstehen“. Das kommt im 15. Prélude, „dieser veritablen kleinen lyrischen Szene mit ihrem theatralischen Einleitung, ihrem brillanten Marsch und der Virtuosität einer Primadonna perfekt zum Tragen“. 

Eine grandiose CD mit hohem Repertoirewert, grandios und souverän interpretiert. Wie sich das eben so für eine echte Diva geziemt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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