Starttermin: 10. November 2016
BEFORE I WAKE
USA / 2015
Regie: Mike Flanagan
Mit: Kate Bosworth, Jacob Tremblay, Thomas Jane u.a.
Im Vorspann gibt es eine Gewalttat, die das Publikum ratlos hinterlässt, aber der Film springt sofort auf das nächste Thema, so dass man sie eher vergisst. Erst am Ende – im Laufe der Begebenheiten wird nach und nach alles klar – setzen sich die einzelnen, höchst zahlreichen unerklärlichen Elemente des Films zu einem Muster zusammen.
Es ist prinzipiell nicht glaubwürdiger als Horrorfilme gemeiniglich, dennoch bekam der Film außergewöhnlich gute Kritiken. Vielleicht, weil er eine so menschliche Geschichte erzählt – und weil Regisseur Mike Flanagan (der sich hier in „seinem“ Genre befindet) es schafft, den Horror nicht auf die übliche, primitive Weise zu erzeugen, sondern so überraschend, dass man ehrlich über die eigene Gänsehaut erschrickt.
Da ist eine Tragödie – Jessie und Mark, ein sehr sympathisches Paar (Kate Bosworth und Thomas Jane), haben bei einem Unfall ihren kleinen Sohn verloren. Die Frau würde sich in die Trauer stürzen, der Mann meint, es müsse weitergehen. Dass sie den kleinen Jungen Cody (der faszinierende Jacob Tremblay, der schon in „Room“ von höchster Nachdrücklichkeit war) quasi als „Ersatz“ adoptieren, ist natürlich Unrecht – am eigenen Kind, das sie nicht vergessen können und dessen Fotos sie Cody zeigen, und an dem Ersatzkind, so liebevoll sie sind. Cody ist zwar freundlich und entzückend (während man sich Kinder dieser Art als eher verschlossen und schwierig vorstellt) und schleppt, das erfährt man bald, selbst schwere Erinnerungen aus der Vergangenheit mit…
Dass die ganz realistische Familiensituation, die sich um Normalität und aufrichtige, nicht sentimentale Trauerarbeit bemüht, dann plötzlich irrational ausgleitet – ja, dergleichen wird dem Kinopublikum auferlegt, das kann man glauben oder nicht. Mit Schmetterlingen beginnt es, um Schlaf oder nicht Schlaf (und welche Träume oder Wachvorstellungen kommen) geht es, und in den schrecklichsten Horrorvisionen (oder doch Wirklichkeiten?) endet es.
Der Ehemann verschwindet scheinbar in die Visionen hinein, Jessie begibt sich auf die Suche der Vergangenheit des Jungen und stößt auf eine besonders tragische Story. Aus dieser erklären sich dann auch die einzelnen Bilder, die Cody und seine Adoptiveltern, die sie „aufgefangen“ haben, so quälten. Das „Happyend“ mit dem Jungen erscheint ein wenig seltsam – denn offenbar wird der verschwundene Ehemann als gottgegeben und nicht weiter hinterfragt hingenommen…!
Was man in diesem Horror, der zu den feineren gehört, eben glauben muss, wäre die Fähigkeit des menschlichen Gehirns (in diesem Fall des kleinen Jungen), Bilder zu projizieren, die auch als solche von anderen empfangen werden können, und die sich auch noch monströs materialisieren… Horror-Ideen, die man lieber nur im Kino sieht.
Renate Wagner